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Concordia. 555
Martin war voll Ungeduld, ſeine neuentdeckte Nichte zu ſehen, und Maurice mußte ihm verſprechen, ihn nach London mitzunehmen und bei Juſtina einzuführen. So kam die herbſtliche Mondnacht und ließ ſich über das alte Farmhaus nieder..
21. Kapitel. „JFür viele Herzen iſt die Lieb' nur Leid.“
Es war eine helle Herbſtnacht, ſtill und wolkenlos. Die Nebel des Abends waren über Moor und Wieſen fortgerollt — wie von den dunkelbraunen Feldern, wo der Pflug ge⸗ ſchäftig geweſen, und von der langen Linie der ſich kräuſelnden Gewäſſer. Der Mond war ſo hell und voll, wie in der erſten Nacht, die Maurice Cliſſold zu Borcel⸗End zubrachte. Es war ihm geſagt worden, daß Muriel in einer ſolchen Nacht wie dieſe ſtets ruhelos ſei.
Aber die Nacht verging, während er wachte, und kein Ge⸗ räuſch, keine Schritte ließen ſich im Hauſe vernehmen. Mr. Cliſſold verfiel endlich in Schlaf, als der Mond verſchwunden war, und erwachte erſt wieder, als die Frühſtücksſtunde lange vorüber war.
Dies war eine Enttäuſchung, aber er wartete einen anderen Tag und wachte eine andere Nacht, mit demſelben Erfolge.
„Kommt ſie nicht nächſte Nacht, ſo gebe ich es auf,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Es kann mir ohnedies nur wenig nützen, ihre Selbſtbekenntniſſe während ihres Umherſchweifens zu hören.“
Er ſchlief ein oder zwei Stunden am dritten Nachmittage, und ſo war er in der dritten Nacht wachſamer als zuvor.
Er lag in dieſer Nacht drei Stunden wach, ohne einen Laut zu hören, außer gelegentlich das Geräuſch und Quietſchen von Mäuſen hinter dem Holzgetäfel.“
Aber einige Minuten, nachdem die Uhr in der Halle Zwei geſchlagen, hörte der Wachende den Laut, der ihn bei ſeiner erſten Anweſenheit überraſcht hatte— das Schlürfen von Pantoffeln— den langſamen, geſpenſtiſchen Schritt auf dem Korridor.
Muriel näherte ſich.
Sie trat langſam ein— ſtill— wie zuerſt, und ging geradezu zum Fenſter, welches ſie geräuſchlos öffnete, ſich un⸗ endlich Mühe nehmend, jedes Geräuſch zu vermeiden. Dann ſenkte ſie ihr Haupt aus dem Fenſter, und blickte abwärts, als ob ſie von unten Jemand erwarte.
„Sei vorſichtig, Geliebter,“ flüſterte ſie, aber laut genug für Maurice's wachſames Ohr,„ein Epheuzweig iſt losgeriſſen. Ich fürchte, Dein Fuß wird ausgleiten. Sei vorſichtig!“
Einige Zeit blieb ſie ſo, und hielt ein Geſpräch mit Je⸗ mandem, den ſie unten zu ſehen wähnte. Dann erwachte ſie mit einem Male zum Gefühle ihrer Einſamkeit, und wußte, daß ſie nur mit einem Phantome geſprochen. Sie trat in das Zimmer zurück, und begann raſch auf und ab zu gehen, mit erregtem Weſen, die Hände auf das Haupt gedrückt, als ob ſie durch einen Druck auf die Schläfe die Unruhe ihres Geiſtes hemmen könne.
„Sie ſagten mir, er ſei todt,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt, „ermordet, barbariſch ermordet. Aber es iſt nicht wahr. Man hat mir noch andere Lügen geſagt, als dieſe. Sie ſind
Alle falſch, Alle grauſam. Meine Mutter hat ſie ſo gemacht. Sie hat mir meinen Gatten genommen. Sie hat mir mein Kind genommen. Sie hat mir nichts gelaſſen als die Er⸗ innerung. Warum nahm ſie mir nicht auch dieſe?“
Dann veränderte ſich der Ton ihrer Stimme zu innigſter Zärtlichkeit, gemiſcht mit reuevoller Furcht, und es war, als ob ſie zu ihrem Geliebten ſpräche.
„Geliebter, es war ſehr unrecht von uns, daß wir unſer Verſprechen brachen. Ich fürchte, daß Unheil daraus entſtehen wird. Mein Herz iſt ſo voll Furcht.“
Dann folgte ein langes Schweigen. Sie ging zurück zum Fenſter, legte ihr Haupt auf das Fenſterbret, und blieb ſo, regungslos und ſtill. Maurice meinte, daß ſie weine. Dies dauerte nahezu eine Stunde; dann folgte eine plötzliche Be⸗ wegung— alle ihre Bewegungen waren ſo— ſie fuhr em⸗ por und ſah im Zimmer um ſich, als ob ſie etwas ſuche.
Maurice hatte ſeine ausgelöſchte Kerze auf dem Ankleide⸗ tiſche gelaſſen, mit einer Schachtel Zündhölzchen. Raſch er⸗ griff Muriel die letztere, zündete die Kerze an und eilte damit aus dem Zimmer.
Der Wachende ſprang aus dem Bette, wo er im Schatten der Gardine verborgen gelegen, und folgte der Geſtalt, voll Beſorgniß. Eine Wahnſinnige, in einem alten Hauſe des Nachts mit brennender Kerze umherwandernd, gewährte nichts weniger als Sicherheit, und Maurice fühlte ſich verantwortlich für jedes Unheil, das aus Muriel's Freiheit entſtehen konnte.
Als er aus dem Zimmer trat, war der Korridor leer, aber der Lichtſchimmer der Kerze in einiger Entfernung lenkte ſeine eilenden Schritte. Am Ende des Korridors war eine Wendeltreppe— die er noch niemals emporgeſtiegen— von der er aber glaubte, daß ſie nach irgend einem wenig benütz⸗ ten Theile des Dachbodens führe.
Das Licht kam von dieſer ſchmalen Treppe, und dahin eilte Maurice. Er kam gerade zurecht, um den Saum von Muriel's weißem Kleide an der Spitze der Treppe verſchwinden zu ſehen, und damit das Licht. Er eilte die Treppe empor und ſtieß den Kopf an einen ſchweren Balken, ſo daß er faſt betäubt ward; aber auch dies machte nicht, daß er inne hielt. Er taumelte bis zur letzen Stufe und fand ſich in einer Art Kammer. Gexyichtige Balken kreuzten einander in jeder Richtung— ein ſchwacher Mondſchein ſtrömte durch einige Dachſpalten.
Muriel knieete neben einem Haufen Möbel— bei einem alten Wiegenkorbe. Sie hielt die Kerze in einer Hand und ſchien mit der anderen Hand in der Wiege etwas zu ſuchen.
Maurice hielt an. Sie in einem ſolchen Moment zu überraſchen, konnte gefährlich ſein. Beſſer ſchien es ihm, ſich ſtill zu verhalten und ihre Bewegungen zu bewachen, bereit, ihr zu Hilfe zu eilen, wenn es nöthig werden ſollte.
Jetzt ſchien ſie gefunden zu haben, was ſie wünſchte. Es war ein Brief, in einem geſiegelten Couvert, auf den ſie blickte, den ſie küßte, aber keinen Verſuch machte, ihn zu öffnen. Dann legte ſie ihn in die Wiege zurück, und nahm mehrere Briefe daraus, zwei oder drei zuſammen, offen, und auch dieſe küßte ſie, und blickte lange auf die geſchriebenen Zeilen, als ob ſie verſuche, ſie zu leſen, und es nicht könnte.
Ihre Augen erhoben ſich langſam von dem Briefe und drangen in die dunkle Ecke, wo Maurice, ſie bewachend, ſtand.
Sie ſah ihn— ſtieß einen langen wilden Sihei aus— und 70


