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Concordia. 545
Und dabei ſchaute der Müller unwillkürlich nach dem Hügel zum Hieſel am Brandt hinauf..
Der zuhörende Forſtgehilfe bemerkte den etwas ängſtlichen Blick des nun ſchweigenden Müllers, als jener zuvor zu der alten Hütte am G'wänd droben aufſah, und war es nun Ab⸗ ſicht oder Zufälligkeit, fragte jetzt der Jäger mit ruhigem Aus⸗ druck den eben trinkenden Müller:
„Iſt denn der Hieſel am Brandt in Ihrem Dienſt, Thal⸗ hofer?“
Der Befragte ſetzte ſofort das Glas von dem Munde, und den Jäger überraſcht anblickend, erwiderte er kurz:
„Was, dieſer Lump, der Taugenichts, in meinen Dienſten? — Wer hat Euch denn das weißgemacht, Herr Limpöck? Sagt doch das nimmer weiter, ſonſt käm' ich gar noch in's Gerede, Wildſchützen im Haus zu leiden,“ endete faſt zornig der Müller.
Die eben gehörten Aeußerungen Thalhofer's über den ge⸗ fürchteten Hieſel am Brandt ließen ſelbſtverſtändlich Limpöck
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außer Zweifel, daß Letzterer unmöglich in der Mühle be⸗ dienſtet ſein könnte, und jetzt war ihm das Zuſammentreffen Hieſel's vor ungefähr acht Wochen mit Theres an der Wald⸗ Klauſe drüben erſt klar geworden. Das iſt ein Stelldichein geweſen, von dem der Müller nichts wiſſen durfte, ahnte der Jäger ganz richtig.— Und die Drohung noch nicht vergeſſen habend, welche ihm das Mädchen bei ſeinen Zudringlichkeiten im Seehaus entgegenſchleuderte, ſchienen ihm die nun er⸗ fahrenen Verhältniſſe Hieſel's und Thalhofer's einerſeits und des heimlichen Liebespaares andererſeits eben dazu angethan, ſich an der ſchönen, ſpröden Müllerstochter etwas rächen zu können, indem er, zwar gleichgiltig, anhob:
„Ich glaube es Ihnen vollkommen, Vater Thalhofer, daß Hieſel nicht in Ihrem Dienſte ſteht, aber ein zufälliges Be⸗ gegnen vor etwa acht Wochen im Seehaus drüben mit Ihrer Tochter in Begleitung des Wilderers am Brandt ließ die Vermuthung, daß Hieſel Ihr Knecht wäre, in mir aufkommen.“
(Fortſetzung folgt.)
Ein Zuſtizmord.
Kriminal⸗Novelle. (Schluß.)
Unheil ahnend, ſtürzte Marie zum Fenſter.
Da führte man den Mann als Verbrecher vorüber, an dem ſie hing mit allen Organen ihres Lebens.
Dragutin war todtenbleich, ſein dichtes ſchwarzes Haar ſiel wirr in das verſtörte Geſicht.
Sie riß das Fenſter auf.
„Jeſus Maria, Dragutin!“ gellte ihr furchtbarer Aufſchrei, „was haſt Du gethan?“
Der Gefangene blickte empor.
Ein Sonnenſtrahl überflog ſein Geſicht.
„Ich bin unſchuldig, Marie!“ rief er und hob die ge⸗ feſſelten Hände wie zum Schwur gegen den Himmel,„ich bin unſchuldig, ſo wahr mir Gott helfe!“
„Er lügt!“ ſchrie eine Stimme aus dem Haufen.
„Kam ſeine That nicht klar zu Tage?“
„Er lügt, der Elende!“ brüllte die Menge nach und warf mit Steinen nach dem Unglücklichen.
Die Soldaten trieben das Volk zurück, der traurige Zug verſchwand um die Ecke.
„Ihm nach,“ ſcholl der Ruf. Tage.“
Jawohl, ſeine That lag klar am Tage.
Das Gericht, das zuſammentrat, hatte leichte Arbeit.
Joſip und Dragutin waren Nebenbuhler. Der Erſtere hatte den Offizier öffentlich im Gaſthauſe beſchimpft und dann das Haus verlaſſen. Dragutin ergriff den Säbel und ſtürzte ihm wüthend nach. Zehn Zeugen beſtätigten es. Vor dem Gaſthauſe mußte er ihn eingeholt und ermordet haben. Was war natürlicher? Und er hatte es gethan, denn vor dem Gaſthauſe lag die Leiche Joſip's.
Ein Raubmord lag hier nicht vor, denn Joſip trug, als man ihn fand, noch die bedeutende Summe, die er in Eſſeg einkaſſirt hatte, ſowie Uhr und Kette unverſehrt bei ſich.
Dazu kam noch, daß der Säbel Dragutin's genau in die Wunde des Ermordeten paßte.
„Seine That liegt klar am
Dragutin hatte auf alle Beſchuldigungen nur eine Ant⸗ wort:„Ich bin unſchuldig.“
Er ſagte aus, er ſei, als er das Gaſthaus verlaſſen, nach rechts in die Richtung gegen das Haus des Krämers geeilt, um Joſip einzuholen und ihn zur Rede zu ſtellen. Daß er den Säbel, der auf einem Haken hing, mit ſich genommen habe, ſei natürlich, da er ſeine Waffe als Offizier nicht zurücklaſſen werde. Die Leiche ſei links gelegen, weshalb er, der rechts ging, auch Joſip nicht mehr traf. Wie leicht ſei es möglich, daß Joſip von einem Strolche, der wußte, welche Summe Erſterer bei ſich trage, ermordet wurde, aber der Mörder ſei durch den heraustretenden Offizier verſcheucht worden und habe auch ſpäter keine Gelegenheit gefunden, ſein Opfer zu berauben.
Das Gericht wies die Verantwortung von ſich, die Schuld war erwieſen.
Und herrſchte nicht das Standrecht in Slavonien?
In dieſem Sinne wurde das Urtheil gefällt und Lieute⸗ nant Dragutin Sajevic, als des Mordes üherwieſen zum Tode des Erſchießens verurtheilt.
In drei Tagen ſollte der Spruch vollzogen werden.
Marie lag in einem heftigen Fieber darnieder, das ihr Leben bedrohte.
Die Familie des Verurtheilten beſuchte denſelben in ſeinem Kerker.
Es war ein herzzerreißender Anblick, als ſich die Geſchwiſter mit Thränen in den Armen lagen.
Endlich ermannte ſich Dragutin und ſtürzte vor ſeiner alten Mutter auf die Kniee.
Mit gellender Stimme, daß es von den Wänden wider⸗ hallte, rief er:
„Verfluche mich nicht, Mutter, ich bin unſchuldig!“
Alle blickten ihn mit leiſem Vorwurfe an und ſchüttelten das Haupt. Zweifelte doch Niemand an ſeiner Schuld.
Der Pfarrer trat mit milden Troſtesworten zu ihm und 69


