Jahrgang 
2 (1879)
Seite
546
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546

Concordia.

bat ihn, bei ſeiner brüderlichen Liebe, wenigſtens den einen Troſt der greiſen Mutter ihm, dem Prieſter, zu hinterlaſſen, daß er ſeine That reumüthig eingeſtehen und die Gnade des Himmieels dafür erwirken möge. Gott verzeihe dem geſtändigen, reuigen Sünder.

Dragutin blickte den Bruder erſt mit einem wilden Blicke an, dann ſtieß er ihn von ſich.

Zurück, Prieſter! ſchrie er,und wenn Du mich ver⸗ fluchſt und verdammſt ich bin unſchuldig!

** 83

Es war in der Nacht nach der. Urtheilsſprechung.

Die Familie Dragutin's war von dem Beſuche des Un⸗ glücklichen zurückgekehrt und verweilte in troſtloſer Stimmung in dem Betzimmer des Pfarrers.

Die greiſe Mutter des Verurtheilten ſaß im dumpfen Hin⸗ brüten in einer Ecke des Gemaches. Sie ſchien ein Bild von Stein, die Wangen farblos, das Auge unbeweglich und er⸗ loſchen. Nur die Lippen bewegten ſich merklich.

Flehte ſie zu Gott für ihren Sohn?

Vor einem Kruzifix im heißen Gebete knieete der Prieſter.

Zu den Füßen der Mutter lag die Schweſter in Thränen gebadet, laut jammernd und klagend.

Draußen war ein Gewitter emporgezogen.

Der Wind heulte um das einſame Pfarrhaus, daß die Fenſter klirrten, grelle Blitze durchleuchteten den Raum und machten das Bild, das er bot, noch trauriger. Der Donner ſchien die Grundfeſten des Hauſes erſchüttern zu wollen.

In Strömen ſchoß der Regen herab.

Wollte er die Sünde Dragutin's tilgen? Wollte er dies geweihte Haus rein waſchen von Fluch und Schande? Der Sturm peitſchte die ſchweren Waſſertropfen an die Fenſter⸗ ſcheiben, daß ſie laut erklangen.

Jetzt klangen ſie vernehmlicher denn je. wieder!

Waren das Regentropfen?

Nein, es war die Hand eines Menſchen.

Sie klopfte zum dritten Male an die Scheiben.

Das Mädchen zitterte und ſchmiegte ſich ängſtlich an die Mutter. Dieſe ſaß fühllos wie früher.

Nehmt einer Mutter ihr Kind und forſcht, ob ſie noch Raum hat für andere Gedanken!

Der Pfarrer war aufgeſtanden und trat zum Fenſter.

Ein Blitz erhellte die Gegend mit blendendem Lichte.

Ein Schatten lag von außen vor dem Fenſter. Antlitz eines Menſchen, bleich und verſtört, geſpenſtig.

Der Pfarrer hatte dies Antlitz nie geſehen.

Da drang eine dumpfe Stimme in's Zimmer:

Seid Ihr der Pfarrer?

Ich bin es.

Kommt in die Kirche, ich will beichten.

So ſpät?

Eine ſchwere Sünde drückt mich.

Und wollt Ihr Euch nicht ſammeln im Gebete bis morgen?

Nein, ich muß die Laſt von mir wälzen! Thut Eure Pflicht, Prieſter!

Geht voran. Ich komme.

Das Antlitz verſchwand vom Fenſter.

Horch', jetzt

Das

Der Pfarrer legte die Stola um, nahm den Mantel und ging.

Einige Minuten darauf trat er in die Kirche.

Rechts vom Hochaltar ſtand der Beichtſtuhl. lehnt, harrte der Fremde.

Es war ganz finſter im Gotteshauſe. Nur die ewige Lampe, die vor dem Allerheiligſten brannte, warf ein mattes, ungewiſſes Licht auf die Umgebung. Das rothe Glas der Lampe verlieh dem Lichte einen blutigen Schein. Blut be⸗ grüßte den Erlöſer bei ſeiner Geburt in Bethlehem. Blut beſiegelte das Werk der Erlöſung am Kreuze. Mit Blut ver⸗ breiteten fanatiſche Mönche und blinde Tyrannen die Religion der Liebe.

Der röthliche Schein der Lampe fiel auf das Geſicht des Fremden.

Dieſes Geſicht trug das Kainszeichen der Sünde auf der

An ihn ge⸗

Stirn.

Ein krampfhaftes Zittern durchlief den Körper.

War es die Kälte, die den gänzlich durchnäßten Körper zittern machte? War es die Angſt des böſen Gewiſſens? Das dichte Haar fiel in wilder Unordnung in das Geſicht.

Der unſtäte, lauernde Blick ruhte wie forſchend auf dem Prieſter.

Dieſer begab ſich in den Beichtſtuhl.

Was wollt Ihr?

Ruhe, Herr, und Frieden!

Wer nimmt Euch die?

Mein Gewiſſen.

Wer ſeid Ihr?

Ein Mörder.

Der Pfarrer ſchrak zuſammen. Seine Hand griff willkürlich nach der Thür des Beichtſtuhles.

Der Fremde, der es bemerkte, rief:

Bleibt! Erſchreckt Euch ſchon der Name der That? Ich aber habe ſie ſchon gethan! Seht mich nicht ſo entſetzlich an, ich brauche Euer Entſetzen nicht! Ich ſuche Ruhe und Frieden für mein Herz, gebt mir Ruhe, Prieſter, erwirkt mir die Gnade des Himmels, nehmt die Schuld von mir, oder ich werde wahnſinnig! Legt Eure geweihte Hand auf mein ver⸗ fluchtes Haupt und ſagt:Zieh' hin in Frieden, mein Sohn, Deine Schuld iſt Dir vergeben! Ihr ſchweigt, Ihr wollt nicht? Ihr müßt, ſage ich Euch, denn ich habe die Schuld geſühnt mit furchtbaren Qualen. Seit jener verruchten That treibe ich mich ruhelos, des Schlafes bar, gepeinigt von dem nagenden Gewiſſen, herum wie ein Raſender, bebe vor jedem Schatten zurück, der mir ein Rächer des Gemordeten erſcheint. So fliehe ich fort, ohne Nahrung, gequält von wüthendem Durſt, und kann ihn doch nicht ſtillen, denn aus jedem Becher Wein blinkt es röthlich wie das Blut des Gemordeten, und lege ich mein Antlitz an den Spiegel der Quelle, bebe ich entſetzt vor meinem eigenen verſtörten Geſicht zurück, vor dem Geſicht des Mörders!

Er preßte ſeine glühende Stirn an das vergitterte Fenſter des Beichtſtuhles. Seine Bruſt hob ſich keuchend.

Ahnungsvoll ſtieg es im Geiſte des Prieſters auf.

Und warum habt Ihr gemordet? fragte er mild.

Der Fremde fuhr wild empor.

Warum? ſchrie er.Da müßt Ihr die ſchöne Jüdin fragen, die ich freien will, und die ich nur erlangen konnte

un⸗