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gebungen; eher ſtill und in ſich gekehrt als lebhaft, liebte ſie die Einſamkeit und ernſte Betrachtungen. Während ihre Geſpielinnen unter einem alten Baume unweit Dom Remy, der den Namen „Feenbaum“ führte, ihre ländlichen Spiele trieben, war Johanna ſtets allein, ſaß träumend und ſinnend in einer einſamen Felſen⸗ ſchlucht, oder wallfahrtete zu einer nahen Kapelle der heiligen Jungfrau, vor deren Bilde ſie dann voll Inbrunſt betete. So lebte ſie, ganz mit ihrem Inneren beſchäftigt, wiewohl allen ihr auferlegten häuslichen Pflichten genügend, bis in ihr achtzehntes Jahr. Um dieſe Zeit war Frankreich in einer ſehr traurigen Lage, und nur wenig fehlte, daß es nicht eine Beute der fremden Sieger, der Engländer, wurde. König Karl der Sechste, den ein periodiſcher Wahnſinn zur Regierung unfähig machte, war 1422 geſtorben, und einige Große des Reichs hatten, infolge des ſchon früher in der Stadt Troyes mit England geſchloſſenen Vertrags, den erſt neun Monate alten König von England, Heinrich den Vierten, auch zuſn König von Frankreich ausgerufen, für welchen ſein Oheim, der Herzog von Bedford, einſtweilen das Reich verwaltete. Dieſe Wahl eines fremden Monarchen zum König war durch langwierige Partei⸗ kämpfe im Inneren Jrankreichs veranlaßt worden, welche ſeit zwei⸗ undvierzig Jahren das Land verheerten. Die eine Partei bildeten die Königin Iſabella, Wittwe Karl's des Sechsten, eine herrſch⸗ ſüchtige und ränkevolle Frau, der Herzog von Burgund und die Engländer; auf der anderen Seite ſtand das Haus Orleans und der Dauphin(Kronprinz) Karl. Obgleich nun ein engliſches Heer faſt alle Provinzen Frankreichs beſetzt hatte, ſo hielt dennoch der Dauphin, der ſich inzwiſchen zu Poitiers als König Karl der Siebente hatte krönen laſſen, ſieben Jahre lang ſich gegen die Uebermacht, bis 1428 ihm faſt nur einzelne Städte ſeines Reiches üibrig blieben, denn das ganze nördliche Frankreich, bis an die Loire, ja die Hauptſtadt Paris ſelbſt war in den Händen der Eng⸗ länder, und der Graf von Salisbury belagerte bereits mehrere Wochen die Stadt Orleans, welches der franzöſiſche Feldherr Gaucour tapfer vertheidigte. Unter dieſen Umſtänden ſchien aber nun König Karl VII. doch endlich erliegen zu müſſen. Die Bangigkeit dieſer unheilvollen Wendung der Ereigniſſe drückte aber ſchwer auf dem ganzen Lande. Auch nach dem entlegenen Dom Remy drang die Nachricht von dem Unglücke des Königs und der allgemeinen Noth des Landes. Johanna, durch dieſe Erzählungen aufgeregt, ihren rechtmäßigen König über Alles liebend, von Muth und Vaterlands⸗ liebe beſeelt, im feſten Vertrauen auf die göttliche Hilfe und, wie ſie verſicherte, von Engelsſtimmen, die ſie unter dem Feenbaume vernommen, ja durch eine Erſcheinung der heiligen Jungfrau ſelbſt dazu aufgefordert, erſchien eines Tages(im Februar 1429) vor dem Befehlshaber von Vaucouleurs, Robert von Baudricourt, und ver⸗ traute dieſem, daß ſie von Gott berufen ſei, Orleans zu entſetzen und den König nach Rheims, der alten Krönungsſtadt Frankreichs, zur feierlichen Krönung zu führen. Baudricourt hielt das Mädchen anfangs für wahnſinnig und ſchickte ſie zweimal zu ihren Eltern zurück, wurde aber, als ſie zum dritten Male wiederkehrte, durch ihre begeiſterte Sprache doch bewogen, ſie nach Chinon zu ſenden, wo Karl VII. ſich mit ſeinen Truppen eben aufhielt. Sie machte dieſem frei und ohne Furcht denſelben Antrag. Das Benehmen der Jungfrau war zu ernſt und edel, als daß man ſie für eine Be⸗ trügerin hätte halten ſollen; der König ließ ſie von mehreren wür⸗ digen Geiſtlichen prüfen, die ihr über ihre Religioſität das beſte Zeugniß gaben, und ſandte ſie hierauf in Begleitung des tapferen Grafen Dunois zum Heere, um Orleans, wie ſie gelobt hatte, zu entſetzen. Nach der Angabe der glaubwürdigſten Aktenſtücke ſtellte ſie ſich kriegeriſch gerüſtet an die Spitze des Heeres, wohnte allen Belagerungen und Schlachten an der Seite der Feldherren bei, trug ſtets ein Fahne mit den Lilien Frankreichs dem Heere voran, ent⸗
ſetzte durch ihre Tapferkeit und weiſen Rathſchläge die Stadt
Verantwoetlicher Redakteur: Otto Freitag in Dresden
Verlag von Otto Freitag in Dresden.
Orleans, eroberte mehrere von den Engländern beſetzte Städte und zog endlich ſiegreich mit dem Könige in Rheims ein, bei deſſen feierlicher Krönung und Salbung ſie als Connetable, oder als erſter Militärbefehlshaber von Frankreich ihm mit Schwert und Sieges⸗ fahne zur Seite ſtand. Aus Dankbarkeit erhob der König ſie unter dem Namen Jeanne du Lys ſammt ihrer Familie in den Adelſtand. Ihr Wappenſchild enthielt zwei goldene Lilien und ein mit der Spitze in die Höhe gerichtetes Schwert, das eine Krone trägt. Allein nicht lange erfreute ſich Karl VII. der errungenen Herrſchaft. Die Engländer, mit den Fürſten von Burgund und Bretagne verbunden, drangen auf's Neue vor und belagerten die Feſtung Compiegne. Bei einem Ausfalle ward Johanna von den Burgundern gefangen, und ſofort ſetzte man ſie mit Ketten belaſtet in den Thurm von Beaurevoir, aus dem ſie einen mißlungenen Verſuch, zu entkommen, machte. Ein Kriminalprozeß wurde gegen ſie eingeleitet und das einundzwanzigjährige Mädchen dem Inquiſitionsgericht zu Rouen übergeben, welches ſie als eine Zauberin,„wegen Umgang mit hölliſchen Geiſtern“, wie es in dem Urtheil hieß, zum Feuertode verurtheilte, und am 30. Mai 1431 wurde dieſer Ausſpruch auf dem Marktplatze zu Rouen vollzogen. Der Sage nach ereignete ſich bei ihrem Tode, den ſie mit Unerſchrockenheit erduldete, das Wunder, daß, als der Körper zu Aſche verbrannt war, eine weiße Taube daraus zum Himmel emporflog. Obgleich es nur Sage iſt, ſo iſt es doch ein Beweis für den Edelmuth und die Unſchuld der ſchmachvoll verurtheilten Jungfrau; denn nur an wahrhaft ausgezeichnete Menſchen knüpfen ſich ſolche Sagen, in denen immer eine große ſittliche Lehre enthalten iſt. Schon 1450 bis 51 wurde ihr Prozeß revidirt und 1456 das frühere ungerechte Urtheil durch die vom Papſte Calixtus III. mit der Unterſuchung beauftragten Biſchöfe für ungiltig und die Jungfrau für unſchuldig erklärt.— Hören wir nun über dieſes berühmte Mädchen noch das Wort eines deutſchen Schriftſtellers, welcher der verwickelten Geſchichte dieſer Zeit ein ſorgfältiges Studium widmete.—„Hört und vergleicht man,“ ſo heißt es in Niemeyer's„Reiſe durch Frank⸗ reich“,„alle zum Theil gleichzeitigen Ausſagen über die Jungfrau, ſo muß man auf die Ueberzeugung zurückkommen, daß ſie eine der ſchönſten Erſcheinungen iſt, welche die franzöſiſche Geſchichte aus der romantiſchen Mittelzeit aufbewahrt hat. Johanna führt das Schwert und die Fahne als Siegeszeichen dem Heere voran, bleibt aber weit entfernt von willkürlicher Grauſamkeit. Mehrmals ver⸗ wundet, hat ſie nie Blut vergoſſen. Bei allem Scheine von Schwär⸗ merei hat ſie ſtets gewußt, was ſie wolle und thue. Neben dem feſten Glauben, ſich eines himmliſchen Auftrages zu entledigen, zeigt ſich überall das beſonnenſte Handeln, Verſtand und Klugheit in ihren Rathſchlägen, bei Mangel an Bildung durch Unterricht, Männerſtolz gegen die britiſchen Heerführer, edle Freimüthigkeit, wenn ſie den Fürſten oder den Richtern gegenüberſteht; große De⸗ muth im Glück, ungebeugter Sinn im Unglück. Der Glorie eines überirdiſchen Weſens bedarf ſie nicht. Das Menſchliche in ihr, jener Verein des Heldenmuthes mit der Güte, ihre ſtrenge Tugend reichten ſchon hin, dieſes ſchöne Bild mit der Glorie des höchſten menſchlichen Seelenadels zu ſchmücken.“ Das Geburts⸗ und Wohn⸗ haus der Jungfrau von Orleans ſteht noch in Dom Remy in der Nähe der Kirche des heiligen Remigius, des Schutzpatrons dieſes Ortes; es iſt ziemlich gut erhalten und wurde in neuerer Zeit von der franzöſiſchen Regierung angekauft, um darin eine Bildungsſtätte für junge Mädchen zu errichten.— Auf dem Marktplatze in Rouen ſteht ein koloſſales Denkmal mit der Bildſäule der Jungfrau; das Piedeſtal trägt folgende Inſchrift: Regia virgineo defenditur ense corona, Lilia virgineo tuta sub ense nitent. (Sicherer iſt die Krone beſchirmt vom Schwerte der Jungfrau, Unter der Jungfrau Schwert blühet der Lilien Pracht.)
— Druck von F. W. Gleißner in Dresden.
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