Jahrgang 
2 (1879)
Seite
560
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Eva's Herkunft mittheilen zu können, lieber Herbert; erſt dann werde ich Ihnen der Reihe nach Alles erzählen. Für den Augenblick weiß auch ich herzlich wenig, eigentlich gar nichts.

Plotzki's Name wurde von keiner der beiden Damen er⸗ wähnt.

14. Kapitel. Gut eingefädelt.

Als Plotzki Frau von St. Etiennes Haus verlaſſen, miethete er ſogleich einen Fiaker und befahl dem Kutſcher, ihn nach dem Gaſthaus zum rothen Ochſen zu fahren.

Eigentlich konnte er ſich über ſeine eigene Kurzſichtigkeit ärgern. Warum hatte er nach Leſen des Teſtamentes nicht ſofort an Fränzchen Schneller gedacht?

Plotzki, der auch nach Uebergabe des Rothen Ochſen an Joſef Schneller noch daſelbſt verkehrt hatte, war bekannt, daß Fränzchen zu dem ihren einſt ein fremdes Kind an⸗ genommen. Nur wurde auch ihm damals geſagt, daß es das Kind von Fränzchen's Schweſter ſei. Er hatte ſich darum natürlich nicht weiter bekümmert. Jetzt fiel es ihm ein.

Der lange Joſef, Fränzchen's hünenhafter Gatte und Mutter Schnellerns Lieblingsſohn, war nicht mehr. Bei⸗ einer großartigen Prügelei hatte man ihm ſo arg mitgeſpielt, daß er an den Folgen derſelben verſchieden war.

Mit ihrer gegen ſie ſo liebevoll geſinnten Schwiegermutter kam Fränzchen nach Joſef's Tode gar nicht mehr zuſammen. Erſtere hatte in der Stadt ein Penſionat von mehr als zweifel⸗ haftem Rufe gegründet und lebte auf Grund deſſen jetzt in den beſten Verhältniſſen.

Fränzchen führte auf eigene Hand die Gaſtwirthſchaft weiter; nur war ſie unabläſſig bemüht, unreine Elemente ſtrengſtens auszumerzen. Ihr waren dieſe Spielgeſellſchaften niemals recht geweſen, wenn von dem Gewinn auch ein er⸗ kleckliches Theil für den Wirth abfiel. Sie wollte lieber auf ehrliche Weiſe Geld verdienen.

Dolfi, der klaſſiſch Gebildete, ſtimmte darin mit ihr über⸗ ein. Die Grundlage wahrer Bildung, deren er ſich erfreute, verbot ihm ohnedies den Umgang mit zweideutiger Geſellſchaft. So war es auch ſein Bemühen, nur noble Leute heranzuziehen. Mit unübertrefflicher Gewandtheit, Präziſion und Eleganz übernahm Dolſi die Leitung des Ganzen. Endlich, nach eini⸗ gen Jahren, ſah er ſeine heißeſten Wünſche realiſirt: Fränzchen wurde die Seine.

Nach Joſef's Tode hatte Plotzki ſeine Beſuche im Rothen Ochſen eingeſtellt, denn in dieſer Faſſung bot der dortige Ver⸗ kehr ihm keinen Reiz mehr.

Er beſchloß, Fränzchen jetzt geradezu zu ſagen, daß Regine Haller am Abende jenes zweiten Novembers in ihrem Hauſe Aufnahme gefunden. Sollte er ſich täuſchen und Fränzchen Eva aus anderer Hand übernommen haben, ſo würde ſie die Wahrheit ſchon eingeſtehen, rechnete er.

Dame Fränzchen empfing ihren Gaſt gerade nicht mit wohlwollenden Blicken. Dieſe glatte, graugelbe Wachsmaske war ihr immer zuwider geweſen.

Sie hatte noch daſſelbe kecke Stumpfnäschen im Geſicht, das kleine Fränzchen; noch dieſelben ſchalkhaft aufblitzenden Augen, dieſelben perlweißen Zähne. Nur ihre zierliche Figur war in die Breite gegangen, und die kleine, dicke Maſchine, die bei Plotzk''s Eintritt aus ihrem bequemen Polſterſtuhle

gerade übermäßig freundlicher Stimme ſagte:Na was wollen Sie denn? hielt keinen Vergleich mehr aus mit jenem Fränzchen, das an dem Abend, wo wir ſie kennen lernten, wie ein fröhlicher Springinsfeld die Treppen hinaufhüpfte, um mit dem kalten Eiſen die Locken ihrer Dame zu brennen. Na, was wollen Sie denn, mein Wertheſter? An Ihren Beſuch iſt man ja gar nicht mehr gewöhnt!

Ein beſonderer Grund iſt es auch, der mich heut' zu Ihnen führt, meine allerſchönſte Frau Wirthin

Fränzchen lächelte, ſchon etwas wohlwollender geſtimm. Gegen Schmeicheleien, wenn ſie auch nicht beſonders fein waren, konnte ſie nun einmal nicht unempfindlich bleiben.

Na immer'raus mit der Sprache. Steht wohl knapp mit der Kaſſe, hm?

Im Gefühl ſeiner von Freda gefüllten Börſe hatte Plotzkis Lächeln auf dieſe Worte Fränzchen's etwas Ueberlegenes.

Nein, verehrteſte Frau Schneller, dem Himmel ſei Dank, an Geld iſt kein Mangel. Wollen wir nicht aber lieber in Ihr Wohnzimmer hinübergehen, damit nicht hier vielleicht fremde Ohren

Gott bewahre! ſagte Fränzchen leichthin.Das können wir ebenſo gut hier abmachen; ich habe keine Geheimniſſe mit Ihnen. Immer legen's los!

Na, wart' nur! dachte Plotzki.Dich werd' ich ſchon kriegen.

Allerdings haben Sie keine Geheimniſſe mit mir, ver⸗ ehrteſte Frau Schneller ſagte er dannob Sie aber überhaupt keins haben ich bin nämlich beauftragt, von Ihnen den Namen der Dame zu erfragen, welche vor achtzehn Jahren am zweiten November

Maria und ZJoſef! kreiſchte Fränzchen leiſe auf und ſtarrte den Sprecher mit kreideweißer Miene an;na, nu kommen's nur doch lieber'nüber. Nanil Marſch hinter'n Schänktiſch!

Plotzki folgte der vor ihm herwatſchelnden, kleinen Frau.

Drüben angekommen, warf Fränzchen ſich mit Vehemenz auf einen Stuhl, daß er krachte, ſtemmte die Armie in die Seiten und puſtete erſchöpft:

Noch einmal Maria und Joſef! Was haben's geſagt? Kommt dieſe unſelige Geſchichte doch noch einmal an's Tages⸗ licht? Hat bis jetzt kein Hahn danach gekräht, iſt längſt Gras d'rüber gewachſen, und nun mit einmal ſchlägt's Allarm. Alſo was wollen's wiſſen?

Den Namen der Dame, welche vor achtzehn Jahren am zweiten November von Ihnen aufgenommen wurde. Wie die Dame in Ihr Haus gekommen, wo Sie ihr Kind gelaſſen, Alles. Ich muß Sie erſuchen, ſich ſtreng an die Wahrheit zu halten, Frau Schneller. Wie Sie ſchon ahnen werden ich bin höheren Orts damit beauftragt, Sie zu vernehmen. Wehe, wenn eine Unwahrheit über Ihre Lippen kommt! Ich weiß, mit welcher Gewandtheit Sie das Märchen von einer verſtorbenen Schweſter und ſo weiter erſonnen haben. Mich glauben Sie nicht damit zu täuſchen. Sie haben ein ſchweres Unrecht begangen und ſteht Ihnen dieſerhalb eine angemeſſene Strafe zu. Nur wenn Sie vollſtändig offen und ehrlich gegen mich ſind, will ich dahin zu wirken ſuchen, daß Ihnen eine mildere zudiktirt wird.