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Concordia.
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„Ich will ja Alles erzählen,“ keuchte Fränzchen.„Laſſen's mir doch nur ſchon Luft, ich muß mich erſt ſammeln. Erbarm' Dich, erbarm' Dich! ja, ich will Alles erzählen. Viel iſt's nicht. Aber ſagen Sie doch um Gottes willen, wie iſt denn dieſe todte Geſchichte auf einmal wieder lebendig geworden?“
„Das werde ich Ihnen dann mittheilen,“ erwiderte Plotzki, der mit der Miene eines Großinquiſitors vor der Geängſteten ſtand;„erſt beichten Sie!“
„Ich ſagt's ja ſchon, viel iſt da nicht zu beichten. Aber was ich weiß, ſollen Sie hören: Alſo ſpät am Abend jenes vorhin genannten Tages— oben war grade Tanz, wiſſen's, und das Nannerl, der Racker, wollte nicht ſchlafen, denn ſie war ſchon gleich nach der Geburt ein kränkliches Ding und Tag und Nacht mußte ich mich mit ihr quälen, und ich war grade'rübergegangen—“
„Ich muß Sie bitten, ſich kürzer zu faſſen, Frau Schneller. Meine Zeit iſt koſtbar; ob Ihr Nannerl geſchrieen hat oder nicht, iſt mir gleichgiltig.“
„Schön, ſchön; ich muß doch erſt die Einleitung machen.— Alſo gut. Alſo das Nannerl ſchrie grade und ich ſang dazu — wer kommt auf einmal'rein mit einer Frauensperſon in den Armen, die er ohne Weiteres auf das Sopha legt— der Dolfi!— Mein Todesſchreck!—— Er hätte ſie hinter der Hausthür gefunden, ſagte er.“
Umſtändlich erzählte Fränzchen jetzt Alles, was in jener Nacht ſich ereignet hatte. Auch ihre ſpätere Begegnung mit Frau von St. Etienne berichtete ſie wahrheitsgetreu, und wie ſelbige das Kind mit ſich genommen und niemals irgend Je⸗ mand eine Frage, dieſe Angelegenheit betreffend, an ſie ge⸗ richtet habe.
Sie wäre noch ſo froh geweſen, daß das Kind ſolche vor⸗ nehme Mutter gefunden.
Ob ſie nicht nach dem Namen der Dame gefragt, die das Kind angenommen? meinte Plotzki.
Ja, ſie hätte Frau von St. Etienne geheißen und habe geſagt, ſie wolle gleich noch in derſelben Woche mit dem Kinde nach Italien gehen.
Wie der Name der Dane ſei, die bei ihr geſtorben?
Das wiſſe ſie nicht. Und ſie habe die arme Dame, auf deren Geſicht ſo viel Herzenskummer und Verzweiflung aus⸗ geprägt geweſen, nicht unnütz damit martern wollen, denn gutwillig hätte ſie ihn nicht geſagt. Aber ein Taſchentuch von ihr habe ſie aufbewahrt, ſie wolle es holen.
Das Tuch zeigte in der einen Ecke die Buchſtaben: R. H.
Es iſt richtig, dachte Plotzki. Nun bin ich meiner Sache gewiß.
„Höchſt unrecht von Ihnen, Frau Schneller,“ ſagte er, „daß Sie die Sache damals nicht ſofort bei der Polizei mel⸗ deten; Sie wiſſen nicht, was Sie auf dem Gewiſſen haben. Nicht nur ein, ſondern zwei— drei und mehr Menſchenleben!“
„Hilf, Himmel!“ kreiſchte Fränzchen.„Grade das ſagte ja die Dame, würde der Fall ſein, wenn ich nicht ſchweigen würde. Sie bat ſo kläglich und ihre ſchönen Augen blickten ohne Trug und Falſch, daß ich ihr glaubte.—— Liebſter, beſter Freund, verwenden Sie ſich doch nur für mich! Ich habe nur aus gutem Herzen gelogen. Hätte ich's der Ster⸗ benden doch nicht verſprochen gehabt, es hat mich ſchon manch⸗ mal gereut. Könnten Sie's denn nicht ſo einrichten, daß ich bei der ganzen Geſchichte aus dem Spiele bleibe?“
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„Wird nicht angehen!“ erwiderte Plotzki.„Ihre Ausſagen ſind von Werth. Ich ſage Ihnen ja, in Ihrer grenzenloſen Kurzſichtigkeit haben Sie gar nicht darüber nachgedacht, was Alles Sie mit Ihrem Lügengewebe anrichten konnten. Jenes Mädchen, das Sie der fremden Dame überlaſſen, hätte bei⸗ nahe den leiblichen Bruder geheiratet.“
„Den leiblichen Bruder— ach du mein Heiland!“ Fränz⸗ chen ſtierte den Sprecher nur noch bei halber Beſinnung an. „Entſetzlich, entſetzlich!“
„Wie geſagt, ich werde ſehen, ob ich etwas für Sie thun kann,“ ſagte Plotzki, den die Angſt ſeines Opfers höchlich be⸗ luſtigte, herablaſſend.„Der Fall ſteht aber bereits vor den Geſchworenen und dürften Sie binnen Kurzem eine Aufforderung vom Gericht zu Ihrem Erſcheinen daſelbſt erhalten. Indeß verſpreche ich Ihnen, als Ihr Vertheidiger auftreten zu wollen, ſchon um alter Freundſchaft willen, und die Annahme von Milderungsgründen zu beantragen.“
„Milderungsgründen—“ ſtotterte Fränzchen, die vor Allem, was Gericht hieß, eine wahre Heidenangſt hatte.„So weit alſo iſt es ſchon gekommen!“
Sie begrub ihr Geſicht in beide Hände und ſtöhnte laut auf.
Plötzlich ſprang ſie auf, lief zur Kommode, nahm eine große, ſchwere Rolle heraus und händigte ſie Plotzki ein.
„Da, lieber Freund, nehmen Sie, nehmen Sie!—— Es iſt nur etwas— es ſind nur hundert Thaler— ich habe augenblicklich nicht mehr da; kommen Sie übermorgen, mor⸗ gen wieder, dann ſollen Sie das Dreifache— das Fünffache erhalten— nur erbarmen Sie ſich meiner und machen Sie, daß mir die Strafe erlaſſen wird.“
„Ich werde mein Möglichſtes thun,“ verſicherte Plotzki, das Geld ohne eine Spur von Schamgefühl einſteckend.„Ich werde aufbieten, was in meinen Kräften ſteht, und hoffe, es vielleicht dahin zu bringen, daß man von Ihrer Vernehmung ganz und gar abſteht. Nur müſſen Sie mir verſprechen, Ihrem Manne nichts von alledem mitzutheilen; er würde ſich ſofort hineinmiſchen und damit Alles verderben. Die Sache muß unter uns bleiben.“
„Streng unter uns. Natürlich, die Männer miſchen ſich in Alles. Es iſt nur gut, daß er heut' grade in die Stadt gefahren iſt, um Beſtellungen an Rothwein und Liqueuren auf⸗ zugeben. Da erfährt er's gar nicht, und dem Nannerl ver⸗ biet' ich, davon zu reden.“
Plotzki verabſchiedete ſich jetzt von Frau Schneller und ſtieg ſchmunzelnd wieder in ſeinen Wagen.
Das Geſchäft ſchien ein recht lohnendes zu werden! Von allen Seiten wurden ihm Belohnungen in Ausſicht geſtellt— warum ſollte er ſie nicht mitnehmen! Das einfältige Fränz⸗ chen dachte er in einigen Tagen noch ganz beſonders zu preſſen.
Nur Eins machte ihm Kummer: die Einweihung Freda's in ſeine Pläne. Es war etwas ſo Nichtswürdiges, Schänd⸗ liches, was er zu Eva's Vernichtung erſonnen, und er war,⸗ Freda's, wenngleich er deren Seele von bitterſtem Haß gegen Eva erfüllt wußte— doch nicht ſo vollſtändig ſicher, um ge⸗ wiß zu ſein, ſie werde, nachdem ſie von ihm ihr ſtiefſchweſter⸗ liches Verhältniß zu jener erfahren, in die Ausführung deſſen willigen.
So beſchloß er, Freda nur die halbe Wahrheit mitzu⸗ 71


