Jahrgang 
2 (1879)
Seite
570
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570. Concordia.

und Freude und das leiſe Rauſchen der Baumwipfel klang wie ein ſtilles Nachtgebet, zu welchem die ſanften Töne der Muſikkapelle, die von der Schloßterraſſe ihre Weiſen erſchallen ließ, wie ferner Orgelton herüberzitterten.

In dem abgelegenſten Theile des Parkes, zwiſchen dichten Laubpartien, ſchritten zwei Männer dahin. Ihre düſteren Geſichtszüge contraſtirten ſeltſam mit dem ſtillen Naturfrieden ringsum und das haſtig, aber leiſe geführte Geſpräch ſchien nicht geeignet, eine fröhlichere Stimmung hervorzubringen.

Der Eine war ein langer, hagerer Mann, etwa in der Mitte der vierziger Jahre, in eleganter Toilette. Sein Geſicht hatte etwas Mattes, Abgeſpanntes, die kleinen, grauen Augen ſchweiften unruhig hin und her, als fürchteten ſie irgend eine unangenehme Entdeckung zu machen, ſeine Finger waren in fortwährender nervöſer Bewegung und ſeine Haltung ein wenig nach vorn geneigt. Der wohlgepflegte volle Backenbart zeigte noch keine Spur jener unwillkommenen Silberfäden, die ſich in dieſem Alter einzuſtellen pflegen, aber das dunkle, glänzende Braun deſſelben ſchimmerte in der Abendſonne etwas car⸗ moiſinroth und ſchien nicht ganz Naturfarbe zu ſein. In der Kravatte und an der linken Hand funkelten mächtige Brillanten.

Sein Begleiter war das direkte Gegenſtück; von gedrunge⸗ nem, kräftigem Körperbau, zeigte ſein dickes rundes Geſicht jene verdächtige Röthe, die auf eine beſondere Vorliebe für geiſtige Getränke hindeutet. Er war um zehn bis zwölf Jahre älter, als der Andere, Haar und Bart ſpielten bereits ſtark in's Graue, und ſeine Kleidung zeigte nichts von der ängſtlichen Sorgfalt, die bei Jenem faſt an's Geckenhafte ſtreifte.

Ich wiederhole Ihnen, lieber Legationsrath, daß es ſo nicht mehr fortgehen kann, flüſterte der Aeltere ſeinem Ge⸗ fährten zu.Wenn nicht bald eine Aenderung eintritt, iſt Alles verloren.

Und weshalb ſagen Sie mir das immer wieder, Baron? fragte der Angeredete.

Weil Sie mir helfen können, helfen müſſen!

Sie irren, wenn Sie glauben, ich ſei vermögend. Laſſen Sie uns offen ſein, Baron. Ich weiß, Ihr kleines Gut iſt ſo verſchuldet, daß Ihnen Niemand mehr einen Pfennig darauf borgt, aber auch meine Mittel ſind erſchöpft. Ich habe in der letzten Zeit entſchiedenes Unglück im Spiele gehabt, der Teufel mag wiſſen, wie es zugeht. Ich habe nur noch eine Hoffnung, ſchlägt auch dieſe fehl, dann werden Sie eines ſchönen Tages beim Morgenkaffee von Ihrem Diener die pikante Neuigkeit erfahren: der Legationsrath Stüber iſt ſeit geſtern ſpurlos verſchwunden.

Der Baron war ſtehen geblieben und ſchaute ſeinem Be⸗ gleiter ungläubig in's Geſicht.Wenn es ſo iſt, wie Sie ſagen, dann haben Sie es vortrefflich verſtanden, den Schein zu wahren, ſagte er, indem er ſeinem Etui eine friſche Cigarrette entnahm und ſie an dem Reſte der eben gerauchten in Brand ſteckte.Sie gelten für reich, Ihr ganzes Auftreten berechtigt zu dieſer Annahme, und Sie haben daher wenigſtens noch un⸗ beſchränkten Kredit, den Sie ausnutzen können. Zum Ver⸗ ſchwinden iſt es dann immer noch Zeit.

Die unſtäten grauen Augen des Legationsraths Stüber wandten ſich rückwärts, um ſich zu überzeugen, daß kein Lauſcher in der Nähe ſei. Seine Stimme klang womöglich noch ge⸗ dämpfter, als er erwiderte:

Sie ſprachen von meiner etwaigen gezwungenen Abreiſe

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ſo gleichgiltig, als handle es ſich um eine Spazierfahrt. Ich kann Ihnen dagegen verſichern, daß ich damit durchaus keine große Eile habe. Seit Wochen genieße ich die Eaſtfreund⸗ ſchaft der Gräfin, und bin entſchloſſen, dieſe Gaſtfreundſchaft ſo lange als möglich auszunutzen. Wenn man freilich er⸗ fährt

Er brach plötzlich ab, als fürchte er, zu viel zu ſagen.

Ein forſchender Blick des Barons traf den Legationsrath. Sie können ohne Zweifel ſo lange auf Schloß Gatterſee ver⸗ weilen, als es Ihnen beliebt, warf der Baron ein,früher oder ſpäter aber werden Sie ſich doch entſchließen müſſen, der Gräfin Ihren Abſchiedsbeſuch zu machen. Und was dann?

Ehe dieſe Frage an mich herantritt, muß erſt eine andere, weit wichtigere Angelegenheit erledigt ſein, und Sie ſeine Stimme ging in ein kaum hörbares Flüſtern überund Sie ſollen mir die Hand dazu bieten. Es handelt ſich um unſere beiderſeitige Exiſtenz.

Was ſoll ich dabei thun?

Der Legationsrath hatte ſeinen Begleiter vertraulich untet den Arm gefaßt und zog ihn nach einer dichten Laubgruppe, inmitten welcher eine Ruhebank ſtand. Die Sonne war längſt hinter dem Horizonte verſchwunden und nur noch einige tief⸗ violette Wölkchen am Himmel deuteten die Stelle an, wo das Geſtirn des Tages ſeine ewige Bahn gezogen war.

Laſſen Sie uns Platz nehmen, Baron, und hören Sie mir zu, ziſchelte Stüber.Die Gräfin iſt ſehr reich und noch immer eine ſtattliche Frau; ich glaube, ich könnte mich ihr, oder vielmehr ihres Geldes zu Liebe ſogar entſchließen, meine Freiheit und Selbſtſtändigkeit aufzugeben. Mit der Gräfin werde ich mich alſo zunächſt befaſſen. Dagegen nehmen Sie ihren Sohn, den jungen Grafen Ernſt von Gatterſee, auf ſich und ſorgen dafür, daß es ihm nicht an Zerſteuungen fehlt. Vielleicht finden Sie in Fräulein Eliſe, Ihrer Tochter, eine Bundesgenoſſin. Von Ihrem Eifer und Ihrem Geſchick wird es abhängen, ob Sie in nicht ferner Zeit ein ſchuldenfreies Gut und ein hübſches Baarvermögen beſitzen, oder ſich als Bettler von Ihrem Beſitzthum fortjagen laſſen müſſen.

Ich verſtehe, ſagte der Baron nach kurzem Ueberlegen. Sie gedenken der Gräfin den Hof zu machen und zugleich mit ihrer Hand ſich eine angenehme und ſorgenfreie Zukunft zu erwerben. Was aber in aller Welt ſoll ich mit dem jungen Manne anfangen? das Kerlchen iſt doch kaum der Beachtung werth, ſchwach und folgſam wie ein Kind, nachgiebig und un⸗ ſelbſtſtändig wie ein Greis.

Graf Ernſt iſt der einzige Erbe ſeiner Eltern, erwiderte der Legationsrath, und ſeine krampfhaft zuckenden Fingen machten eine Bewegung, als wollten ſie das Erbe des jungen Grafen erhaſchen und feſthalten,und als ſolcher keineswegs zu unterſchätzen. Er muß die Freuden und Genüſſe des Lebens kennen lernen, man muß ihm den Glauben beizubringen ſuchen, er ſei einzig und allein auf der Welt, um ſich zu amüſiren, keine Regung von Energie und Selbſtgefühl darf in ihm auf⸗ kommen. Er wird ſich daran gewöhnen, daß Andere für ihn ſorgen, und je gewiſſenhafter dies geſchieht, deſto weniger wird

ſich ſeine Willenskraft entwickeln, deſto mehr wird er ſich ſeinen Freunden und Nathgebern unterordnen. Man muß ſeine Sinne durch immer neue Vergnügungen und Genüſſe zu be⸗ rauſchen ſtreben, die darauf folgende Abſpannung wird ihn am ernſten Nachdenken verhindern. Und fügte Stüber hinzu