Jahrgang 
2 (1879)
Seite
544
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544 Concordia.

Aber höchſtens auf ein Viertelſtündchen, Vater Thalhofer, ſagte der Jäger, indem er, die Einladung des Müllers an⸗ nehmend, in das Sommerhäuschen eintrat und, Bergſtock und Stutzen in eine Ecke hinlehnend, neben dem Müller jetzt Platz nahm.

Keine größeren Gegenſätze in den äußeren Erſcheinungen zweier Menſchen dürften jemals wahrgenommen worden ſein, als dies hier zwiſchen dem Jäger und dem Müller der Fall war. Während Herrn Limpöck's lange, ſchmale Geſtalt un⸗ willkürlich an einen jener angekleideten Störche, wie man ſie öfter in den Schaufenſtern großer Pelzwaarenhändler der Großſtadt zum Gaudium der Schuljugend ausgeſtellt ſehen kann, erinnerte, war das kleine ihm gegenüberſitzende behäbige Männlein einem ziemlich bauchigen Fäßchen mit zwei dicken kurzen Füßen gar nicht ſo unähnlich. Vater Thalhofer war in der That ebenſo dick als klein und auf dem auffallend kurzen, dicken Halſe wie man ihn häufig bei Bewohnern der Bergthäler antrifft, ſaß ein rothglänzendes, bartloſes Voll⸗ mondsgeſicht, welches aber, von blendenden Silberhaaren bedeckt, einen wohlgefälligen Eindruck zurückließ.

Nur zuweilen ſchien ein trauriger Zug minutenlang heimlichen Kummer und Sorge in dem ſonſt ſo ruhigen Ge⸗ ſichte Thalhofer's zu verrathen. Der freundliche Wirth unſeres langbeinigen Jägers trug eine tadellos ſaubere, bequeme Kleidung aus weißem Barchent mit feinen blauen Streifen, und eine weiche hellblaue Cachemirbinde umſchlang, vorn zu einem Knoten zuſammengezogen, den kurzen Hals, während über die ganze gedrungene Erſcheinung des Müllers ein zarter Anflug von Mehlſtaub, als untrügliches Zeichen ſeines ehr⸗ ſamen Standes, hinflog.

So arg wird es doch wohl net preſſiren, Herr Forſtg'hilf? wenn man einmal ſchon vom Seehaus über das Joch zum Brandt'niedergeſtiegen iſt, wendete Vater Thalhofer ein, ſeinen Gaſt nun befragend, ob er nicht ſein vorzügliches Weißbier verſuchen möchte.

Ich will Ihrer Gaſtfreundſchaft beſten Beſcheid thun! antwortete Limpöck und machte ſich's auf ſeinem breiten Gartenſeſſel bequemer.

Thalhofer ging ſelbſt in das Wohnhaus hinein und brachte zwei große Steinflaſchen mit kühlendem Weißbier zu dem Jäger heraus, während ihm kurz darauf ſeine Tochter mit feingeſchliffenen Gläſern folgte, dieſelben nebſt würzigem Korn⸗ brot und friſcheſter Butter auf dem grünangeſtrichenen Tiſchchen vor dem Gaſte niederſetzend. Geſchickt ſchenkte ſie nach kurzem Gruße das ſchäumende, kalte Getränk in die Gläſer und ſtellte es artig, mit einem hier üblichenWohl bekomm's! vor die über Waldbau und Köhlerei eifrig ſchon Sprechenden. Der Gaſt dankte höflich und ſchaute der ſich nun raſch entfernenden hübſchen Müllerstochter mit verliebt dareinſchauenden Augen nach, bis dieſe in dem Wohnhauſe verſchwand. Des wiſſen⸗ ſchaftlichen Geſprächs mit dem Müller, obwohl erſt begonnen, ſchon längſt wieder ſatt, lenkte er daſſelbe geſchickt auf das eben anweſend geweſene Mädchen über, indem er den eifrig von ſeinen Wäldern erzählenden Thalhofer jetzt fragend unterbrach:

Was würde doch, Müller, Ihre ſelige Frau für eine Freude haben, wenn ſie das ſo ſchön herangewachſene und kernfriſche Töchterlein ſehen könnte? Es iſt Ihr einziges

Kind, nicht wahr, Vater Thalhofer? und wohl auch Ihre einzige Freude

Und mein einziger Verdruß, fiel ihm jetzt der Müller in die Rede.Sauber iſt das Mädl freilich, wie ihre ſelige Mutter, meine kreuzbrave Leni es war, fuhr er etwas ſeufzend weiter,aber von der Heimgegangenen gutem Gemüth hat ſie kein biſſerl erwiſcht. Den ganzen Tag ſingt ſie zwar wie eine Amſel, wenn ihr natürlich Alles nach ihrem Köpferl hinausgeht aber bei dem kleinſten Anlaß zu einer Meinungs⸗ verſchiedenheit zwiſchen ihr und mir macht ſie ein ellenlanges Geſicht und iſt ebenſo eigenſinnig und ſtarrköpfig wie ihr eigener Vater.

Da hielt der Müller inne und ſah gerade darein, als hätte er plötzlich doch wahrgenommen, daß er ſich gegenüber dem Jäger eine gewaltige Blöße gegeben hatte.

Nachdem Thalhofer ſeinen Fehler ſelbſt verrathen hatte, können wir dieſen nur noch beſtätigen. Der Müller am Brandt hatte wirklich in manchen Dingen, oder wenn er einmal für etwas eingenommen oder abgeneigt war, einen unbeugſamen Eigenwillen, der ſich ſelbſt bis zu dem grenzen⸗ loſeſten Starrſinn oft ſteigerte. Dieſer konnte aber auch dann den ſonſt ſo herzensguten Mann faſt bis zur Härte ver⸗ anlaſſen.

Der Forſtmann brach das verlegene Schweigen, indem er den Müller wieder anſprach:

Ja, wie iſt denn, lieber Thalhofer, eine Meinungsver⸗ ſchiedenheit zwiſchen Ihnen und der einzigen Tochter wohl möglich? Sie werden nur das Beſte für Thereſe wollen und, wenn Sie einmal nicht mehr ſelber ſchaffen und wirth⸗ ſchaften wollten, dem Mädl um einen braven Hochzeiter ſchauen, um den Sie wohl kaum lange zu ſuchen haben, der dann als Schwiegerſohn des reichen Müllers Ihr ſchönes Ge⸗ ſchäft weiterführt und Ihr einziges Kind als ſeine Gattin wohl und hinreichend verſorgen kann. Die Theres befolgt Ihren wohlmeinenden, väterlichen Willen und ihr Glück iſt fertig.

Das wäre ganz recht und Alles ſehr ſchön! meinte der Müller, ſich dabei hinter den Ohren kratzend,wenn's mit der Reſel ſo leicht ginge; das Mädl hat, wie ſchon geſagt, ihren gar eigenen Kopf und der hundertſte Bub' iſt ihr net recht, wär' er auch der Reichſte auf fünfzig Stunden herum. Erſt vorige Woche hat der angeſehenſte Wirthsſohn der Gegend bei mir um ſie angehalten. Er iſt ein ordentlicher, fleißiger Burſch', dieſer Bua, ſauber gewachſen und kriegt ein hübſches Vermögen; mir wär' er als Schwieger ganz recht g'weſen! Als ich aber meinem Ruſſen, dem Reſerl, die Abſicht des um ſie werbenden Buben zu verſtehen gab, gab ſie mir einfach zur Antwort:Vater! den langweiligen Wirths⸗Toni mag ich net und wenn er zehnmal in Gold gefaßt wär'! lieber bleib' ich ledig! und mich ſteh'n laſſend, rannte das wilde, unbändige Ding auf die Wieſen hinaus, ſich nimmer früher blicken laſſend, bis der Wirths⸗Toni unverrichteter Sach' fort⸗ ging. So hat mir's das Dirndl ſchon dutzendmal gemacht; aber zwingen will ich mein einziges Kind auch wieder net; es thät' mir doch leid um das friſche Blut, wenn es durch ine Heirat unglücklich würde, wenn ich gleich froh wäre, ſie bald unter der Haube zu ſehen, weil ich ſonſt noch allerlei dummes Zeug fürchten muß von dem lebendigen, nichts⸗ fürchtenden Wildfang.