Jahrgang 
2 (1879)
Seite
562
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562 Concordia.

theilen, vor allen Dingen ihr zu verſchweigen, daß Eva ihre Halbſchweſter ſei. Wer konnte ihm überhaupt beweiſen, daß er dies wußte? Von der Eröffnung des Schreibtiſches hatte ja kein Menſch eine Ahnung.

Zu Hauſe fand er einen Brief vor, deſſen zierliche Auf⸗ ſchrift eine Damenhand verrieth. Er erbrach ihn und las:

Mein Herr! Ich wünſche von Ihnen mehr über meinen Vater, als Sie meiner Mutter mittheilten, zu er⸗ fahren. Das Wenige, das Sie für gut befanden, uns darüber zu ſagen, dient nur dazu, meine Unruhe und Angſt zu ſteigern. Wäre es nicht möglich, daß ich ſelbſt mit meinem Vater ſprechen könnte? Ich erwarte Ihren baldigen Beſcheid.

Eva von St. Etienne.

Plotzki rieb ſich die Hände.Prächtig, prächtig, murmelte er;der Vogel turkelt von ſelbſt in's Garn, ſomit wird mir die Arbeit erſpart, ihn hineinzulocken!

Jetzt ging er zu Freda hinüber, um dieſelbe mit dem, was er von Fränzchen Schneller gehört, ſowie theilweiſe mit ſeinem erſonnenen Plan bekannt zu machen.

Freda befand ſich in einer wild aufgeregten Stimmung.

Soeben war Herbert hier geweſen und hatte ſeine Ver⸗ lobung mit Eva verkündet.

Mit funkelnden Augen, das ſchwarze Haar vollſtändig auf⸗ gelöſt und lang herabwallend, die kleinen Fäuſte vor Wuth und Grimm ſo feſt zuſammengeballt, daß die Nägel ſich tief in das Fleiſch gruben wie ein Dämon der Rache kam ſie Plotzki entgegen.

Es iſt vorbei, Alles vorbei! ſtöhnte ſie.Das Ge⸗ fürchtete iſt ſchon hereingebrochen, Sie kommen zu ſpät mit Ihrer Hilfe.

Nichts iſt vorbei, jetzt erſt recht werden wir gewinnen! erwiderte Plotzki zuverſichtlich und theilte Freda von dem, was er in's Werk zu ſetzen gedachte, ſoviel er für ihre Ohren erſprießlich hielt, mit. Kein Wort von dem wahren Ver⸗ hältniß Eva's zu ihr kam über ſeine Lippen, er fürchtete ihre Weigerung.

Freda war einverſtanden und wiederholte ihrem Verbündeten das ſchon einmal gegebene glänzende Verſprechen.

Der Baron, der nicht zu Hauſe, wußte noch nichts von Herbert's Verlobung. Letzterer hatte geſagt, daß er morgen Abend auf einige Tage verreiſen müſſe und erſt, wenn er von ſeiner Reiſe zurückgekehrt ſei, Eva dem Onkel vorſtellen würde.

Bis dahin iſt Alles geordnet, hatte Plotzki verſichert. Er wird überhaupt nicht reiſen, wenigſtens nicht morgen, und er wird Eva auch nie hier im Hauſe vorſtellen, verlaſſen Sie ſich darauf.

Nach der Einnahme des Diners verließ Plotzki wieder das Haus.

Diesmal war ſein Ziel ein ziemlich entfernt liegender Stadttheil, deſſen enggebaute Straßen mit hohen, ſchmalen Häuſern einen düſteren Eindruck machten.

In eines dieſer Häuſer ging er hinein. Er zog im erſten Stock die Glocke, worauf ihm geöffnet und, wie einem alten Bekannten des Hanſes, ohne Weiteres Einlaß gegeben wurde.

Ein kokett gekleidetes Mädchen lehnte in einer der vielen Thüren, welche auf den Korridor mündeten, lachte ihn an und ſagte:Gehen Sie nur dort hinein, Madame iſt drinnen.

Madame war drinnen. Sie erhob ſich bei ſeinem Ein⸗

tritt aus ihrer bequemen Lage, welche ſie auf einem niedrigen Kanapee inne hatte, fiel aber ſogleich wieder zurück und ſagte gähnend:

Ach ſo, Sie ſind es! Sie wiſſen doch, daß ich jetzt immer ſchlafe; meinetwegen nehmen Sie Platz.

Plotzki zog einen Stuhl neben das Sopha und ſetzte ſich. Die dunklen Vorhänge an den Fenſtern waren herabgelaſſen, ſo daß ein dämmeriges Halbdunkel den Raum erfüllte. Den⸗ noch vermochte dieſe Dämmerung nicht, über die angeſteckte Lockenperrücke, die dick aufgetragene rothe und weiße Schminke, die bemalten Augen Madame's auf dem Sopha hinweg⸗ zutäuſchen. Und dies auf einem alten, häßlich gemeinen Ge⸗ ſicht, deſſen Trägerin, wenn nicht die Sechszig ſchon hinter ſich, doch gewiß nicht mehr weit hatte.

Ein widerlicher, traurig⸗lächerlicher Anblick!

Sie legte die beringte Hand oſtentatiös auf den, neben dem Sopha befindlichen Tiſch, trommelte mit den knochigen Fingern leiſe auf die Platte und ſagte:Nun?

Ich melde Ihnen, wahrſcheinlich auf morgen, Beſuch an, Mutter Schnellern! 8

Mutter Schnellern! Ja ſie war es. Wenn man genauer in dies breite, gemeine Geſicht mit den bös ver⸗ ſchmitzten Augen blickte, kam die Erinnerung an jenes alt erſcheinende, knochiche Weib, das in einem der baufälligen Baracken wohnte, die noch vor Jahren die Nordſeite des Seidenau⸗Platzes verunſtalteten. So wie ſie dalag, in grell⸗ bunter Seidenrobe, überladen mit Schmuckſachen von oben bis unten, war es Fränzchen's ſehr ehrenwerthe, wieder jung gewordene Schwiegermutter.

Sie betrieb ein Gewerbe ganz eigener Art, die Mutter Schnellern; ein Gewerbe, das ſich näherer Schilderung ent⸗ zieht; ein Gewerbe, das ihr zwar ein üppiges Leben geſtattete, ſie jedoch nicht ſelten in Konflikt mit der Polizei brachte.

Beſuch? wiederholte ſie und trommelte weiter.Na, hören Sie'mal, mein Beſter, wenn er nicht mehr Geld in der Taſche hat, als der lange Laban, den Sie vor einigen Tagen geſchickt, dann danken wir. Ein paar Flaſchen Wein waren ihm ſchon zu viel, und als es an's Bezahlen ging, fing er an zu handeln. Pfui, das wär' mir was! Himmel⸗ kreuz

Nur nicht fluchen, Mutter Schnellern, nur nicht fluchen! Sie wiſſen, ich habe zarte Nerven. Aengſtigen Sie ſich nicht, es iſt diesmal nichts dem Aehnliches. Ein guter Ver⸗ dienſt iſt Ihnen gewiß. Hören Sie!

Plotzki neigte ſich jetzt an das Ohr der geſchminkten Alten und ziſchelte eine Weile hinein.

Was Sie ſagen! gab die Schnellern zurück.

Kann ich mich auf Sie verlaſſen? fragte Plotzki.

Vollſtändig. Wenn ſie kommt, führe ich ſie in das kleine blaue Zimmer, und vor den beiden Anderen werde ich meine Rolle ſchon zu ſpielen verſtehen. Unbeſorgt!

Gut. Sie wiſſen, welche Summe Ihnen in Ausſicht ſteht, wenn es gelingt. Sollte man es wirklich ſo weit treiben, Sie vereiden zu wollen, was ich aber bezweifle, ſo wird Ihnen das noch beſonders vergütet.

Natürlich! lachte die Schnellern frech.Dafür iſt eine Extragratifikation nothwendig.

Adieu denn. Richten Sie ſich auf morgen Nachmittag

um vier Uhr ein. Ich gehe jetzt, Beſſelſtein zu gewinnen.