554 Concordia.
Von Madame Balo begab ſich Maurice geradenwegs zu ſeinen Advokaten Willgroß und Harding, am Old⸗Square in London— verläßliche und kluge Rechtsfreunde. Dem jüngeren Theilnehmer der Firma, ſeinem beſonderen Freunde, legte er ſeinen Fall vor.
Mr. Harding hörte ihn mit nachdenklicher Miene an und ſagte dann:„Es dürfte ſchwierig ſein, einen Mann wie Churchill Penwyn auf das Zeugniß eines wandernden Schau⸗ ſpielers außer Beſitz zu bringen. Es iſt ſchade, daß Sie keinen Zeugen haben von beſſerer Stellung in der Welt.“
„Der Beweis befindet ſich im Regiſter der Didmouth⸗ Kirche.“
„Für die Heirat, ja. Aber um die Geburt einer Erbin zu beweiſen, haben wir nur eine alte blinde Frau, und dieſer Elgood kann ausſagen, daß dieſes Kind ihm anvertraut war. Und auf die Kraft dieſer Beweiſe hin wollen Sie eine Be⸗ ſitzung, die jährlich ſiebentauſend Pfund einträgt, für eine junge Schauſpielerin des Albert⸗Theaters in Anſpruch nehmen. Die Geſchichte iſt hübſch, ſehr romantiſch, aber, auf mein Wort, Mr. Cliſſold, ich würde auf keinen Erfolg rechnen.“
„Ich will zunächſt nur Juſtina's legitime Geburt nach⸗ weiſen. Die Beſitzung ſteht in zweiter Reihe.“
„Natürlich. Nun, ich werde durch einen meiner Schreiber aus dem Regiſter der Didmouth⸗Kirche eine Abſchrift nehmen laſſen.“
„Ich gehe mit ihm,“ ſagte Maurice.
20. Kapitel. „Die traurigſte Liebe hat irgend eine ſüße Erinnerung.“
Maurice und Mr. Pointer, Schreiber bei den Herren Advokaten Willgroß und Harding, erreichten Didmouth mittelſt eines Omnibus zu ſpät am Tage, um etwas Anderes zu thun, als zu ſoupiren und zu Bett zu gehen. Aber am nächſten Morgen waren ſie vor acht Uhr bei dem Kirchendiener und begaben ſich von da nach der Kirche, von einem ältlichen Küſter begleitet, der die Schlüſſel trug.
Mr. Pointer nahm die Abſchrift zweifach, und damit war Maurice's Miſſion zu Didmouth beendet. Während der Schreiber mit einem der beiden Dokumente nach London zurückkehrte, begab ſich Maurice mit dem anderen Schriftſtück mittelſt Bahn nach Seacomb. Juſtina's Recht, den Namen ihres Vaters zu führen, war nun erwieſen, und er konnte es jetzt wagen, Martin Muriel's Geſchichte anzuvertrauen, oder wenigſtens ſoviel davon, als erzählt werden konnte, ohne einen Tadel auf ſeine verſtorbene Mutter zu werfen.
Er trat am nächſten Morgen zur Frühſtückszeit in das alte Farmhaus, nachdem er die Nacht in Seacomb zugebracht. Martin war überraſcht und erfreut.
Maurice erzählte ſeine Geſchichte und Martin lauſchte mit tiefer Erregung, und vergoß nicht unmännliche Thränen bei dem Berichte über den Kummer ſeiner Schweſter.
„Meine arme Mutter!“ ſchluchzte er endlich.„Sie glaubte das Beſte zu thun— für die Ehre der Familie— aber es war hart für Muriel— und dieſe war allezeit ohne Sünde — eine Gattin, frei von Makel, ausgenommen das verhäng⸗ nißvolle Verheimlichen der Heirat.“
Dann erkundigte ſich Martin eifrig nach ſeiner Nichte, dem einzigen Kinde ſeiner geliebten Schweſter.
Zunächſt wünſchte Maurice eine Zuſammenkunft mit der alten Mrs. Trevanard. Er wollte ihr Gedächtniß prüfen, um zu entdecken, inwiefern auf die blinde Großmutter ge⸗ rechnet werden konnte, wenn die Zeit kam, das Familien⸗ geheimuiß vor der Welt bekannt zu machen.
Mrs. Trevanard hatte noch ihr Zimmer inne. Sie war fähig, ſich ein wenig umherzubewegen— fähig, Muriel zu bewachen und zu hüten, aber ſie zog die Einſamkeit ihres Zimmers der alten Ecke in dem Wohnzimmer der Familie vor.
Maurice erzählte freundlich und mit einiger Vorbereitung ſeine Entdeckungen Muriel's Großmutter. Als ſie hörte, daß Muriel ohne Sünde und ihre Heirat mit George Penwyn eine Thatſache war, erhob die Blinde ihre Stimme dankend zu Gott. 5
„Ich dachte das immer,“ ſagte ſie ſodann.„Ich hielt das arme Lamm ſtets für unſchuldig, aber Brigitta glaubte an das Gegentheil.“
Maurice hoffte, daß die Zeugenſchaft dieſer Frau vor jedem Gerichtshofe Beachtung finden müſſe.
„Nach dem, was Sie nun wiſſen, und von dem, was mir geſchah, als ich die erſte Nacht in dieſem Hauſe zubrachte,“ ſagte er,„iſt es mir klar, daß Ihre Enkelin und ihr Gatte die Gewohnheit hatten, des Nachts insgeheim in dem Zimmer am Ende des Korridors zuſammenzukommen, wenn ſonſt Alles im Hauſe ſchlief.“
Er beſchrieb dann ſeine erſte Nacht in Borcel⸗End; Muriel, an dem offenen Fenſter wachend und ihren Geliebten anflehend, zu ihr zurückzukommen. Zeigte dies nicht an, daß Kapitän Penwyn einſt durch jenes Fenſter des Nachts in das Haus zu kommen pflegte? Es war kaum mehr als acht Fuß hoch über dem Boden und die mit Epheu bedeckte Wand für einen gewandten jungen Mann leicht zu erklimmen.
„Ich meine, der Inſtinkt führt Ihre arme Enkelin nach dieſem Zimmer, wenn ſie des Nachts, wo Alles ſtill im Hauſe iſt, frei herumgehen kann. Für ſie iſt jenes Zimmer voll ſüßer und trauriger Erinnerungen. Wenn ſie frei wäre, nächtlich dahin zu gehen, würde ſie in den Selbſtbekenntniſſen Ihres wirren Geiſtes mehr von der Vergaugenheit enthüllen, als wir bis jetzt gelernt haben, ſie würde von ihren Zu⸗ ſammenkünften mit dem Geliebten ſprechen, die alten ſüßen Worte wiederholen. Wollen Sie ihr erlauben, frei des Nachts umherzugehen, wenn die Neigung dazu ſie erfaßt? Ich will mich in meinen Kleidern niederlegen und Wache halten, bereit, zu lauſchen oder ihr zu folgen, wenn es nöthig iſt. Der Mond iſt nahezu voll und die Nacht wird hell genug ſein, um ſie zu einer Wanderung zu verlocken. Wollen Sie das geſchehen laſſen, Mrs. Trevanard?“
„Ich glaube nicht, daß irgend ein Unheil daraus entſtehen könnte,“ antwortete die alte Frau.
Der Reſt des Tages wurde von Maurice und Martin ruhig auf einem Spaziergange an dem See⸗Ufer zugebracht. Zum Diner erſchien Mr. Trevanard, aber, obgleich er über⸗ raſcht war, Maurice ſo bald nach ſeiner Abreiſe wieder zu ſehen, zeigte er doch keine Neugierde über den Beweggrund ſeiner Rückkehr. Der Herr zu Borcel⸗End ſchien mit der Theilnehmerin ſeiner Freuden und Sorgen alles Intereſſe am Leben verloren zu haben. Er ging mechaniſch an ſeine Ar⸗ beit, ſprach ſehr wenig, trank mehr als er aß und ſchien
pöllig in düſteren Gedanken verloren.


