Concordia. 551
ſo aber brauche ich eine Schwiegertochter, die der Wirthſchaft gewachſen iſt und ihren Mann zu leiten verſteht.“
„Iſt denn Euer Sohn nicht Manns genug?“ fragte der Einnehmer.
„Eine Schlafmütze iſt er,“ ſagte der Krüger aufbrauſend, „der die Wirthſchaft würde zu Grunde gehen laſſen, wäre ſie ſeinen ſchwachen Händen allein anvertraut. Gutmüthig iſt er und kein Faulenzer; aber was hilft alle Arbeit, wenn er das Seine nicht zuſammenzuhalten verſteht? Wie weit kommt man heutzutage in der Welt mit der Gutmüthigkeit? Sein Haus würde von Geſindel, Miteſſern und guten Freunden nicht leer werden; Aller Hände würden in ſeine Taſchen langen; das Korn würde noch nicht gemäht, das Vieh noch nicht ge⸗ ſchlachtet ſein, und er hätte ſchon aller Welt einen Sack Mehl und eine Seite Speck verſprochen. Wie lange würde es dauern, und ſie hätten ihn ausgeſogen und ausgezogen, und wäre ſein Vermögen noch einmäl ſo groß, wie ich es ihm hinterlaſſen werde, er würde es mit ſeiner verdammten Gut⸗ müthigkeit an den Mann zu bringen wiſſen. Darum thut ihm eine vernünftige, derbe Hausfrau nöthig; eine böſe paßt beſſer für ihn, als eine gute. Und, Alter, Eure Evelis iſt zu gut für ihn. Die beiden Leutchen würden ſich lieb haben und lange in den Flitterwochen leben, aber am Ende einſehen, daß man von Liebe allein nicht leben kann, ſie würden ſich und ihre Kinder unglücklich machen. Ich habe eine Andere für ihn. Eure Tochter iſt zwar auf dem Lande, aber für die Stadt geboren; ſie muß einmal ganz was Apartes haben, einen reichen Mann, wie den Kommiſſär zum Beiſpiel. Wie? Glaubt nur, ſolche Leute wiſſen Schönheiten zu ſchätzen, für ſo Einen iſt die Evelis ganz und gar geſchaffen.“ Während dieſer Worte ſaß der Einnehmer ſtill und in ſich gekehrt auf der Bank, die einbrechende Dämmerung, welche dem niederen Zimmer die ohnehin ſpärliche Beleuchtung nahm, verhinderte, daß man den Eindruck deutlich wahrnehmen konnte, den die Rede des Wirthes auf ihn machte. Der Letztere hatte nicht ohne Heftigkeit geſprochen und ſchien das Herbe und Schonungsloſe, das in ſeinen Aeußerungen für den Nachbar lag, ſelbſt zu fühlen, denn er ſagte, während er das neugefüllte Glas von den Lippen brachte, es auf dem blanken Eichentiſch ſeinem Gaſt zuſchob und dabei das ge⸗ bräuchliche Zeichen des Zutrinkens mit dem Zeigefinger auf dem Tiſch machte:„Thut mir Beſcheid, Freund, und den Ge⸗
fallen, von dieſer Sache zum erſten und letzten Mal geſprochen zu haben. Sie macht mir Verdruß, weil ich Euch und den Kindern gern zu Willen wäre und es doch nicht ſein kann und darf. Im Uebrigen könnt Ihr auf mich rechnen und wißt, daß ich es ſtets aufrichtig und treu gemeint habe, wie es einem guten Nachbar zukommt. Ihr werdet meine Gründe gelten laſſen und wiſſen, was Ihr für das Wohl Eures Kindes und die Ruhe Eures Hauſes zu thun habt; ich meine, wir müßten Beide dem Schönthun der jungen Leute ein Ende machen, da es doch zu nichts Gutem führen kann.“
Der Einnehmer ſtand auf, ohne das Glas geleert zu haben. „Ich bin Euer Schuldner,“ ſagte er mit bewegter Stimme, „Ihr habt an uns viel Gutes gethan— drum kann ich Euch nicht antworten, wie ich's wohl möchte; aber Ihr habt mir heut' Abend das Herz abgeſtoßen.“— Und ohne Gruß, die alte blaue Kappe tief in's Geſicht drückend, ging er raſch zur Thür und verließ den Krug. Als er zum Dorf hinaustrat, trabte Johann, den leeren, leichten Holzwagen hinter ſich, zu Pferde in den Hof.
Mürriſch näherte ſich der Invalid ſeiner einſamen Woh⸗ nung, ohne auf die Herrlichkeit des ſchönen Sommerabende zu achten, der in friedlicher Stille Haide und Feld überzogen hatte. Die Sonne war längſt hinabgeſunken in ein Meer purpurglühender Wolken, die ſich tief in den dunklen Azur des Himmels hineinzuſaugen ſchienen; der weſtliche Horizont ſpielte in brennenden Farbentönen, die erhitzte Atmoſphäre goß einen Ab⸗ glanz ihres farbenſchwangeren Lichts über den Rand der großen braunen Ebene, die ein bläulicher milder Duft überſchichtete. Bald floſſen die Schatten des Waldes und einzelner Hügel breit auseinander; aus der moorigen Niederung wuchſen weiße Nebel empor und verhüllten den Buſch im Bruch und wälzten ſich langſam in die lechzende, düſtere Haide, über die ein ſanfter, kühlender Abendwind hinglitt und die rothen Blüthen ſanft ſchaukelte. In weiter Ferne ſah man die weißen Heerden einzelner Schäfer auf dem dunklen Grunde der hohen Haide ſchimmern, nach dem Walde zu Schaaren von krächzenden Raben fliegen. Von den ſchwarzen Strohgiebeln der Dorf⸗ häuſer her erſchallte von Zeit zu Zeit das Klappern der Störche und ſpöttiſch antwortete ihnen das Gequake der Fröſche im Bruch.
(Fortſetzung folgt.)
Plaudereien.
Die Jungfrau von Orleans.
Wer von unſeren Leſern hätte nicht bereits von der Jungfrau von Orleans gehört, von jenem begeiſterten Mädchen, welches im fünfzehnten Jahrhundert die Heere des damals ſchwer bedrängten Frankreich gegen die Engländer, die in das Land eingefallen waren, ſiegreich anführte. Es iſt von älteren und neueren Geſchichts⸗ ſchreibern ſo Vieles im Guten wie im Böſen über dieſes wunder⸗ bare Mädchen geſagt worden, man hat ſie auf der einen Seite bis zum Himmel erhoben, auf der anderen ihre Begeiſterung dem Ein⸗ fluſſe hölliſcher Mächte zugeſchrieben; man hat von Seiten ihrer Landsleute ihre Geſchichte mit den wunderlichſten und ſeltſamſten Zügen ausgeſchmückt, bald anderntheils aus Nationalhaß Alles aufgeboten, um ihre edle und erhabene Natur in den Staub zu
ziehen, daß es nicht unpaſſend ſein wird, nach treuen geſchichtlichen Quellen und der Wahrheit gemäß ihre allerdings wunderbare und romantiſche Geſchichte mitzutheilen. Jeanne d'Arec, gewöhnlich die Jungfrau von Orleans(la Pucelle d'Orleans) genannt, war in dem Dorfe Dom Remy jetzt Dom Remy la Pucelle, im Departe⸗ ment der Vogeſen) 1410 geboren. Ihr Vater war ein nicht un⸗ bemittelter Landmann, der außer ihr noch zwei Töchter und drei Söhne hatte. Thibaut d'Ac, ſo hieß der Vater, war ein braver Mann, der ſeine Kinder in Ehrbarkeit und Gottesfurcht und ihrem Stande gemäß auferzog. Johanna hütete demnach auch mit ihren Geſchwiſtern die Heerden, war jedoch ſtets ein in jeder Hinſicht ſeltenes Mädchen. Ihr Aeußeres war anmuthig, ja ſchön zu nennen, von ſchlankem Wuchs und feinem Gliederbaue. Aber fie war auch an Geiſt und Gemüth reicher begabt als ihre Um⸗


