Toncordia. 543
der Laub⸗Au und dem Seehauſerthal trennen ihn die gewaltigen 9 Steinmaſſen des Kienberger⸗Jochs und der waldreiche Seekopf,
wöhrend ihn anderſeitig die Abhänge des Fellus und hohen
Gerns einſchließen, gen Süden aber das eigenthümlich geformte Fellhorn ſeinen Abſchluß bildet.
Als wir uns jetzt wieder den unglücklichen Frauen beim Hieſel am Brandt zuwenden, betrachtet eben die junge Wahn⸗ ſinnige mit nun wild und unſtät rollenden Augen die zerriſſenen Schluchten des Fellhorns. Plötzlich ſprang ſie flink wie eine Katze von ihrem Schemel auf; ein Schrei des Entſetzens, der ſelbſt das gebeugte Mütterlein erſchrocken aufhorchen ließ, kam aus der Irrſinnigen Bruſt, daß ſchrill das G'wänd davon widertönte, und mit ausgeſtreckten beiden Armen deutete die Aermſte nach dem ſteinigen Felſen hinüber, wo vor vier Jahren wildmenſchliche Leidenſchaften ein Menſchenleben, das ihr gar nahe ſtand, tödteten. Dieſe Stelle mußte das un⸗ glückliche Mädchen alle Tage beſchauen, an der man ihr Lieb terbarmungslos herunterſtürzte. Dies raubte ſeinerzeit der
ſchönen und aufgeweckten Schweſter Hieſel’'s im namenloſen
Schrecken den Verſtand.
So beſonders aufgeregt als heute war Wally noch nie geweſen, und ihre Mutter, bangend und fürchtend um ſie, taſtete vergeblich nach derſelben herum, während ihr Herz ſehnlichſt den Hieſel nach Hauſe wünſchte, der aber drüben in Tirol auf den Bergwäldern ſchaffte.
„Wally! Wally, mein Kind, wo biſt Du denn hin? Was iſt Dir, daß Du gar ſo jämmerlich geſchrie’n?“ fragte die ſich von ihrem Sitze erhobene, noch immer nach ihrer Tochter herumtaſtende Mutter, als die Wahnſinnige bereits wieder ruhiger wurde.
„In der Kirch' bin ich draußen, Mutter!— ſeht Ihr denn nicht den Kranz in meinen Haaren und die weißgekleideten Brautjungfern, die mich umgeben?— Der Bernhard wird auch gleich erſcheinen!“ war die ſinnesabweſende Antwort der unglücklichen Irren, die jetzt in züchtiger Stellung, wie eine Braut, vor ihrer Mutter ſtand.
Der Mutter entzwang dieſe Aeußerung ein mitleidiges Lächeln, dann erinnerte ſie ſich plötzlich, daß es heute gerade vier Jahre wurden, an welchem Tage der Bräutigam ihrer Tochter in Ausübung ſeiner Berufspflicht das Leben laſſen mußte.—
Wally war in jener verhängnißvollen Nacht unten am Fellhorn und ſuchte vergebens nach zwei verlaufenen Schafen umher. Das Geſchick machte ſie zum Zeugen jenes ſchrecklichen Verbrechens, das durch Tiroler an dem Grenzaufſeher Bern⸗ hard Himmer, als er dieſelben auf ihren Schleichwegen nach Baiern ertappte, begangen wurde. Sie lörte von oben das Geſpräch zwiſchen ihrem Geliebten und den ſich widerſetzenden Schmugglern, und was ſie da hörte, ließ ihr ſchon das Blut in den Adern ſtocken.
Als endlich ein die Nacht durchdringender Hilferuf ſie das Schlimmſte befürchten ließ, wollte das Mädchen hinaufeilen zum Plateau ober dem G'wänd, aber da fiel mit dumpfem Schlage, bereits zerſchmettert und leblos, ihr geliebter Bern⸗ hard neben ihren Füßen nieder— und um ihren Verſtand war es ſeither geſchehen.— Sollte nun Wally heute eine Ahnung von dem Jahrestage ihres Unglückes haben? fragte ſich das blinde Mütterlein ſelber, und dies machte ſie noch beſorgter um den Zuſtand ihrer Tochter.
„Wally, komm' näher zu mir! bleib' da!“ ſagte ſie des⸗ halb, aber Wally entfernte ſich immer noch mehr. Erſt lang⸗ ſam und dabei beſtändig irre redend, dann aber ſchneller, immer ſchneller.
„Wally, um Himmels willen, mein Kind!“ ſchrie jetzt die angſtvolle Mutter noch lauter der davonfliehenden Irren nach.
Dies mußte Wally gehört haben; ſie blieb endlich ſtehen und ſchaute für einen Augenblick zur Mutter hinan; aber ohne ſich deshalb derſelben zu nähern, ſagte ſie, kurz und beinahe ungeduldig zu ihr hinauf ſprechend:„Ich kann jetzt nicht kommen, Mutter! der Bernhard holt mich ab. Er iſt ſchon unten im Grund.— Ich will ihm entgegengeh'n!“ Und die Wahnſinnige wandte ſich um und rannte dann in wilder Haſt den ſteinigen Hügel hinab bis zum wildtoſenden Berg⸗ waſſer im Thal.
Wie ganz anders ſah es da unten im Thale der Mühle aus. Oben Elend und Noth, hier unten der Reichthum in Hülle und Fülle, ja Alles athmete Glück!— Das ſtattliche Wohnhaus des Müllers am Brandt war auf zehn Stunden der anſehnlichſte Bau und lag zwiſchen ſchmuckhaften, üppigen Wieſen und prächtigen Obſtgärten in idylliſcher Stille da wie ein beglückendes, kleines Paradies.
Eine gar liebliche Herbſtflora erfüllte die zierlichen, ſchön geflegten Beete eines um das halbe Haus reichenden Blumen⸗ gartens, an deſſen Ende, mit der lohnendſten Ausſicht auf die nun eben in roſiger Gluth leuchtenden Bergſpitzen, ein Sommer⸗ häuschen angebracht war. Daſſelbe, von wildem Reblaub umwuchert, welches jetzt von der Herbſtluft purpurn gefärbt war, überſchattete ein großer Nußbaum und machte es an heißen Tagen und warmen Abenden zum Lieblingsplätzchen des Müllers Thalhofer. Südöſtlich des Hauſes brauſte das tobende Bächlein vorüber, deſſen ausgiebige Waſſerkräfte die großen Mühl⸗ und Sägewerke in Bewegung ſetzten. Die Mahlmühle, ſowie die Oekonomiegebäude ſtanden in unmittel⸗ barer Nähe des Hauſes.
Die Sägen mit Vollgattern und anderen neueren Ver⸗ beſſerungen aber dehnten ſich über dem Waſſer mit ihren umfaſſenden Holzlagern weithin aus. Eine ſtarke Brücke ſtellte den Verkehr in der beneidenswerthen Beſitzung her. Der Müller am Brandt, Nikolaus Thalhofer, ſaß, genüthlich ſein Pfeiſchen rauchend, im Sommerhäuschen des Gartens und ſchaute behaglich bald die erhabene Beleuchtung ſeiner gold⸗ bringenden Bergwälder an, bald auf das geſchäftige Treiben der Knechte hinüber. Ein paar Amſeln ließen ihren melodiſchen Sang von dem leiſe ſäuſelnden Abendwind über Gärten und Wieſen weitertragen, während das anheimelnde Geklapper der Mühlräder von den Mühlen zu Thalhofer herüberdrang, der jetzt von dem Anblick eines entzückenden Alpenglühens ſo ge⸗ feſſelt ward, daß er weder die vorübereilende Wally vom Hieſel am Brandt bemerkte, noch den Gruß des eben zu ihm herantretenden Forſtgehilfen Limpöck zu hören ſchien; denn
uſer bereits bekannter Sonntagsjäger vom Seehaus mußte wiederhott dem Müller am Brandt ſein näſelndes„Guten Abend, Thalhofer!“ zurufen.
Endlich ſchien der Müller zu hören und erwiderte den Gruß des jungen Forſtmannes, indem er ſein blaues Servis⸗ Käppchen etwas lüftete und ſeinen Gegengruß mit der freund⸗ lichen Einladung, bei ihm etwas Einkehr zu machen, begleitete.


