Jahrgang 
2 (1879)
Seite
549
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Der Brief enthielt die Worte:Was wir Gott geſchworen, müſſen wir halten bis in das Grab. Du mußt ſchweigen, und ſelbſt der heilige Vater kann Dich nicht von dieſem Gelübde entbinden. Gott gebe Dir Stärke, Dein Geſchick zu tragen. Je größer die Leiden auf der Erde, deſto höher iſt der Lohn im Himmel.

*.*

Ferenz war aus der Kirche zu Nuſtar in die Sturmnacht hinausgeſtürzt.

Er fühlte weder den Wind, der ihm das Haar zerwühlte, noch den Regen, der ihm die Wangen peitſchte. Es war ihm faſt wohl in der Rieſenſchlacht der Elemente.

Auch ſein Inneres zerwühlte der Sturm, zerriſſen die immer aufflammenden Blitze der Reue.

So zog er fort in der Richtung gegen Eſſeg. Denn was er ſuchte, war Rachel.

In ihrem Blicke wollte er Belohnung, in ihren Armen Ruhe finden vor den nagenden Schlangen des Gewiſſens. Die ernſten Eindrücke ſeiner That hatten ihn fern gehalten von dem Weibe, deſſen dämoniſche Gewalt ihn dazu verführt.

Jetzt aber loderte die Liebe zu Rachel wieder mächtiger in ihm empor, als je.

Sie wußte, daß er kommen werde, er hatte es ihr durch einen vertrauten Hauſirjuden ſagen laſſen.

Allein ſie wußte auch daß er das Geld nicht habe, daß er um den Gewinn ſeines Verbrechens betrogen ſei.

Ferenz erreichte Eſſeg.

Er begab ſich raſch nach Retfalu.

Er ſtahl ſich bei der Dunkelheit nach der Schänke.

Beim Durchſchreiten des Flurs traf er auf den alten Samuel. Er fragte nach Rachel.

Als ihm der Jude Antwort gegeben und ſelbe mit einem Fluche begleitete, glaubte Ferenz, falſch gehört zu haben.

Er fragte noch einmal.

Und wieder dieſelbe furchtbare Antwort.

Rachel war aus Eſſeg geflohen.

Gleichzeitig war der hagere Grieche verſchwunden, der ihr ſeit Monaten wie ein Schatten gefolgt.

Man hatte Beide nie wieder geſehen.

Ferenz litt es nicht länger in Eſſeg. Unwillkürlich trieb

Concordia.

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es ihn gegen Vukovar. Er folgte faſt unbewußt ſeinem Drange. Alles war verloren, an dem er gehangen, Alles war todt, wofür er gelebt.

Als der Morgen graute, fand er ſich vor einem Hügel.

Plötzlich dröhnte Trommelſchlag von fern und drang näher.

Soldaten zogen heran.

Eine unabſehbare Menge Volkes hinterher.

Auf dem Hügel hielt der Zug.

Die Soldaten führten einen bleichen Mann in ihrer Mitte.

Es war Dragutin Sajevic, der zum Tode geführt wurde.

Ferenz überkam es wie eine Art Schwindel. Eine Art Betäubung bemächtigte ſich ſeiner. Er ſah nicht mehr, was um ihn vorging.

Da erdröhnte eine Gewehrſalve.

Sie zerriß den Nebel, der die Sinne Ferenz's gefeſſelt hielt,

Plötzlich wußte er, was geſchah.

Er ſtieß die Nachſtehenden zurück, zerriß die Kette der Soldaten und ſtürzte auf die Richtſtätte.

Haltet ein! ſchrie er,der Verurtheilte iſt unſchuldig, ich habe den Krämer gemordet!

Zu ſpät.

Lieutenant Dragutin Sajevic hatte eben geendet.

Die Juſtiz hatte ihn gemordet.

Es war im Jahre 1865, als ich mich in Agram durch längere Zeit aufhielt.

Ich lernte dort einen jungen griechiſchen Popen kennen einen ſchönen Mann von ſeltener Bildung. Eines Tages be⸗ ſuchten wir die Abtheilung der Irren im Agramer Spitale

Eine wunderbare Frauengeſtalt erregte meine Aufmerkſam⸗ keit. Ich werde dies rührende Bild nie vergeſſen.

Als wir in die Zelle traten, blickte ſie faſt wild auf.

Dann ſah ſie uns fragend an und ſagte:Nicht wahr, Dragutin iſt unſchuldig? Ja, ja, er iſt es, ſetzte ſie wei nend hinzu,und deshalb haben ſie ihn erſchoſſen! Darauf erglühte ihr Auge von unheimlichen Feuer.Aber den An⸗ dern, ſchrie ſie,haben ſie gehängt, der es gethan!

Der Pope erzählte mir die Geſchichte dieſer Unglücklichen

Es war Marie.

Zum guten Herzen.

Eine Novelle. (Fortſetzung.)

Wie ein kahles, ödes Land, das die Pflugſchaar zum erſten Male umbricht, deſſen Furchen die erſte Pflege und die erſte Saat empfangen, ſich mit einem neuen Gewande ſchmückt und Blüthen und Früchte trägt, die nur für glücklichere Triften beſtimmt zu ſein ſchienen, ſo brach auch durch die kalte Kruſte ſeiner rauhen Seele eine neue erſte Saat empor, die noch nie in ihr Wurzel geſchlagen und gekeimt. Raſch ſchoß dieſer Samen in Blüthe, aber das Unkraut wuchs nach, das alte Geſtrüpp wucherte mit auf.

An dem erwähnten Tage verbreitete ſich im Dorfe eine Nachricht, die für die ganze Gegend, beſonders aber für den Krüger und den Einnehmer von höchſter Wichtigkeit war. Es hieß nämlich, die Heerſtraße würde verlegt werden, der

große Winkel, welchen ſie über das Dorf mache, ſolle weg⸗ fallen und eine gerade Linie durch das Land gezogen werden. Das Gerücht war begründet, die Landesregierung hatte Be⸗ fehl gegeben, dieſen längſt gehegten Plan zur Ausführung zu bringen. Die neue Straße ſollte in Angriff genommen werden. Dieſe Nachrichten hatte ein Fremder mitgebracht, für den ſeit mehreren Wochen zwei Zimmer im Kruge bereit ge⸗ halten wurden. Um Mittag langte er an, nahm ſogleich, und dem Gepäck, das er bei ſich führte, nach zu ſchließen, auf längere Zeit Beſitz von ſeiner Wohnung und unterhielt ſich angelegentlich mit dem Wirth. Der Ankömmling war ein Mann von mittler Größe, konnte vierzig bis fünfundvierzig Jahre zählen, ſeine Haltung hatte etwas Militäriſches, was