Concordia. 575
Erbe haben, das Dich nach meinem Tode vor Mangel und
Noth ſchützt.“ „Nicht um mich ſei beſorgt, beſter Vater,“ ſagte Evelis
zärtlich,„ich bin glücklich, wenn ich Dich heiter und zufrieden
ſehe. Gott wird für mich ſorgen, wenn wir uns trennen müſſen, und das iſt noch lange hin. Was brauche ich mehr, als ich habe? Ich bin zufrieden und ſehne mich nicht hinaus aus dieſer kleinen friedlichen Welt. Oft, wenn Du von den großen Städten erzählteſt, durch die Ihr marſchirt ſeid, von den reichen Leuten, bei denen Ihr im Quartier lagt während des Feldzugs, von den Schätzen und prächtigen Dingen, die Du geſehen, und dem Leben in der großen Welt, von ihrem glänzenden Elende und gottloſen Treiben, dann dachte ich bei mir im Stillen, ich ſei wohl recht zu beneiden, daß ich fern von dem Allen leben dürfe, ohne Zwang und läſtige Förmlichkeiten, hier draußen in der friſchen Luft, in der Stille und Einſamkeit. Oft, wenn ich als Kind allein im Bruch umherkroch und die Brombeeren von den Sträuchern ſuchte, oder nach Haſelnüſſen umherging, oder im Walde die großen Ameiſenhaufen betrachtete, oder tief in der Haide Heidelbeeren kämmte, dachte ich an die reichen Kinder in den großen Städten, an ihre vornehmen Eltern, ihre vielen Lehrer, ihren Putz, und dann bedauerte ich ſie und dachte, wie froh ſie aufleben, wie ihre Wangen ſich röthen würden, könnten ſie mit mir ſo frank und frei durch Haide und Wald hin⸗ ſtreifen. Um nichts in der Welt hätte ich mit ihnen tauſchen mögen. So dachte ich als Kind, ſo bin ich aufgewachſen und denke noch heute nicht anders. Wären die Menſchen beſſer, als ich ſie durch Dich kenne, möchte ich wohl einmal den vielen Reiſewagen folgen, die im Jahr an unſerem Häuschen vor⸗ überrollen, aber auch nicht um fern von hier zu bleiben, ſon⸗ dern um wiederzukehren in meine liebe Heimat, in der ich glücklich war als Kind und noch glücklich bin.“
Dieſe Kindesſprache, dieſe Töne eines natürlichen, unver⸗ dorbenen Herzens preßten dem alten Krieger Freudenthränen aus den Augen.
„Ach,“ ſeufzte er,„warum mußte uns die ſelige Mutter ſo früh allein laſſen! Der Guten danke ich's doch, daß ich eine ſo gute Tochter habe. Der Himmel ſegne es ihr.“
„Amen!“ lispelte Evelis, leiſe ſchluchzend und ſtill wei⸗ nend an der Bruſt des Vaters im Andenken an die Ent⸗ ſchlafene.
Mit der Erinnerung an die Mutter trat auch die ruhige, liebe Geſtalt ihres Freundes vor ihre Seele, und auch über ihn weinte ſie. Das gute Herz ſollte ja ihr nicht gehören, es ſollte ja von ihr geriſſen werden. Die Grauſamkeit eines harten Vaters zertrat den Frieden ihrer Seele, bis jetzt wußte ſie kaum, daß ſie liebte, daß ſie ihn heiß und innig liebte, er war ihr Bruder, ihr Freund geweſen; nun ſie ihn für verloren hielt, fühlte ſie, daß er ihr mehr als Freund und Bruder war. Nun fühlte ſie, daß auch in dieſer ſtillen, friedlichen Welt der Schmerz ſein Opfer verlange, den ſie nur in der großen, glänzenden Welt zu Hauſe glaubte; nun wußte ſie, daß es auch in der Haide Trübſal und Leid gebe. Zum erſten Mal in ihrem ganzen Leben beſchlich ſie ein nagender Zweifel an dem inneren beſcheidenen Glück, ein drückendes, bitteres Weh, eine quälende, bange Ahnung vor dem kommenden Tage. Als ihre Mutter ſtarb, war ſie bis in den Tod betrübt, war ihre Seele tief erſchüttert, aber
ſie fand Balſam im Gebet, Linderung im Weinen; heute Abend brannte ihr Auge, ihre Bruſt ſchmerzte, ihr Kopf war voll wirrer Gedanken. Sie dachte nicht an Beten, ſie dachte nicht an Gott; ihre Phantaſie ſchaffte ſich düſtere Bilder, in denen ſich Menſchen einander des Daſeins Freude ver⸗ gifteten.
„Laß uns ſchlafen,“ ſagte der Vater, ihr ſanft empor⸗ helfend,„es wird uns Beiden wohlthun. Morgen iſt es uns wie ein Rauſch; wir wollen denken, es wäre ein Rauſch ge⸗ weſen. Leg' Dich ſchlafen, liebe Evelis.“
„Mir iſt zu heiß, Vater,“ ſagte das Mädchen,„es iſt ſo ſchwül in der Kammer; geh' und laß mich noch ein wenig am offenen Fenſter ſtehen, gute Nacht!“—
Draußen herrſchte Grabesruhe, kein Laut regte ſich, nur das ferne dumpfe Gemurmel des großen Tannenwaldes rauſchte leiſe herüber. Die Nacht war hell und kühl; aus der un⸗ endlichen Höhe des Himmels, hinter ſanftbewegten Wolken lugte die zarte Sichel des neuen Mondes blaß hervor, das milde Licht leuchtete freundlich herab auf die finſtere Erde, die es ſchlaftrunken hinnahm. Dort glitzerten helle große Sterne durch eine offene Wolkenkluft, hier ſenkte ſich ein leuchtender Bote aus ihrer Mitte der Erde entgegen und er⸗ loſch, ehe er ſie erreichte.
Die große Laterne über dem Fenſter flackerte hell und warf ein gelbes Licht auf die Heerſtraße. Der Schlagbaum war niedergelaſſen und ſperrte den Weg ab. ECvelis ſtand am geöffneten Fenſter und blickte ſtill in die Nacht; ein kühler
Luftzug umfächelte ihre Wangen, milderte die Gluth ihrer
thränenfeuchten Augen und verſchmolz mit dem heißen Athem ihrer Bruſt, in der Trauer und Schmerz walteten. Klagend blickte ſie zum ruhigen Himmel empor, ſeufzend ſank ihr Auge wieder zur ſchweigenden Erde herab. Sie ſuchte nach Troſt und fand ihn nicht; ihre Gedanken irrten flüchtig umher, auf dem Kirchhof zu der Mutter Grab, in's heitere Dorf, in die unbekannte große Welt, zu Gott. Nirgends ruhten ſie aus, weder in der Vergangenheit, noch in der Zukunft, weder im Himmel, noch auf Erden.
Lange ſtand die Einſame, ihrer inneren Qual zur Beute, am Fenſter, ſtarr hinausblickend in die finſtere, theilnahmsloſe Nacht; längſt ſchon tönte aus der halbgeöffneten Kammer der tiefe Athemzug des ſchlafenden Vaters, und mahnte auch die Ermattete, im linden Schlaf Vergeſſen zu ſuchen auf kurze Zeit, an was ſie zeitlebens zu denken hatte. Eben wollte Evelis das Fenſter ſchließen und ſich ihrem Lager nähern, als ſie ſtille ſtand und aufhorchte. In der Ferne klapperte ein Wagen auf dem holperigen Steinpflaſter; das Geräuſch. ſchallte näher und näher, und ehe eine Viertelſtunde verſtrich, konnte des Einnehmers Tochter das nahende Fuhrwerk auf der Straße unterſcheiden.
Die Ankunft des mitternächtlichen Geſpannes ſetzte das Mädchen in Furcht; ihr geübtes Ohr hatte, noch ehe ſie den Wagen mit den Augen erſpähen konnte, an dem Geräuſch deutlich erkannt, daß es kein gewöhnlicher Wagen ſei, der heranrollte, ſondern ein zweiräderiger Karren. Es war der⸗ ſelbe, der am Morgen in aller Frühe vorbeigefahren.
Evelis war unentſchloſſen, ob ſie den Vater wecken oder allein den Freiknecht abfertigen ſollte; noch ehe ſie einen Ent⸗ ſchluß gefaßt, hörte ſie die Scherben der zerſchellten Flaſche draußen unter dem Fuße des Nahenden klingen und ihn leiſe


