Jahrgang 
2 (1879)
Seite
571
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Concordia. 571

indem er ſich dicht an das Ohr des Barons neigteſollte dann der Himmel ein frühes Ende über den jungen Mann verhängen, ſo wird dies alle Welt für eine Folge ſeines flotten, zügelloſen Lebens halten.

Ein überraſchtesAh! entfuhr den Lippen des Barons und eine kurze Pauſe trat ein.Das frühe Ende alſo iſt der Zweck der kleinen Intrigue; das große väterliche Erbtheil des jungen Grafen fällt nach deſſen Tode an ſeine Mutter zurück, die vielleicht ſo liebenswürdig iſt, ebenfalls ſo ſchnell als mög⸗ lich das Zeitliche zu ſegnen, um Sie, ihren zweiten Gatten und nunmehrigen alleinigen Erben, in den unbeſchränkten Beſitz ihres bedeutenden Vermögens zu ſetzen. In der That, Legationsrath, ich bewundere Ihre Kombinationsgabe!

Ein unangenehmes Lächeln umſpielte die Lippen des Geſchmeichelten.

So weit ausſehend iſt mein Plan zwar nicht, ſagte er mit einer Miene, die das Gegentheil ausdrückte,ſollten aber Ihre Folgerungen zutreffen, lieber Baron, ſo nun, ſo wäre uns Beiden geholfen!

Sie dürfen auf mich zählen, Verehrteſter, wie ich im Falle des Gelingens auf Sie rechne, entgegnete der alte Herr. Manus manum lavat! fügte er hinzu, indem er mit Daumen und Zeigefinger die Bewegung des Geldzählens nachahmte.

In dieſem Augenblicke erſchütterte ein Kanonenſchlag die Luft.

Das Feuerwerk beginnt, ſagte der Legationsrath leiſe, indem er ſich erhob;gehen wir zur Geſellſchaft zurück, man könnte uns vermiſſen. Ueber unſere Angelegenheit ſprechen wir morgen weiter.

Er reichte ſeinem Gefährten die Hand und Beide begaben ſich auf verſchiedenen Wegen nach der Schloßterraſſe zurück. Einige Minuten ſpäter erſchienen ſie mit der unbefangenſten Miene der Welt im Kreiſe der übrigen Gäſte.

2. Kapitel.

Jenſeits des Weihers, der den Schloßpark von Gatterſee begrenzt, dehnt ſich ein großer, zu letzterem Gute gehöriger Forſt aus, der einem zahlreichen Wildſtande zum Aufenthalt dient. Etwa eine halbe Stunde vom Herrenhauſe entfernt durchſchneidet die Eiſenbahn den Wald, an deſſen Saume ſich in tiefſter Einſamkeit ein Bahnwärterhäuschen befindet. Die nächſte Ortſchaft, in welcher die Bewohner des Wärterhauſes ihre geringen Einkäufe beſorgen, liegt wohl eine Stunde ent⸗ fernt und die einzigen menſchlichen Weſen, die zuweilen in dem einſamen Hauſe vorſprechen, ſind arme Holzſammler, die ſich einen Schluck Waſſer erbitten, oder der herrſchaftliche Förſter, der nach langer Wanderung durch das Revier hier gern ein Stündchen raſtet.

Der Zug war eben vorübergebrauſt und das dumpfe Dröhnen ſchallte noch von fern durch den Wald. Der alte Bahnwärter, Benjamin Gerhard, war in ſein Stübchen zurück⸗ gekehrt, ſein Dienſt war für jetzt gethan und er durfte ſich eine kleine Erholungspauſe gönnen. Er zog aus dem Tiſchkaſten eine große Hornbrille hervor, ſchob ſie über die Augen und langte den Kalender von der Wand, um zu leſen.

An einem dicht mit blühenden Pflanzen beſetzten Fenſter

ſaß ein junges Mädchen, mit einer Näherei beſchäftigt. Sie

mochte kaum achtzehn Jahre zählen und ihre Geſtalt war mit der ganzen Anmuth dieſes goldenen Alters übergoſſen. Ein reizendes, jugendfrohes Lächeln lagerte auf dem friſchen Geſichte, lange blonde Zöpfe wallten den Rücken herab und das leichte Kattunkleid war zwar hier und da ausgebeſſert, aber von tadelloſer Sauberkeit. Ueber ihr hing ein Käfig, in welchem ein Kanarienvogel munter umherhüpfte; zuweilen kühlte er ſein Gefieder in dem kleinen Näpfchen mit friſchem Waſſer und überſchüttete dann ſeine Herrin mit einem feinen Sprühregen, den dieſe lachend über ſich ergehen ließ. Auf dem unteren Theil des Kleides, der auf der Diele auflag, hatte ſich eine Katze behaglich ſchnurrend ausgeſtreckt.

Die alten guten Bauernregeln ſind doch nicht ſo ganz zu verwerfen, ſagte der Bahnwärter, nachdem er eine Weile in dem Kalender geblättert hatte.Hier ſteht es:

Dreht zweimal ſich der Wetterhahn, So zeigt er Sturm und Regen an.

Das Mädchen blickte verwundert auf.

Der Wetterhahn? rief ſie lachend.Du haſt Dir wohl ein ſolches Inſtrument auf eine Telegraphenſtange befeſtigt, Vater, denn ich wüßte hier im Umkreiſe von einer Stunde keine Windfahne aufzufinden, die Du beobachten könnteſt.

Meinſt Du, es müſſe durchaus ein ſolches Ding von Menſchenhand ſein, Suſanne? Meine Windfahne iſt die große Edeltanne drüben über dem Damme und ſie iſt zuverläſſiger, als alle Wetterhähne zuſammen, ſie roſtet niemals ein.

Glaubſt Du, daß ſtürmiſches Wetter eintritt? fragte Suſanne.

Der Wind hat ſich zweimal gedreht und wir haban Regen oder Gewitter zu erwarten.

In dieſem Augenblicke trat eine ältliche Frau in's Zimmer. Trotz ihrer Jahre ſie mochte ganz nahe an ſechszig alt ſein waren ihre Bewegungen noch flink und ſicher und eine gewiſſe Energie ſprach aus ihrem Weſen. Der Transport des ſchweren mit Wäſche gefüllten Korbes, den ſie in den Händen hielt, ſchien ihr keine großen Schwierigkeiten zu machen.

Meine Wäſche iſt diesmal wie friſch gefallener Schnee, Suschen, rief ſie, den Korb abſetzend;die Mädchen drüben in Birkenthal müſſen Dich beneiden, wenn ſie Dich nächſten Sonntag in der Kirche ſehen.

Soll ich Dir behilflich ſein, Mutter? ſagte Suſanne, indem ſie Miene machte, ihre Arbeit wegzulegen.

Nein, nein, bleib' Du nur bei Deiner Näherei, das bischen Wäſche bringe ich bald in Ordnung.

Und flink langte ſie ein Stück nach dem anderen aus dem Korbe, glättete es ſäuberlich mit den Händen und legte es auf den vorher ſorgfältig abgewiſchten Tiſch, damit ja kein Stäub⸗ chen an dem weißen Linnen haften bleibe.

Drüben auf dem Schloſſe iſt es geſtern hoch hergegangen, erzählte die Alte, ohne ſich in ihrer Arbeit ſtören zu laſſen, ein großes Feſt, wohl an hundert herrſchaftliche Wagen, einer immer nobler als der andere, ſind in den Schloßhof gefahren.

Uebertreibe nicht, Mutter, ſagte der Bahnwärter lachend, im Schloßhofe haben kaum dreißig Equipagen Platz und viel mehr ſind auch hier im Umkreiſe von zwei Meilen nicht auf⸗ zutreiben.

Ich weiß, was ich weiß, erklärte Frau Gerhard be⸗ ſtimmt,die alte Asmuſſen die Leute nennen ſie nur die tolle Guſte kam vorhin mit ihrem Bündel dürden Holzes