556 Concordia.
ſprang gegen ihn. Für ihre aufgeregte Einbildungskraft ſchien die dunkle, ſchweigende Geſtalt der Geiſt ihres todten Geliebten. 8
Sie hatte die Kerze von ſich geworfen, als ſie auf ihre Füße ſprang. Die Flamme berührte ihr langes Nachtkleid. Ein Moment, und ſie ſtand vor Maurice wie eine Flammenſäule.
Er ſtürzte auf ſie zu, faßte ſie in ſeine Arme, zertrat die Kerze, riß eine der Decken von den Möbelſtücken, eollte ſie feſt um die Geſtalt, und unterdrückte ſo die Flammen mit ſtarkem Griffe. Die Gefahr, das Entſetzen waren nur kurz, aber er fürchtete doch, daß ſie verhängnißvoll werden könnten.
Die gebrechliche Geſtalt ſchauderte in ſeinen Armen. Das zarte Fleiſch war vielfach verſengt. Aber auch in dieſem Augenblicke des Entſetzens hielt ſie ihn noch für ihren Ge⸗ liebten.
„Nicht ein Geiſt!“ flüſterte ſie.„Nicht der Schatten des Todten, ſondern lebendig, und zurückgekehrt, um mich zu retten, zu lieben! O George, biſt Du es wirklich?“
Es war das erſte Mal, daß Maurice ſie George Penwyn's Namen nennen hörte.
„Es iſt Einer, der Sie beſchützen und lieben wird,“ ſagte Maurice zärtlich.„Einer, dem Sie vertrauen dürfen, und der Ihre Tochter zu Ihnen zurückführen will!“
„Meine Tochter, mein Kind!“ rief ſie.„Nein! Das kannſt Du niemals mehr auf dieſer Erde; im Himmel werden wir ſie wiederfinden, aber niemals in dieſem Leben. Sie wurde uns genommen; man hat ſie ermordet!“
„Nein, ſie wurde in ſichere Hände gegeben, die ſie be⸗ ſchützten. Jahre ſind ſeitdem verfloſſen, und ſie iſt zu einem ſchönen Mädchen herangewachſen. Sie werden ſie wiederſehen, mit ihr leben, und ſie wird Sie lieben und ehren!“
Sie ſchauderte, und ein ſchwaches Stöhnen brach von ihren Lippen.
„Sie fühlen Schmerz,“ ſagte Maurice. brennt noch. Es dringt bis in mein Herz.“
Er nahm ſie mit unendlicher Zärtlichkeit auf ſeine Arme und trug ſie bei dem bleichen Schimmer des abnehmenden Mondes mit größter Vorſicht über den Boden und die ſchmale Treppe hinab. Im breiten Korridor angelangt, war ſein weitever Weg leicht. Er trug ſeine leichte Laſt durch das ſtille Haus, über die leere Halle, nach dem Zimmer der alten Mrs. Trevanard. Hier legte er ſie ſanft auf das Sopha, ehe er die blinde Großmutter weckte. Er fand eine Kerze auf dem Tiſche und zündete ſie an.
Sein erſter Blick fiel auf Muriel. Sie war ohnmächtig geworden und lag regungslos, bleich wie der Tod. Er ging an Mrs. Trevanard's Bett und weckte ſie ſanft.
„Theure Mrs. Trevanard, es iſt ein Unfall geſchehen. Ihre Enkelin iſt verletzt; nicht ernſtlich, hoffe ich, aber der Schrecken hat ſie ohnmächtig gemacht. Wollen Sie ihr irgend eine Stärkung geben, während ich eine Dienerin rufe?“
Er verließ das Zimmer zu dieſem Zwecke, eilte nach dem Ende des Hauſes, wo man ihm geſagt, daß die Mägde in einem Zimmer oberhalb der Küche ſchliefen, klopfte an die Thür dieſes Zimmers und ſagte einem der Mädchen, daß ſie aufſtehen und ſich ſo ſchnell als möglich ankleiden möge, um ohne Zeitverluſt nach dem Zimmer der Mrs. Trevanard zu kommen. Nachdem er dies gethan, eilte er zu Muriel zurück, und fand die blinde Großmutter, ihr Hilfe leiſtend, indem ſie
„Ja, das Feuer
ihr ein Glas mit irgend einer Herzſtärkung, die ſie ſelbſt be⸗ reitet, an die bleichen Lippen hielt.
„Warum überredeten Sie mich, meine Thür offen zu laſſen?“ rief Mrs. Trevanard vorwurfsvoll aus.„Sehen Sie, was für Leid daraus entſtanden iſt.“
„Nicht viel, hoffe ich zur Vorſehung.“
„Was geſchah denn?“
Er erzählte, wie die Flamme Muriel's dünnes Nachtkleid erfaßt, und wie ſchnell er ſie getilgt. 4
„Ich will Martin nach dem Doktor ſchicken,“ ſagte Maurice.—
Martin war raſch in den Kleidern und zu Pferde. Der Tag begann zu dämmern, als er auf dem Wege nach Seacomb fortgaloppirte.
Um ſieben Uhr kam der Doktor, ein alter Mann mit einem klugen, freundlichen Geſichte. Er war bei Muriel's Geburt anweſend geweſen und war in gewiſſem Maße mit
allen Stadien ihres Lebens vertraut, obgleich er das ver⸗
hängnißvolle Familien⸗Geheimniß niemals kennen gelernt hatte. Er erklärte den Zuſtand Muriel's für ungefährlich, empfahl Ruhe und deutete an, daß dem Organismus der Geiſteskranken eine Erſchütterung wie dieſe ſogar nützlich werden könnte.„Für ſpäter dürfte beſonders eine Luft⸗ veränderung empfehlenswerth ſein,“ ſchloß der Doktor.
Nach einem kurzen Frühſtücke erſtieg Maurice den Dach⸗ boden, wo der Unfall ſich ereignet, und fand dieſen jetzt erhellt vom Sonnenlichte. Er näherte ſich dem Wiegenkorbe, wo Muriel ihre Briefe verſteckt hatte, und fand dieſe unter einer kleinen Matratze verborgen. Es war ein kleines Päck⸗ chen Briefe, mit roſtfarbener Tinte auf vergilbtem Papier geſchrieben und mit einem abgeblaßten Seidenbändchen zu⸗ ſammengebunden.
„Sie können werthvolle Zeugniſſe bilden,“ ſagte Maurice ſich ſelbſt. Er las einen nach dem anderen, während er neben der Wiege knieete. Sie erzählten die alte Geſchichte von ewiger Liebe, die doch verurtheilt iſt, zu ſterben, von frohen Hoffnungen, die niemals verwirklicht werden. Alle begannen: „Mein geliebtes Weibl!“ ſie alle waren unterzeichnet: „Dein getreuer Gatte George Penwyn“. Und alle waren doch adreſſirt:„An Miß Muriel Trevanard, Borcel⸗End bei Seacomb“.
In einem Briefe deutete George Penwyn auf Umſtände hin, die Muriel möglicherweiſe veranlaſſen konnten, ihre Heimat zu verlaſſen.
„Ich konnte nicht fortgehen, ohne verſichert zu ſein, daß Du einen Freund und Rathgeber habeſt, bereit, Dir in jeder Schwierigkeit zu helfen,“ ſchrieb er.„Ich habe einen getreuen Freund an Mr. Tomlin, dem Advokaten zu Seacomb, und ich ſchließe hier einen Brief ein, den ich an ihn geſchrieben habe, worin ich ihn von unſerer Heirat benachrichtige und um ſeine Theilnahme und Hilfe für Dich erſuche, wenn es nöthig werden ſollte. Er wird Dir alle Freundſchaft erweiſen und verſchwiegen ſein. Kümmere Dich um nichts, mein liebes Weib, ſondern vertraue unter allen Umſtänden der Weis⸗ heit und Freundlichkeit Mr. Tomlin'’s.“
Der Brief, adreſſirt an William Tomlin, Esquire, Advokat in Seacomb, war da, das Siegel unerbrochen.
Maurice ſchob die Briefe in ſeine Bruſttaſche, ging die Treppe hinab und aus dem Hauſe.


