Jahrgang 
2 (1879)
Seite
550
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550 Concordia.

durch einen langen Bart der Oberlippe, den er beim Sprechen häufig rechts und links ſtrich und dabei eine ſchöne weiße Hand blicken ließ, noch mehr hervortrat. Er war einfach, aber mit Sorgfalt gekleidet und redete die reine Sprache des Städters, die im Dorf außer dem Einnehmer nur der Krüger verſtand und die für ein Zeichen höherer Bildung angeſehen wurde. Reich mußte er ſein, denn er hatte ein Paar raben⸗ ſchwarze Rappen von hohem Werth vor ſeinem eleganten ver⸗ ſchloſſenen Wagen und einen Kutſcher, der einen goldbetreßten Hut, blanke Stiefel mit gelben Stulpen und einen Rock mit vergoldeten Knöpfen trug, auf denen ein Wappen zu ſehen war.

Eine ſolche Erſcheinung mußte im Dorfe Aufſehen er⸗ regen und die Neugier in hohem Grade ſpannen. Sie ſollte bald befriedigt werden. Ehe der Abend verging, hatte der Krüger ſeinen Gäſten in der Schänkſtube die Gründe mit⸗ getheilt, welche den vornehmen Gaſt in ihre Mitte führten; ſie erfuhren, daß der Fremde ein königlicher Beamter ſei, ſich Kommiſſär nennen ließe und ſchon am nächſten Tage die Vermeſſungen beginnen werde, welche er in der Gegend zu machen hohen Befehl hatte.

Dieſe Mittheilungen machten auf die Zuhörer tiefen Ein⸗ druck; während die Einen ſich über ihre Bedeutung bekümmerten, erblickten die Anderen in ihnen Ausſicht auf neuen Erwerb. Zwar ſahen Alle ein, daß die Verlegung der Heerſtraße ein großer Verluſt für das ganze Dorf und beſonders für den Krug ſein würde, allein der Kommiſſär hatte auf eine Ent⸗ ſchädigung hingedeutet, welche die Regierung der Gemeinde zu gewähren geſonnen ſei, und von den Vortheilen geſprochen, welche dem Dorfe durch den Aufbruch der alten und die An⸗ lage der neuen Straße zufließen würden, denn die Erdarbeiten epforderten eine Menge Hände, und die Hand⸗ und Spann⸗ dienſte, welche das Dorf bei der alten Straße hatte umſonſt leiſten müſſen, ſollten bei der neuen bezahlt werden. Das war allerdings ein Troſt; die Regierung hatte einen großen Geldbeutel, das wußten die Unterthanen, wenn ſie hineingriff, pflegte ſie nicht zu kargen. Auch ein anderer Gedanke tröſtete die Gemeinde noch über den bevorſtehenden Verluſt; eine Arbeit, wie die in Ausſicht ſtehende, erheiſchte Jahre zu ihrer Vollendung. War ja ſelbſt die alte Straße noch nicht ein⸗ mal ganz vollendet, ſondern ſtellenweiſe ungepflaſtert, und man arbeitete doch daran faſt ſeit einem Menſchenalter. Zehn Jahre mochten immer darüber vergehen, ehe ſich das Dorf von der großen Heerſtraße abgeſchnitten und eine Meile tief in's Land verſetzt ſehen ſollte. In zehn Jahren dachte mancher alte Bauer an den kleinen Haideweg von Bruchdorf in's nahe Kirchdorf, an die letzte Fahrt auf offener Straße in den dunklen Schoß der Erde. Für die junge Generation war ein ſo großer Zeitabſchnitt zu umfangreich, welcher durch die neue Ordnung der Dinge entſtehen würde, um Vortheile und Nach⸗ theile richtig bemeſſen zu können..

Der Krüger und der Einnehmer allein ſchienen ſich die Ankunft des Kommiſſärs und die ſein Erſcheinen bedingenden Gründe mehr zu Herzen zu nehmen, als die Uebrigen.

Das iſt eine heilloſe Geſchichte, ſagte der Wirth zum Invaliden, als Beide gegen Sonnenuntergang, nachdem ſich die Gäſte aus dem Kruge entfernt hatten, an einem großen eichenen Tiſche der Schänkſtube beiſammen ſaßen;da meint

wieder ſo Einer von den Klugen das Wohl des Landes bei allen vier Zipfeln gefaßt zu haben.

Ach, ſagte der Andere,ſprecht mir doch nicht von dem! Wenn ſich die hohen Herren wohl befinden, müſſen wir ſchon zufrieden ſein.

Die neue Straße wäre ſchon gut, wenn die alte nie ge⸗ weſen wäre!

Bah! Was hilft mir eine Straße durch eine Wüſte; ſeht, Nachbar, der Straße durch die Haide wird es gerade ſo gehen, wie meinem rechten Arm. Seit er um ſechs Zoll kürzer geworden, iſt er zu nichts gut. Die beſte Straße iſt die kürzeſte, aber die kürzeſte iſt nicht immer die beſte. Ich ſage Euch, die Franzoſen wußten recht gut, was ſie thaten, als ſie dieſe Straße bauten; ſie koſtete Euch viel Schweiß, aber ſie brachte Euch auch dafür reichen Segen.

Schlimme Zeiten waren es, ſagte der Wirth,als ſie hier die Herren ſpielten; aber ſie meinten es immer noch ehr⸗ licher mit uns als die Ruſſen, die uns zu ſchinden ſuchten, wo und wie ſie konnten, und es zehnmal ärger trieben, als die Feinde.

Seht, ſprach der Einnehmer und hielt den verſtümmelten Arm empor,das Andenken hab' ich von den Franzoſen er⸗ halten, aber ich bin ſtolz darauf. Hätten ſie mich nicht zum Krüppel gehauen, Teufel! ſo könnte ich heute betteln gehen, trotz Leipzig und Waterloo müßte ich vielleicht ſelbſt mit dem Leierkaſten oder der Fiedel im Lande umherziehen, wie mancher arme Kamerad, meine Tochter abrichten, auf offenem Markt vor dem reichen und armen Volk zu ſingen, oder ſie zu noch 'was Aergerem gebraucht ſehen.

So viel iſt gewiß, ſie hätten uns auch um unſere Mei⸗ nung fragen ſollen, ſagte der Krüger.

Damit Ihr wenigſtens unterthänigſt Ja geſagt hättet, erwiderte der Invalid,weil Ihr wohl wußtet, daß man ohne Euch doch gethan, was man für gut hält!

Wohl wahr, lachte der Wirth,Ihr trefft den Nagel wohl auf den Kopf, trotz Eures Armſtumpfs. Doch kommt, fuhr er fort und füllte ein auf dem Tiſch ſtehendes leeres Glas, laßt Euch kein graues Haar über die Geſchichte wachſen, wir kommen noch wohl mit einem blauen Auge davon.

Wir wohl, murrte der Invalid,aber unſere Kinder, mein Kind!

Werden auch durch die Welt kommen, fiel der Wirth ihm in's Wort.Ihr habt eine gar ſchmucke, fleißige Dirne, der wird's an Freiern nicht fehlen; wer weiß, wie weich die Euch noch einmal betten wird in Euren alten Tagen! Evelis iſt ein gutes Mädchen, das einen Mann glücklich machen kann, wenn er danach iſt, und Euch glücklich machen wird, ſobald ſich ein ſolcher findet:

Nachbar, ſagte der Einnehmer nach einer kleinen Pauſe, dem Wirth offen in's Geſicht blickend,Ihr lobt mein Kind und ſeid ihm gut; aber Ihr ſteht den jungen Leuten doch ent⸗ gegen und könntet ſie glücklich machen.

Da Ihr einmal dieſe Geſchichte auf's Tapet bringt, erwiderte der Krüger verſtimmt,will ich Euch meine Mei⸗ nung unverhohlen an den Tag legen. Ihr wißt, was zu einer Wirthſchaft gehört, oder eigentlich wißt Ihr es nicht, und Eure Tochter weiß es ebenſo wenig, deshalb iſt ſie keine Frau für den Johann. Hätte ich mehr Kinder als das eine, möchten ſich die Beiden in Gottes Namen lieb haben und freien;