Jahrgang 
2 (1879)
Seite
574
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Concordia.

Mehrmals war Evelis ſchon aufgeſtanden, um vor die Thür zu treten und auf die Heerſtraße zu ſehen, ob der Vater noch nicht heimkomme; endlich konnte ſie ihn in der Ferne unterſcheiden. Die Tochter kannte ihren Vater und die Stimmung deſſelben am bloßen Gange, oder beſſer, am Marſch, denn der Einnehmer marſchirte ſtets wie ein Soldat. Je nachdem er ſich ruhig, heiter oder übelgelaunt zeigte, war auch ſein Schritt bald ſchneller, bald langſamer, bald leichter, bald ſchwerer. An dieſem Abend aber ward Evelis irre an der Kritik ihres Ohrs, denn des Vaters Gang war weder Parade⸗ noch Sturmſchritt. Als der Einnehmer mit einem halblauten Gruß eintrat, begegnete ſein Auge dem prüfenden offenen Blick des Mädchens, das ſich ſogleich überzeugte, daß ein anderer Grund als die gefürchtete Anziehungskraft des Krugs die ſpäte Ankunft des Vaters bewirkt haben müſſe. Um ſo geſchäftiger und freundlicher bemühte ſie ſich, es ihm bequem zu machen. Der Alte ließ ſich nachdenklich auf einen hölzernen Lehnſtuhl nieder.

Du biſt verdrießlich, Vater? ſagte Evelis, ein Schweigen brechend, das die tiefe Stille draußen um ſo drückender machte. Und worüber, wenn Dein Kind es wiſſen darf? fragte ſie nach einer Bejahung ihrer Anrede.

Hielt Johann heute Abend hier an? fragte der Alte ſtatt der Antwort.

Ein Viertelſtündchen, ſagte Evelis.

Der arme Burſche! ſprach der Vater.

Warum bedauerſt Du ihn? fragte das Mädchen er⸗ ſchrocken.

Weil er heiraten ſoll, darum bedauere ich ihn, und nicht ihn allein, ſondern ſonſt noch wen: Eine, die ſich wohl mag eingebildet haben, das gute Herz werde keine andere Frau nehmen, als ſie.

Wen meinſt Du damit, Vater?

Mein eigen Kind meine ich damit. Sag' mir, hat Jo⸗ hann nie mit Dir davon geſprochen?

Von der Heirat? Niemals!

Und denkſt Du, Evelis, es ſei nicht Zeit, daß er heirate?

Ich weiß nicht, was ich Dir darüber ſagen ſoll. Ich ſehe wohl, Du haſt mit dem Krüger von uns geſprochen, und das iſt nicht gut. Johann und ich ſind uns gut, aber wir haben noch nie an's Heiraten gedacht. Ich kann mir nicht denken, daß ich je einen anderen Mann freien könnte als ihn, und ebenſowenig, daß er je ein anderes Mädchen nehmen wird, als mich; aber ich weiß nicht, ob er mich nimmt.

Das ſollteſt Du längſt wiſſen, denn Ihr ſeht und ſprecht Euch Tag ein, Tag aus und alle Welt hält Euch für ein Paar Brautleute ſeit dem Tode Deiner ſeligen Mutter.

Dazu gaben wir Niemand Veranlaſſung, auch Dir nicht, mein Vater.

Ich bin aber doch Narr genug geweſen, es mir ein⸗ zubilden, wie die anderen Leute im Dorf. Da ich nun eines Anderen bedeutet worden bin, wirſt Du mir Recht geben, wenn ich Dir ſage, daß unſer Verkehr mit des Krügers ganzer Sippſchaft ein Ende nehmen muß, daß wir uns künftighin nicht weiter kennen, als Guten Tag Schönen Dank! Ich bin ein armer Krüppel, aber es ſoll Niemand von mir ſagen, ich drängte mich auf, oder gar mein Kind. Sag's dem Jo⸗ hann morgen am Tage, wenn Du nicht willſt, daß ich's ihm minder glimpflich zu verſtehen geben ſoll, als Du es ihm bei⸗

bringen wirſt; ſag' ihm, daß er künftig daheimbleiben ſoll in ſeines hochmüthigen Vaters Wirthſchaft, daß er mir aber mein Haus reſpektiren und nicht mehr über meine Schwelle kommen ſoll.

Und das wollteſt Du dem Johann zu Leid thun, der Dich liebt wie einen Vater, den Du lieb haſt wie einen Sohn? ſagte Evelis bekümmert.Ach, ich ahnte es längſt, daß es einmal Unfrieden geben würde zwiſchen Dir und ſeinem Vater; ich dachte nicht, daß Ihr Euch veruneinen würdet wegen Eurer Kinder.

Der Alte gab es mir fauſtdick zu verſtehen, fuhr der Einnehmer fort,daß er es überdrüſſig ſei, uns und anderes Geſindel von ſeinem Hausſtand mitzehren zu ſehen. Himmel⸗ donnerwetter! So'was muß ſich ein alter Soldat ſagen laſſen, der dies Bauernvolk gegen den Feind vertheidigt hat mit ſeinem Blut! Das ſag' ich Dir, daß Du mir nicht ſo viel in's Haus ſchicken läßt von dem Geizhals. Lieber will ich Salz und Kartoffeln eſſen Jahr ein, Jahr aus, als mir noch einmal ſagen laſſen, daß ich ein Lump ſei; keinen Tropfen Korn will ich mehr an den Mund bringen, lieber will ich Gift ſchlucken als aus der Krügers Faß. Bei den letzten Worten nahm der ergrimmte Mann eine Flaſche von grünem Glas vom Tiſch, öffnete das Fenſter und ſchleuderte ſie zornig hinaus gegen den Pfahl vor der Thür, daß die Scherben klirrend umherſprangen.

Evelis hatte ſich wieder an das Spinnrad geſetzt und, be⸗ trübt auf den Faden in ihrer Hand niederblickend, die heftige Rede ihres Vaters angehört. Der Schluß derſelben ſchien ſie am tiefſten zu ſchmerzen, er zeigte ihr, wie bitter ſich der Vater gekränkt fühlen, wie hart ſeine Ehre angegriffen ſein mußte! Helle Zähren ſtanden ihr in den großen blauen Augen, die nur den Tod der Mutter zu beweinen gewöhnt waren, Mitleid ſtrahlte aus ihren ſchönen ſanften Zügen, die nur geſchaffen ſchienen, frohſinnig in die Welt zu lächeln.

Gräm' Dich nicht, guter Vater, ſagte ſie gefaßt,und nimm Dir die böſen Worte nicht zu Herzen; ich kann und will mehr arbeiten, als bisher, es ſoll uns nichts abgehen. Auch verſpreche ich Dir, Alles zu thun, was Deine Ehre und die meinige verlangt. Du haſt es wohl um Deine Tochter verdient, daß ſie Dich auf den Händen trägt; hatteſt Du doch meine Mutter ſo lieb und haſt auch mich ſo lieb! Sie ſollen Dich nicht ärgern auf Deine alten Tage; ſind wir auch arme Menſchen, ſind wir doch ehrlich; ich habe einen ehrlichen Vater und Du haſt an mir eine ehrliche Tochter, die Dich nicht ver⸗ läßt, nicht müde wird, für Dich zu ſorgen, die für Dich betet.

Evelis ließ ſich auf die Erde nieder und knieete vor dem Vater, der auf dem hölzernen Lehnſtuhl wieder Platz genommen hatte. Das Mädchen ſchlang einen Arm um ihn und legte den Kopf ſanft an ſeine Bruſt.

Ja, ſagte der Alte gerührt und ſtreichelte mit ſeiner linken Hand der Tochter die erhitzte Wange,ich habe eine ehrliche Tochter, die ihrer ſeligen Mutter im Grabe Ehre macht. Was wäre doch mein Leben, wenn ich Dich nicht hätte! Aber es geht mir durch's Herz, wenn ich denke, Du ſollſt Deine ſchöne Jugend hingeben, um einen alten Krüppel zu pflegen, der der Welt keine Freude mehr iſt, ſollſt hier in der Haide einſam Deine Tage vertrauern und nichts vom Leben haben als Sorg' und Mühen, nicht einmal ein kleines