Concordia. 569
ziehend, denſelben dann endlich losließ, blieb der Sonntags⸗ jäger wie leblos auf dem Felsboden liegen.
„Hier iſt er ſicher! da kann er nicht hinabfallen über das G'wänd!— und die Sonn' wird ihn ſchon wieder lebendig machen!“ ſagte der Wilderer für ſich hin, und entfloh dann auf ſteinigen Umwegen mit ſeiner Beute am Rücken.
Während der eben geſchilderten Szene am Thurnbach⸗ Horn ſaß traurig und einſam das blinde Mütterlein in der ärmlichen Hütte beim Hieſel am Brandt. Trauernd über die vor einigen Tagen erſt auf ſo ſchreckliche Weiſe verlorene Tochter, bangend um den auf geſetzwidriger Hochwild⸗Jagd wiſſenden Sohn, faltete ſie in ihrem Schoße die Hände wie zum Gebet. Ein tiefer Seufzer ob lang ertragenen Leidens kam aus der keuchenden, huſtenden Bruſt des unglücklichen Weibes. Lange ſaß das verlaſſene Mütterlein in dem däm⸗ mernden Morgengrauen ſo da, bis einige Thränen, aus den umnachteten Augen der Armen hervorbrechend, ihren Kummer und bitteren Gram etwas zu erleichtern ſchienen. Die Thräne, den heilenden Urquell der Linderung tiefer Seelenſchmerzen, hatte das grauſame Geſchick dem Mütterlein doch nicht ge⸗ raubt. Jetzt guckte die morgende Sonne endlich über das Kienberger⸗Joch und ſandte ihren beglückenden Gruß der armen Hütte am Hügel, die ſchwarzen Trümmerhaufen der Brandſtätte im Grunde beleuchtend. Selbſt der blinden Frau ſchien es heller vor den Augen zu werden, als der erſte Son⸗ nenſtrahl durch die kleinen, trüben Fenſterſcheiben in das ärm⸗ liche Stübchen hineinlugte, und ein wehmüthiges Lächeln ließ
das gramdurchfurchte Geſichtchen des Mütterleins um einen Grad weniger leidend erſcheinen. Da öffnete ſich leiſe die Thür und heller wie die Sonne faſt lachte das freundliche Geſichtchen des Reſerl am Brandt zur Hütte herein.
„Gut' Morgen, Mütterl! ich bin's, die Reſi von der Thalhofer Mühl,“ ſagte das hereinhuſchende, liebliche Mäd⸗ chen, einen anſehnlichen Korb voller Eßwaaren am Arme tragend.
Als Hieſel's Mutter die helltönende Stimme Thereſens hörte, lachte Freude aus den Zügen der Blinden. Als wie ein tröſtender Engel nahte ſich Reschen der ärmſten Mutter und ſtreichelte zärtlich das weißliche, aſchfahle Haar derſelben.
„Mütterl, ich komm' für einige Minuten in den Heim⸗ garten zu Euch!— Der Vater iſt eben'nauf auf ſeine Wälder am bairiſchen Ruck, um Holz auszuſuchen für den Wiederaufbau unſeres Wohnhauſes. Ich hab'’ Euch Brot, Eier und Selchfleiſch mitgebracht, und hier iſt ein Taſſerl Kaffee, gute Mutter, den Ihr ſo gern trinkt— aber etwas kalt iſt er halt worden, bis ich über das Hügerl zu Euch heraufſtieg,“ ſagte gutherzig das wackerſte Mädchen der Berge.
„Aber Reſi, das iſt zu viel!— Gott gy'ſegn's Dir tau⸗ ſendmal, guat's Dirndl, was Du mir Armen thuſt!— Freut' mich ja Dein Beſuch ſchon ſo unendlich, es iſt mir immer leichter um's Herz, wenn ich Deine Stimme um mich höre — und im Traum, wo ich auch wie andere glückliche Men⸗ ſchen Berg, Thäler und blumige Wieſen, oder auch rauſchende Waſſer durch's Land fließen ſeh', erſcheint mir zuweilen Deine liebliche Geſtalt wie ein Engerl!“ ſagte das nun redſelig ge⸗ wordene Mütterchen.(Fortſetzung folgt.)
Geheimnißvolle Pfade.
Erzählung von Otto Eberſtein.
1. Kapitel.
In dem prachtvollen Park des Schloſſes Gatterſee herrſcte munteres Treiben. Die Gutsherrſchaft hatte eines jener opu⸗ lenten Feſte veranſtaltet, die wochenlang die ganze Umgegend in Aufregung verſetzten. Die Gräfin von Gatterſee verſtand es meiſterhaft, ihre Gäſte zu unterhalten, und ſie liebte es, bei ſolchen Gelegenheiten den ganzen Reichthum und Glanz ihres Hauſes im hellſten Lichte ſtrahlen zu laffen
Eine lange Reihe eleganter Equipagen war in dem ge⸗ räumigen Schloßhofe aufgefahren, und während die Pferde in den Ställen behaglich ihren Häfer verzehrten, ſchlenderten die Diener und Kutſ ſcher rauchend und plaudernd zwiſchen den Wagen dahin, hier und da mit dem Rockärmel ſäubernd über
eines der ſilbernen Wabpenſchilder am Kutſchenſchlage wiſchend, oder von dem blauen, braunen oder grünen Sammetpolſter des Fonds mit der Händ den reſchlich dartai kageinden Straßen⸗ ſtaub ent feßend, lüan lS ſie Beſttzer der zahlreichen⸗ Slſer und Nittergütor der
1 3 1 1I 919 15 110G 11 11P2 911791
ius ümge gend vbm Gatterſee ſüchten en ihten ſchattigen Gärten
und. dtder Schüt vor der⸗ ſengenden Juliſonns und nur die eigen Glieber det Ariſtokrätie und hohen Finanzwelt
blisben in der ettsth dei Meien etttfetnten Reſideng zurück,
n) wäche dürch irgend lin Amt an den Hof gefeſſelt waren vder
* 5 est ig degsftnhe nteteſſen ſich veranlaßt ſahen, der
Rehe aus dem Diclicht,
Abendimbiß ſtören werde⸗
(Nachdruck verboten.) Börſe nahe zu bleiben. Alle Uebrigen kehrten der ſchwülen Luft, die in den Straßen der Stadt lagerte, den Rücken, um lin den deutſchen und öſterreichiſchen Modebädern, an den maleriſchen Seen Oberitaliens oder endlich auf ihren Gütern
ſich für die Campagne der nächſten Winterſaiſon zu ſtärken.
Die Letzteren, ſoweit ſie im Umkreiſe von vier bis fünf Stunden von Schloß Gatterſee ihren Aufenthalt genommen hatten, waren vollzählig der Einladung der Gutsherrſchaft ge⸗ folgt; es war eine glänzende Geſellſchaft eleganter Herren und
*Damen, die ſich jetzt, nach aufgehobener Tafel, gruppenweiſe in den ſchattigen Laubgängen und zwiſchen den gennen Raſen⸗ flächen des Parkes ergingen.
Die Sonne neigte ſich bereits ſtark nach Weſten und ihre Strahlen fielen nicht mehr mit ſengender Gluth auf die dürſtende Landſchaft, ſondern verbreiteten nur noch jene milde, angenehme Wärme, welche unſeren Sommerabenden einen ſo unendlichen Reiz verleiht. Die muntere Schaar der Vögel, udie vor der Hitze des Tages in der duftigen Laubnacht der
Blätterdome Schutz geſucht hatte, kam zwitſchernd und ſingend
hervor, auf dem Raſen ſuchten ſchwarzröckige Staare emſig
zmach Käfern und Larven, und jenſeits des kleinen See's, der
trat langſam und vorſichtig ein Rudel
mit geſpitzten Ohren und neugierig
ob nichts Gefahrdrohendes ihren
Die ganze Natur athmete Ruhe 72
den Park begrenzte,
blickenden Augen prüfend,


