Jahrgang 
2 (1879)
Seite
568
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568 Concordia.

ſelben angehalten, auf ihn anlegen wollte, plötzlich noch zwei weitere Schützen mit feurigen Augen auf ihn mit dem wilden Jäger zugleich zielten, derweilen drei großmächtige, kohlſchwarze Hunde aus dem Dickicht herauskamen, die einen hölliſchen Ge⸗ ſtank verbreiteten und die Zähne nach ihm fletſchten, ſo grauſig und furchtbar, daß er lieber ſeinen Stutzen hinwarf und zehn Monate nach Laufen) ſpazierte.

Selbſt die Wirthin in Seehaus wußte von ihrem Nachbar den Fremden im Sommer manch' Stücklein zu erzählen. Unter Anderem hat der Schaft ſeines Stutzens, ſagt ſie, ſchon ſieben⸗ zehn kleine Kreuze eingeſchnitten, und jedes dieſer Kreuzchen iſt ein Menſchenleben, das Leben eines Wilderers, das der rauhe, nichtsfürchtende Forſtwart oben auf den Bergen für immer verſtummen ließ. Jeder von ihm noch getödtete Bua, den man mit zerſchmetterten Gliedmaßen ſpäter auffand, hatte die Kugel mitten vorn durch die Stirn geſchoſſen, während die meiſten ſeiner Opfer von den Geiern und Adlern in den unwebaren⸗ tiefen Schluchten zerhackt und aufgezehrt wurden.

Laſſen wir nun den ſo gefürchteten, aber jetzt ungefährlichen Förſter allein mit ſeinem Aerger und eilen wir zu den ſonnen⸗ lachenden Berghöhen hinauf, aus welchen ſoeben der weithin⸗ tönende Büchſenſchuß herniederhallte.

Nicht der Zahn der Zeit allein, ſondern eine gewaltige Eruption früherer, vergangener Jahrhunderte mußte das kahle Geſtein des unwegſamen Thurnbach⸗Hornes in ſeine unzähligen Schluchten und Klüfte zerriſſen haben. Ueber einer zweitauſend Fuß ſenkrecht abfallenden Granitwand vertieft ſich das unvege⸗ table Gebirge zu einem faſt horizontalen, hundert Schuh breiten und ſehr langen Felsplateau, um dann wieder jäh anſteigend wild und ſteil über ſechstauſend Fuß in die Lüfte hinauf⸗ zuragen. Einige einſam blühende Edelweiß ſchauen von ſchwin⸗ delnder Höhe zum Thal, als der einzige, aber auch herrliche Schmuck dieſes öden Geſteins.

Auf dieſem hohen Plateau treffen wir in der früheſten Morgenſtunde einen jungen Burſchen der Berge, eben damit eifrig beſchäftigt, eine erlegte, feiſte Gemſe waidrecht auf⸗ zubrechen, während der noch rauchende Stutzen neben dem Bergſtock zu ſeinen Füßen lag. Bald verſchwand die herrliche Beute in dem weiten, grünen Zwilch⸗Ruckſack des Wilderers, der ſich nun aufmachen wollte, auf heimlichen, gefährlichen Pfaden den Jagdplatz zu verlaſſen. Einen forſchenden Blick warf der Schütze noch in das morgengrauende Thal, da ſehen wir in das offene, kühne Geſicht des Hieſels am Brandt. Eine tiefrothe Narbe durchfurchte die wetter⸗ und ſonnen⸗ gebräunte Stirn des Aelplers.

Aber nicht wir allein erſpähten den anweſenden Burſchen am Berge. Von einem überhängenden Felsſtück herab ſchaute der überraſcht und wie unſchlüſſig daſtehende Forſtgehilfe Limpöck dem Treiben des Wildſchützen zu, nicht wiſſend, ſollte er den gefürchteten, waghalſigen Hieſel ſeiner Wege ziehen laſſen oder denſelben pflichtgemäß anhalten. Er zog dann endlich knatternd die Hähne ſeines Zwillings über, und ſo ſchußfertig daſtehend, wagte er es denn, den eben ſich entfernen wollenden Wilderer laut anzurufen:

Halt, frecher Dieb, oder ich geb' Feuer!

Blitzſchnell wandte ſich Hieſel um, und ſein Stutzen lag ſchon an der Wange ſeines Geſichtes. Als er aber den lang⸗ beinigen Sonntagsjäger gewahrte, ließ er das Gewehr wieder 8 Laufen an der Salzbach: baieriſche Gefangenanſtalt.

ſinken und mit einem Gemiſch lachenden Spottes und Trutzes ſchrie er zu dem noch immer nicht ſchießenden Jäger hinauf:

So, Ihr ſeid es, Limpöck! Der langbeinige Roaga (Reiher) vom Ferchenſee unten hat ſich gar auf das G'wänd 'rauf verflogen! Da reut mich meine Kugel! ich ſpare ſie lieber einem Hirſchen oder einer Gambs(Gemſe) auf, das wird g'ſcheidter ſein, als ſo einen dürren Geißbock damit über's G'wänd'runterz'jagen, wie Ihr ſeid, endete der un⸗ erſchrockene Wilddieb, ſo gleichgiltig und kalt, als wär' keine Gefahr für Leben und Freiheit vorhanden.

Dieſer beißende Spott machte den zögernden Waidmann nun zornig und muthiger. Er ſchrittt mit angeſchlagenem Gewehr als unerfahrener Neuling im Forſtdienſte aus ſeiner gedeckten Stellung hervor.

Laß Deinen unpaſſenden Spott, ſchamloſer Lump! Leg' Deinen Stutzen ab und folg' mir ohne Widerrede nach Seehaus hinab, oder ich ſchieß' Dich hinunter, wenn Du nicht das Zuchthausleben vorziehſt, erbärmlicher Burſche; denn die Bergluft iſt viel zu gut für Euch räuberiſches Geſindel! forderte Limpöck den laut auflachenden Hieſel auf.

Ich dank' ſchön für die netten Titel, Herr Jaga! aber paßt fein auf, daß ich Euch net mitnehm' und beim Kürſchner in Traunſtein draußen ausſtopfen und am Bartlmä⸗Markt anſchau'n laß für einen Kreuzer, wie d' Italiener ihre drol⸗ ligen Affen! Halt' Deinen Schnabel, Du langbeiniger Sumpfpogel, ſonſt lern' ich Dir's Fliegen, und geh' mir aus dem Weg', dann haſt Du Dein' Frieden! erwiderte Hieſel.

War es nun Zufall oder die Abſicht des Forſtgehilfen, als im ſelben Moment zwei Schüſſe zugleich aus ſeinem Zwillinge krachend die Luft durchdonnerten und die gebogene, kühngeſchwungene Spielhahnfeder auf Hieſel's grünem Ge⸗ birgshut flog in zerſchoſſenen Fetzen um des Letzteren Geſicht zu Boden.

Mit einem raſchen Sprunge war jetzt der Wildſchütze ſchon an der Seite des Jägers und Hieſel's nervige Hand packte den überrumpelten Forſtmann ſo gewaltig an der Kehle, daß denſſelben die Augen aus den Höhlen zu treten ſchienen, während er vergebens nach Athem rang und ſein Zwilling zerſchellend den Abhang hinunterſtürzte. Mit unglaublicher Kraft und Leichtigkeit hob der Wilderer dann den wehrloſen Jäger mit einem Arme über das Gewänd hinaus, über den ſchwindelnden Abhang.

So, Bürſchel, jetzt, wenn ich Dich auslaß, biſt Du ſchnell in Seehaus d'runten, aber heraufſteigen zu dem Gemsſtand thuſt Du nimmer! Doch ich bin net ſo gottvergeſſen und gewiſſenlos mit dem Leben eines Mitmenſchen, wenn's gleich net ſchad' wär' um Dich, Du heimtückiſcher Menſch, der Einen wegen einer ſo lumpigen Gambs niederbrennen thät, wenn er's Schießen beſſer könnt'! Haſt ſchon'was Guat's gelernt von Deinem Meiſter, dem ſauberen Grauvogel, bis ſie ihm ſelber einmal's Licht ausblaſen und dies bleibt net aus.

Wie eine Leiche hing die lange Geſtalt über dem drohenden Abgrund; ſie regte ſich nimmer, und Limpöck's Augen waren geſchloſſen, als wäre er ſchon todt und zerſchellt in der grauen⸗ haften Tiefe angekommen. Das Entſetzen raubte dem Jäger jede Bewegung, Sprache und Gehör und ſein Geſicht war

bleich wie das eines Geſpenſtes.

Der Wildſchütze ſchaute jetzt faſt mitleidig den gebrochenen jungen Mann an, und als er, ihn auf das Plateau hinunter⸗