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Concordia. 567
und das Feuer gelegt, die närriſche, gottverlaſſene Dirn'!“ brüllte jetzt der Müller in den allgemeinen Lärm hinein.— „Packt ſie, die verdammte, ſchwarzhaarige Hex’ ſchlagt ſie nieder!“ donnerte Thalhofer weiter.„In's Irrenhaus, in die Narrenanſtalt nach Gieſing, in'’s Zuchthaus mit ihr!“ fielen andere Stimmen dazwiſchen, während der Müller auf die umherhüpfende, aber jetzt ängſtlich werdende Irre losſtürzte, um ihrer habhaft zu werden. Sie errieth die Abſicht des wüthen⸗ den Müllers, und einen gewandten Seitenſprung machend, verſchwand ſie in dem raucherfüllten Hausflur des jeden Augen⸗ blick zuſammenzuſtürzen drohenden, brennenden Wohnhauſes. Hieſel ſah ſie in das Haus hineinfliehen, und ſchon im nächſten Moment ſchickte er ſich an, der unrettbar Verlorenen nach⸗ zueilen. Da klammerte ſich Thereſe, des Müllers Töchter⸗ lein, die athemlos herbeikam, an den Leib des dem Wohn⸗ hauſe zuraſenden Geliebten und hemmte ſo ſein unſeliges Beginnen.
„Mathies! Mathies!!— Du gehſt Deinem ſichern Ver⸗ derben entgegen!— Du kannſt Dein' arme Schweſter net retten!— Gott ſteh' ihr bei; aber Du liaba Bua, bleib' heraußen!“ jammerte das zitternde, vor Angſt faſt umſinkende Mädchen.
Hieſel ſchaute wie unwillig auf das ihn noch immer feſt—
umſchloſſen haltende Mädchen, als plötzlich unter donnerndem Getöſe und furchtbarem Krachen das ausgebrannte Wohnhaus in ſich zuſammenſtürzte. Hoch flogen die feurigen Garben gen Himmel; dicker, ſtinkender Brandgeruch erfüllte die Luft. Erſchrocken ſtanden Alle auf ihre Plätze gefeſſelt, und es ver⸗ ſtummten im Kreiſe die drohenden Stimmen gegen die Irre.
Aber zwei Menſchen blickten jetzt dankbar zu dem ge⸗
rötheten Himmel hinan; dann Alles um ſich vergeſſend, um⸗
armten ſich die Liebenden innig und lange und weinten vereint ihre Thränen der unglücklichen Todten nach. Ein ſchwarzer, rauchender, hier und dort noch glühender großer Schutthaufen war bald nachher der Reſt des ſtattlichen Thalhofer⸗Müller⸗ Hauſes, aber auch zugleich das ſichere Grab für die arme Wally.— Die Wahnſinnige hatte ihre unbewußte That mit der Einbuße ihres Lebens geſühnt.
4. Kapitel.
Kleine, feuchte Wölkchen, faſt weiß wie der Schnee, hingen an den Riſſen und Klüften der Felſen oder durchzogen die tiefen Mulden der noch ſchlummernden Thäler des Berglandes, um bei dem Alles erweckenden, holdlächelnden Sonnenſtrahl als erfriſchender Morgenthau, ſchimmernd wie Perlen, an jedem Buſchwerk und Strauch, an Blumen und Gräſern zu glänzen.
Ein früh munterer Häher bewegte durch ſeine noch halb⸗ lahmen, erſten Flügelſchläge jetzt geräuſchvoll das zuvor noch unbewegte Laub einer Weißbuche, während man aus den ruhigen, oberen Forſten das laute Picken einiger rühriger Spechte ſchon weithin vernehmen konnte. Dunkelnder Nacht⸗ ſchatten kämpfte noch unten im Grunde mit der anbrechenden Morgendämmerung, als nun auf einmal die Spitzen der mäch⸗ tigen Bergrieſen, in roſigem Schimmer erglühend, den Anzug
der Königin des Tages verkündeten. Dieſes anmuthige Schau⸗ ſpiel war der ſchlafenden, ſtillen Natur Tag⸗Neveille.
zwitſcher tauſend kleiner Waldvögel. Wachtelſchlag und Droſſelgeſang durchdrangen die reine, harzduftende Bergluft und die ſich immer mehr in den Tiefen der Thäler aus⸗ breitende Schönheit des Herbſtmorgens war von ſo erhabener Größe, daß ſie jedes lebende Weſen mit unendlicher Freude erfüllte und gewaltig zu ſeinem Schöpfer emporhob.
Das Echo eines Schuſſes hallte von ſteiniger Wand rollend und donnernd hinunter zu dem nebligen Thalgrund des Lödenſee's und drang in langanhaltenden Tonwellen hin⸗ über zum Seehaus und hinein bei den bereits offenen Fenſtern der traulichen Förſterwohnung. Da ſchnellte es den ſchon mit Schreiben beſchäftigten Förſter Grauvogel von ſeinem Stuhle empor und ſeine martialiſche, rieſige Jägergeſtalt erſchien an dem offenen Fenſter. Sein weitſehendes, ſtechen⸗ des Falkenauge blickte unverwandt zu dem wildzerriſſenen Thurnbach⸗Horn hinüber. Zornig mit dem Fuße ſtampfend, rief er mit kräftiger, grollender Stimme zur Bergwand hinauf:
„Verfluchtes Geſindel da oben! wißt Ihr es ſchon, daß der Förſter vom Seehaus nicht'naufſteigen kann, um den Frevlern in den königlichen Forſten Reſpekt einzuſchärfen vor dem Geſetz mit ſeinem ſicheren Stutzen?—“
Förſter Grauvogel hatte vor einigen Tagen das Unglück, von einem in's Rollen gekommenen, mächtigen Prügelholz er⸗ wiſcht zu werden, und dieſes quetſchte dem dienſteifrigen Jäger den rechten Fuß ſo bedeutend, daß derſelbe vor Wochen nicht hoffen durfte, aus dem Hauſe zu kommen.
Wie ein Lauffeuer verbreitete ſich unter den Wildſchützen der Umgegend ſein Vorfall als willkommene Kunde und die Schüſſe derſelben knallten Morgens und Abends nur ſo her⸗ über, zum Verdruß und Aerger des fußleidenden, ſtrengen Mannes im Forſthauſe zu Seehaus.
„Wenn ich nur wieder hinauskann, dann Gnade ihnen Gott, den verwegenen Halunken!“ brummte der wilddarein⸗ ſchauende Förſter in ſeinen gewaltigen Vollbart hinein. Grau⸗ vogel war in der That der gefürchtetſte Jäger im Forſtamte und noch darüber hinaus. Mit unerbittlicher Strenge, mit einer todesverachtenden Kaltblütigkeit verfolgte er jeden Wil⸗ derer. Der Gottesacker zu Ruhpolding, noch mehr aber die tiefen, gähnenden Schluchten des Thurnbach⸗Hornes zeugen für ſeine rückſichtsloſe Strenge und begraben die wohlgetroffenen Opfer ſeiner todtbringenden Kugeln.
Aus dem Munde der ihm ſcheu ausweichenden Wildſchützen oder der ihn reſpektvoll grüßenden Bauern konnte man an den langen Winterabenden in traulicher Stube die kühnſten, abenteuerlichſten Geſchichten von dem Förſter zu Seehaus ver⸗ nehmen. Die Buben von Zell wiſſen es ganz ſicher, daß ſich der Jäger ſeine weitreichenden Kugeln in der Thomasnacht gießt und das Blut eines Uhu's in das glühende Blei hineinmengt.
Drüben am Froſchſee bei Inzell erzählen ſich die Burſchen, daß Grauvogel den böſen Blick in ſeinen Augen hat, der jeden Wilderer auf ſeinen Platz feſtwurzelt und ihn willenlos zu ſeinem Gefangenen macht, während das Hochwild ſich, ohne zu fliehen, zuſammenſchießen läßt und die kleineren Vögel be⸗ täubt von den Bäumen fallen, wenn er ſie nur etwas ſcharf anſchaut.
In Reit im Wintkel ſagt es der keckeſte Wildſchütz dem ſich dabei bekreuzenden Mädchen, daß er dem Förſter Grauvogel oben am Seekopf einmal begegnet iſt, und als er, von dem⸗


