5⁵8 Concordia.
Abends in Borcel⸗End— weder Mr. Trevanard noch ſein Sohn hatten einen Verdacht, daß ihr irrender Gaſt weiter als in Seacomb geweſen war— und fand die Lage der Dinge beſſer. Muriel war ruhiger; die Brandflecken hatten ſich als leichte erwieſen, und Alles nahm einen günſtigen Ver⸗ lauf. Er begab ſich zu Muriel, ſetzte ſich an deren Bett und ſprach eine Weile mit ihr. Die trüben Augen blickten ihn ruhig genug an, aber mit einer ſeltſamen Verwunderung. Er fand, daß ſie ſich nicht an das Feuer erinnerte und keine Idee hatte, warum ſie krank ſei und Schmerz empfinde. Aber ſie erinnerte ſich an das Verſprechen, das er ihr bezüglich ihrer Tochter gemacht hatte.
„Es ſagte mir Jemand, daß ich mein Kind wiederſehen würde,“ flüſterte ſie.„Ich weiß nicht, wer es war, aber es ſagte mir Jemand ſo, und ich weiß, daß ich es ſehen werde — wenn wir unſere Freunde im Himmel treffen.
„Sie werden es hier ſehen, auf dieſer Erde,“ ſagte Maurice.„Aber bedenken Sie, wie viele Jahre gekommen und gegangen ſind, ſeit Sie es ſahen. Es iſt kein Kind mehr, ſondern ein Fräulein.“
Muriel ſtarrte ihn mit einem verwirrten Blick an.
„Ich brauche kein Fräulein zu ſehen; ich will mein Kind wieder— das kleine Baby, das meine Mutter mir ſtahl.“
Dies machte die Sache ſchwierig. Maurice ſah darin ein zärtliches Feſthalten an der Vergangenheit, eine Erinnerung, ſtark genug, um die Zeit von Jahren für nichts zu halten. Er machte keinen Verſuch, dieſe Anſchauung durch Argumente zu beſeitigen, ſondern überließ Muriel der hingebenden Sorg⸗ falt der Großmutter.
Am nächſten Morgen war er früh unten und erſuchte Mr. Trevanard, ihm nach dem Frühſtück eine halbe Stunde zu einer Beſprechung zu ſchenken.
Auf einem ſchmalen Pfade, der durch Haſelgebüſch ein⸗ gefaßt war, gingen der Farmer und Maurice Cliſſold auf und ab, während der Letztere ſeine Geſchichte erzählte, wobei er ſich Mühe gab, Brigitta's Antheil an dem häuslichen Trauerſpiel in einem milderen Lichte erſcheinen zu laſſen, und darzuthun, daß ſie, wenn auch ſehr geirrt, doch nur aus Rückſicht auf die Familienehre und einen mißverſtandenen Familienſtolz gehandelt.
Michael hörte ihn mit tiefſter Erregung.
„Mein armes Kind! meine arme Muriel! Sie wiſſen nicht, wie ſtolz ich auf ſie war— und nun zu denken, daß mein armes Kind ſo ſchlecht behandelt wurde in meinem eigenen Hauſe.“
„Es widerfuhr ihr keine Unfreundlichkeit,“ Maurice zu begütigen.
„Keine Unfreundlichkeit? Man ließ ſie Schande ertragen, man glaubte nicht an ihre Reinheit; war das keine Unfreund⸗ lichkeit? Man beraubte ſie ihres Kindes! Warum? Seit wann iſt die Welt ſo tugendhaft, daß ſie ein Recht hat, ſo ſtreng zu richten? Muriel hätte mir vertraut. Ja, ihrem Vater würde ſie vertraut haben. Brigitta war immer zu ſtreng.“
„Erinnern Sie ſich, daß Ihre Gattin irrte in ihrer Angſt um ihren guten Namen.“
„Ja, ja, ich weiß das. Gott weiß es, es iſt hart für mich, jetzt gegen ſie zu ſprechen, da ſie im Grabe iſt.— Meine arme, mit Füßen getretene Muriel! Es war grau⸗
ſuchte ihn
ſam, das Kind fortzuſchicken. Ich hätte es ſo ſehr lieben können!“—
„Sie werden es auch jetzt lieben, wenn ich es zu Ihnen bringe.“
„Ja, aber nicht ſo, wie ich es vor zwanzig Jahren hätte lieben können— als es ein hilfloſes Kind war.“
Die Idee, daß dieſes Enkelkind die rechtmäßige Beſitzerin von Penwyn, Borcel⸗End mit eingeſchloſſen, war, bewegte Michael Trevanard nur leichthin. Er war nicht ruhig genug, um dieſe Angelegenheit aus einem ſo weltlichen Geſichtspunkte zu betrachten. Er konnte nur an das Enkelkind denken, das unter ſeinem Dache geboren und fortgebracht worden war, während er in ſeinem Bette lag und keine Ahnung hatte, daß aus Liebe zu ſeinem guten Namen ein ſolches Uebel ge⸗ ſchah.
„Und wo iſt ſie? Was thut ſie jetzt— Muriel'’s Tochter — mein Enkelkind?“ fragte er.
Maurice erklärte Juſtina's Stellung.
„Was!“ fuhr der alte Mann auf,„eine Schauſpielerin? Roth und weiß geſchminkt, in kurzen Unterröcken mit Sternen von Flittergold, die außerhalb einer Schaubude Luftſprünge macht?“
Maurice beeilte ſich, die Anſicht des Farmers von dem dramatiſchen Berufe zu berichtigen, und ihm zu verſichern, daß ſeine Enkelin in jeder Beziehung eine Lady ſei— be⸗ ſcheiden, von feinem Gefühl und Benehmen, mit gebildetem Geiſte und ſchöner Geſtalt; eine Enkelin, auf die er ſtolz ſein werde.
24. Kapitel. „Eine Seele, ſo rein, wie der Himmel.“
Zwei Stunden ſpäter war Maurice Cliſſold an dem Thore von Penwyn. Elsbeth ließ ihn ein. Sie hatte ihr buſchiges ſchwarzes Haar aufgebunden, das rauh und wild, wie die Mähne eines Muſtangs, um ſie gehangen, als Mr. Cliſſold ſie zuletzt ſah, und trug ein nettes Kleid und ein reinliches Häubchen von weißem Muſſelin, anſtatt des maleriſchen Zigeuner⸗Koſtüms, das ſie bei der früheren Gelegenheit ge⸗ tragen. Dies war mindeſtens eine Konzeſſion an Mrs. Pen⸗ wyn's Geſchmack, und bewies, daß auch Elsbeth's wilde Natur endlich unter Madge's beſänftigenden Einfluß gebracht worden war
„Fehlt Ihrer Großmutter etwas:4 fragte Maurice, über⸗ raſcht, dieſes Eremplar vom Stamme der Meg Merrilies nicht zu ſehen. 4
„Ja, Sir, ſie iſt ſehr krank.“
„Woran leidet ſie?“—
„Am Gallenfieber,“ antwortete das Mädchen kurz; und
Maurice ging weiter. Er hatte jetzt keine Zeit, ſich um Re⸗ bekka Maſſon zu kümmern, obgleich er in keiner Weiſe jene ſelſamen Thatſachen vergeſſen, die ihre Gegenwart zu Penwyn zu einem Geheimniß machten.
Er verlangte den Squire zu ſehen, und wurde ſofort in die Bibliothek geführt, ein Zimmer, welches Churchill gebaut hatte. Churchill ſaß an einem Tiſche und las. Bei Mau⸗ rice's Eintritt fuhr er empor und empfing ihn höflich, ſogar herzlich, inſofern Worte Herzlichkeit auszudrücken vermögen, aben mit einer plötzlich beunruhigten Miene, die Maurice nicht ent⸗ ging, ſo vorübergehend ſie auch war.


