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Concordita.
Vater endlich ruhiger werden ſah, ging ſie näher zu ihm hin und ſagte zu demſelben in einer, bei ihrem ſonſt ſo offenen Weſen um ſo mehr auffallenden, gezwungenen Weiſe:
„Vater, Ihr beſchimpft ja auf die ſchrecklichſte Art Euer eigenes Fleiſch und Blut, ohne daß Ihr nur zuerſt fragen thät', ob man auch davon etwas weiß, was vielleicht der eben fortgegangene Fex von einem Jager geradſcht(geſchwätzt) hat. Es iſt net recht, das weiß ich, Vater, gegen die Reden der Eltern ſich aufzulehnen, aber die Eltern ſollen auch den Kindern nicht fluchen, wenn ſie's net verdient haben!“ Und ein flüchtiges Roth auf ihrem zarten Geſicht ſtrafte ihre freimüthige, doch nicht ganz gerechte Intervention Lügen, als ſie nun weiter redete:„Was kann ich dafür, daß mir der Hieſel drüben bei der Klauſen begegnet iſt und mich angeredet hat? Er iſt doch kein giftiger Erdwurm, daß ich vor ihm hätt' davon⸗ laufen ſollen!“
„Halt' Deinen unreifen Schnabel, Dirn'! und Dein rothes Geſicht zeigt deutlich, daß Du lügſt!“ herrſchte ſie jetzt der Vater, wieder heftiger werdend, an.„Anſtatt dieſen jugend⸗ lichen, unüberlegten Streich zu bereuen, willſt Du noch leugnen!— Das bin ich von mein' Kind net gewöhnt, aber es ſcheint, der ſaubere Hieſel hat Dich ſchon verdorben, der nichtsnutzige Loder. Was hätte der Hieſel um ſolche Zeit im Seehaus drüben zu thun? Zwar Zeit hat er genug, der liederliche Burſch' und herumſtreunende Faulenzer. Du haſt das Z'ſammentreffen mit ihm verabredet, Madl, leugne mir's net, oder ich jag' Dich augenblicklich aus dem Haus!“
Thereſens offener Charakter ließ dieſelbe ſchon lange be⸗ reuen, in momentaner Velegenheit eine Lüge gebraucht zu haben, weshalb ſie jetzt ehrlich dem Vater zur Antwort gab:
„Aus augenblicklicher Furcht, Vater, hab' ich das erſte Mal in meinem Leben die Wahrheit verſchwiegen,“ aber weniger furchtſam und ſcheu ſchaute ſie dem Vater wie bisher in das ſie ſtreng prüfende Auge, als ſie noch beifügte:„Ja, Vater, ich hab'’ dem Hieſel in Ruhpolding draußen davon geſagt, und weil Ihr dies jetzt einmal wißt, ſo werdet Ihr Euch denken können, wie weit es zwiſchen mir und dem Hieſel kommen iſt.“
Des Müllers Geſicht wurde jetzt vor Zorn weiß, wie der Mehlſtaub auf demſelben, als er, dies vernehmend, ſie mehr brüllend als ſprechend unterbrach:
„Mein Fluch, Madl, treffe Dich, wenn Du ſo ehrvergeſſen biſt!— ich will net hoffen, daß Du Dich mit dem Hieſel in eine Liebſchaft eingelaſſen haſt, mit dem größten Lumpen der Pfarr'’!— Meine ſelige Leni, Deine Mutter, würde ſich im Grabe noch Deiner Schamloſigkeit ſchämen, wenn ſie davon wüßte.— Und heut' noch, auf der Stelle mußt Du mir über die Schwelle der Mühl' und ſie Deiner Lebtag' nimmer zu übertreten Dich unterſtehen, wenn Du wahr geſprochen haſt!“
„Vater! bei dem Andenken meiner Mutter bitt' ich Euch, meiner nicht zu fluchen, aber ich kann nicht lügen und muß es nochmals geſtehen, daß der Hieſel mein Schatz iſt!“ Und mit dem von ihrem Vater, ſcheint es, ererbten Trotz fuhr ſie fort:„Und wenn die ganze Gemeinde gegen den Hieſel iſt, den armen, aber rechtſchaffenen, braven Bub'n am Brandt, ſo laß ich doch net von ihm!— lieber mach' ich der ganzen Sach' draußen im reißenden Bergbach ein End'.“
Der Vater kannte den Starrkopf ſeiner Tochter zu gut, um eine gemachte Drohung oder Gewaltthat derſelben für unmöglich zu halten, und ſein Vaterherz rang jetzt im un⸗
entſchieden hin- und herwogenden Kampfe zwiſchen Liebe und Strenge.
Während dieſes heftigen Auftrittes nahte ſich, ungeſehen von Müller und Tochter, die Irrſinnige am Brandt mehr und mehr dem Sommerhäuschen. Mit ausdrucksloſen Augen ſtarrte ſie zu den darinnen laut Sprechenden hin und blieb minutenlang in regungsloſer Stellung vor dem weinlaub⸗ umrankten, offenen Fenſter des Gartenhauſes ſtehen. Endlich ſchien ein Gegenſtand der Wahnſinnigen Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Auf geſchnitztem, zierlichen Poſtamente ſtand ein hell⸗ glänzender Gegenſtand; dieſer fiel der armen Wally im Sommerhäuschen auf. Es war dies ein kleiner, faſt werth⸗ loſer Silberglasbecher, den nun Wally nicht mehr aus den Augen ließ. Unhörbar, denn das unglückliche Geſchöpf trug keine Schuhe, ſchlich ſich die Irre auf die andere Seite des Häuschens, in die unmittelbare Nähe des ſie ſo gewaltig an⸗ ziehenden, funkelnden Punktes hinan. Ein haſtiger Griff machte ſie zur glücklichen Beſitzerin des blitzenden Gefäßes, und freudig von dannen hüpfend und ſpringend, entfernte ſich Wally der Mahlmühle zu.
„Das iſt Bernhard's prächtiges Mundgeſchirr, das ihm ſeine Freunde zur Hochzeit verehren!“ rief beſtändig die Arme und ſetzte ſich an den blumenvollen Uferrand des weiß⸗ ſchäumenden Mühlbaches nieder. Ihr offenes, langes Haar flatterte in dem jetzt ſtärker werdenden Abendwind um ihr ſchönes Geſicht, bald die hochgehenden Fluthen des Bergwaſſers berührend, oder ſich wieder verhängend in den ſie umwuchern⸗ den Herbſtblumen und Farrenkräutern, aus welchen ihre feenhafte Erſcheinung hervorſchaute, als wie ein vom Ferchen⸗ ſee zum Beſuche herübergekommenes Waſſernixchen. Das auf⸗ ſteigende Wettergewölk löſte ſich von den Felſen des Fellhorns ab, und immer näher kommend, miſchte es ſich in die dämmernden Schatten des dunkelnden Abendhimmels, den⸗ ſelben abwechſelnd aufblitzend faſt tageshell zu erleuchten, um ihn darauf noch finſterer und ſchwärzer erſcheinen zu laſſen. Ein greller Blitzſtrahl erhellte eben wieder die verſchleierten Klüfte des Fellhorns. Die Irre erblickte das für ſie ſo ver⸗ hängnißvoll gewordene Gewänd des Berges. Mit einem Auf⸗ ſchrei erhob ſich das träumende Mädchen und flüchtete mit ihrem glitzernden Raube in die offene Heu⸗Scheune der Mühle.
3. Kapitel.
Der gleiche Blitzſtrahl, welcher ſoeben die Wahnſinnige von den Ufern des für ſie ſo gefährlichen Bergwaſſers ver⸗ ſcheuchte, ermahnte den zankenden Müller, mit ſeiner Tochter das Wohnhaus aufzuſuchen, und dieſe verließen nun mit⸗ ſammen des Erſteren Lieblingsplätzchen für heute.— Durch die große Wohnſtube, wo ſich bereits das zahlreiche Haus⸗ geſinde der Mühle zum Abendeſſen eingefunden hatte, ſtumm auf ihr Zimmer zuſchreitend, folgte Thereſe dem Müller, und ſie ſtanden bald in dem geräumigen, wohnlichen Gemach, wo der Vater gewöhnlich ſeine Geſchäfte mit den Holzhändlern aus Traunſtein, oder ſeine ſchriftlichen Arbeiten erledigte. Die erſt kurz erbaute Eiſenbahnlinie von Roſenheim über Traunſtein nach Salzburg machte den früher ſchon günſtig ſituirten Müller am Brandt zum reichen Manne. In ſeinem Geſchäftszimmer angekommen, wandte er ſich gleich wieder an die ihm auf dem Fuße gefolgte Tochter.
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