Jahrgang 
2 (1879)
Seite
576
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576 Concordia.

an's Fenſter klopfen. Raſch wandte ſie ſich zu dem letzteren, öffnete es, ohne den Blick vom Boden aufzuſchlagen, und reichte dem Fuhrmann den Wezzettel, dann faßte ſie ſchnell die Kurbel der Winde zur Seite des Fenſters und ließ den Schlagbaum in die Höhe ſchwenken; darauf trat ſie mehrere Schritte vom Fenſter zurück und wartete, bis das Weggeld erlegt und der Wagen durch den Schlagbaum gefahren ſei⸗ Aber weder Mann noch Roß regten ſich draußen. Als ſie unwillkürlich den Blick erhob, ſchauderte ſie zuſammen; der Freiknecht hatte ſein Haupt durch das Fenſter geſteckt und ſtarrte, mit dem Kinn auf der Fenſterbank liegend, die Geſtalt des Mädchens gierig an. Die Züge ſeines ſchmuzig blaſſen Geſichts waren häßlich verzückt, die rechte Seite deſſelben war durch den Tabaksknäul, den er zwiſchen der Wange und den Backen⸗ zühnen eingeklemmt hielt, aufgedunſen, ſein Mund ſtand offen und ſprach eine wilde, ſtumme Freude aus, ſeine Augen er⸗ glänzten in ihren Höhlen von einem ſtechenden Feuer und aus ſeiner nackten rauhen Bruſt ſtrömte ein lauter, tiefer Seufzer. Evelis war keines Wortes mächtig, als ſie ſich von dem Fürchterlichen ſo beobachten ſah. Boß hob den Kopf, als winkte er ihr, näherzutreten.

Was wollt Ihr? ſtammelte das Mädchen endlich, ſich

zuſammenraffend.

Seid Ihr mir bös? flüſterte der Freiknecht heiſer. Seid nicht bös, Jungfer. Schenkt mir einen Topf Waſſer, ich perdurſte, ehe ich nach Hauſe komme. Es war heiß in der Haide. Mein Pferd und ich haben ſeit Mittag keinen Tropfen Waſſer, keinen Biſſen Brot gehabt. Ihr ſeid gut, gebt mir Waſſer!

Die Stimme des Durſtenden hatte etwas Flehendes, Schmerzliches, das dem Mädchen zu Herzen drang. Mitleid und Furcht kämpften in ihr einen Augenblick, dann ging ſie zur Küche und holte einen irdenen Topf mit friſchem Waſſer, trat an's Fenſter und ſtreckte ihn dem Freiknecht entgegen, Gierig brachte dieſer das gefüllte Gefäß an den Mund und leerte es in langen Zügen bis auf den Boden, dann ſetzte er es ab und ſprach erſchöpft:Ich danke Euch, das that wohl! Die Worte kamen ihm pom Herzen.

Evelis war gerührt, die Furcht vor dem Häßlichen machte ganz dem Mitleiden mit ihm Platz.Geht hinter das Haus, ſprach ſie zu ihm,am Brunnen findet ihr einen Eimer, gebt Eurem Thier einen Eimer Waſſer,(Fortſetzung folgt.)

Plandereien.

In der Zeit, da die Abgaben auf Kaffee am höchſten geſtiegen waren und es Jedem verboten war, Kaffee zu brennen, verfiel ein Jude auf einen der ſonderbarſten Einfälle. Er ließ ſich nach Art einer Kugelform eine Form machen, die ſtatt der Kugel eine Kaffee bohne abdrückte. Nuu ſaß er Tag und Nacht für ſich allein, formte aus grauem Thon Kaffeebohnen, trocknete dieſe, und wußte ihnen ein Anſehen zu geben, daß auf den erſten Blick Jeder getäuſcht werden mußte. Bald hatte er einen Scheffel dieſer Waare fertig, und da der Vortheil, den die Kaufleute mit eingeſchwärztem Kaffee machten, ſehr groß war, ſo hatte er ſehr bald einen Abnehmer gefunden,

dem er die Waare während der Nacht zu bringen verſprach. Ganz

dreiſt und unbefangen fuhr er durch das Thor, beſonders da er im Ertappungsfalle das Ganze für einen Scherz ausgeben wollte, gegen den die Steuer⸗Behörde aus dem Grunde nichts haben konnte, da die Waare keine eigentliche Contrebande war. Der Zufall wollte, daß gerade kurz vorher der Behörde angezeigt war, wie dieſen Abend mehrere verbötene Waaren eingeſchwärzt werden ſollten. Man gab daher um ſo ſchärfer Acht; die Unbefangenheit des Juden täuſchte nicht; ſein Fuhrwerk wurde viſitirt, die Surrogat⸗Bohnen wurden gefunden, konfiszirt, und der Jude mußte, aller Pro⸗ teſtationen ungeachtet, in Arreſt. Im Verhör ſuchte er ſich durch das Vorgeben, er wolle einen Scherz damit machen, zu retten. Allein die Behörde verſtand dieſen Scherz nicht; ſie ging von dem Geſichtspunkte aus, der Angeklagte habe ſie einerſeits äffen, anderer⸗ ſeits aber das Publikum betrügen wollen, und verurtheilte ihn, da er kein Vermögen beſaß, zu fünfjährigem Gefängniß. Der Jude wandte ſich an den Monarchen, der freilich über den originellen Einfall des Juden herzlich lachte, indeß ſich aber auch Bericht von der Acciſe erſtatten ließ, die an ihre Antwort zugleich die Frage hing, ob der Jude für ſeinen Frevel hinkänglich durch dies fünf⸗ jährige Gefängniß beſtraft ſei. Friedrich antwortete:Der Jude bleibt Arreſtant, da die Aceiſe nicht mit ſich darf ſpielen laſſen. Uebrigens iſt er ein Betrüger und ſoll daher, ſo lange die von ihm verfertigten Kaffeebohnen aushalten, jeden Morgen und Nachmittag eine Portion dieſes Kaffees zu trinken mit Gewalt angohalten werden.

Gerichtlicher Revers eines ſächſiſchen Edelmannes, ſich in Zeil von ſechs Wochen nicht wieder zu betrinken:Altenburg, 9. Jüutnt 1792. Demnach ich Endesunterzeichneter wegen geſtern übertriebenen Trunkes, wodurch ich leicht um Leib und Leben, meinem armen Weib und Kind zum höchſten Schaden, hätte kommen ſollen, mich nunmehro reſolvirt habe, zwiſchen hier und Jakobi, alſo den 25. Juli, mich mit dergleichen Laſter niemals zu überladen, auch zu deſto ſteifer, feſter Haltung derſelben, da ich mich etwa binnen dieſer Zeit dazu vexanlaſſen dürfte, verpflichte ich mich zu allen Malen ein paar gute Maulſchellen von meinem gnädigen Herrn, oder wem es Ihr Guaden Jemandes von den Ihrigen anbefehlen wollte, zu erhalten oder mich ſonſten mit einer ungewöhnlichen Ehrenſtrafe belegen zu laſſen. Zu mehrer Bekräftigung habe ich ſolches eigen⸗ händig unterſchrieben. Wolf Dietrich von Brandenſtein.

Ein puritaniſcher Prediger in Nordamerika bemerkte zu ſeinem Verdruß, daß ein hübſches, zu ſeiner Sekte gehörendes Mädchen Locken trug.Ach, Eliſe! ſprach er,Du ſollteſt doch Deine edle Zeit nicht ſo mit eitlen Dingen vertändeln und Dir Locken drehen. Wäre es Gottes Wille geweſen, daß Du ſolche Locken hätteſt haben ſollen, ſo würde ſie der Allmächtige ſchon Dir gekräuſelt haben. Entſchuldigen Sie, gab das Mädchen naivd zur Antwort, wenn ich Ihre Anſicht nicht habe! Als ich noch ein kleines Kind war, hat mir allerdings der liebe Gott das Haar gekräuſelt, aber jetzt, wo ich groß bin, kann ich ihm das nicht mehr zumuthen und muß es deshalb ſelbſt thun.

Der franzöſiſche Ingenieur⸗Oberſt D.. kam nach Potsdam, um in Dienſte des Königs zu treten. Friedrich nahm ihn in Dienſte. Um ſich bei dem Monarchen(recht beliebt zu machen,

machte er dieſem ein Geſchenk mit den Plänen aller franzöſiſchen

Feſtungen.Ich danke Euch für dies Geſchenk, aber bei Strafe des Galgens unterſage ich Euch, je eine meiner Feſtungen zu be⸗ treten, da Ihr einen ſo ſchlechten Gebrauch von Euren Talenten macht. Richtet meine Minixer und Sappeurs ab, dazu will ich Euch gebrauchen.. Wirklich durfte D. nie in eine Feſtung kommen. Der Monarch ſchätzte ſeine Einſichten; ſeinem Chatatter traute er nie.

Verantwortlicher Redakteur Otto Freitag in Dresden. Verlag von Otto Freirag in Dresden. Druck von F. W. Gleißner in Dresden.