Jahrgang 
2 (1879)
Seite
542
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Jungholz ſeinem Weibchen nach und ſelbſt die Blüamerln neigen einander ihre Köpferln zu. Alles paart ſich da herinnen in unſeren Bergen; Alles hat ſich gern, wie im reinſten Para⸗ dies! Dann aber trübte ſich etwas ihr ſtrahlendes, friſches Geſichtchen und kindlich naiv interpellirte ihr redſeliges Münd⸗ chen ſelbſt gegen den Schöpfer, indem ſie, faſt traurig zu Hieſel gewendet, jetzt weiter ſprach:Ja, Alles iſt ſo ſchön und gleich eingetheilt auf der Welt, nur bei den Menſchen hat der lieb⸗ Gott eine Ausnahme, einen Fehler gemacht. Während manche im Ueberfluß leben, müſſen andere darben. Das reiche Mädl ſoll den armen Buben net lieben, weil's dem Vater net recht iſt. Und doch könnt' Dir derſelbe mit Leichtem einige tauſend Gulden geben, Mathies, oder Dir das Reizenſteiner⸗ Gütl unter der Erbalm drüben ſchenken, aber das thut er ebenſo wenig, ſo wenig ich von Dir, mein' armen, aber braven Buben, laſſe, lieber Hieſel! Und ſie fiel nun dem durch ihre ſo natürlichen, anmuthig herzlichen Worte wieder ge⸗ hobenen Burſchen ſtürmiſch an den Hals. Sie ermannte ſich aber auch wieder, daß ſie endlich hinunter müſſe zum See⸗ hauſer⸗Wirth. Sie ſetzte das etwas verſchobene Hütchen am Kopfe zurecht und nach einem herzlichen Händedruck flog unſer Reſerl über Geröll und Geſtein den Almſteig hinunter, dem Wirthshauſe zu, während der auf ihr Wiederkommen wartende Schatz ihr mit überglücklichen Blicken nachſchaute.

Reschen wollte, eben unten am Felſenvorſprunge an⸗ gekommen, den Almſteig verlaſſen und die Straße betreten, als ihr der Forſtgehilfe Limpöck den Ausweg verſperrte. Limpöck war ein gerade aus der Forſtſchule gekommenes, ver⸗ wöhntes Stadtſöhnchen im wahren Sinne des Wortes, und ſein ganzes Aeußere zeigte den neugebackenen Jäger. Die zum Bergſteigen viel zu feine Jagdkleidung, das rieſige, an grüner dicker Seidenſchnur hängende Fernrohr, die eben aus einem Galanteriewaarenladen gekommen ſcheinende, elegante Feldflaſche(höchſt wahrſcheinlich mit ſüßem Vanille⸗Liqueur ge⸗ füllt) erinnerten gar lebhaft an Freiherrn von Stritzow im Verſprechen hinter'm Herd, dagegen der auf der Naſe des bartloſen, aufgeſchoſſenen Jünglings ſitzende goldene Zwicker an auffallend breitem Moire⸗Bande, ſowie der theatraliſch gezierte zu hellgrüne Jagdhut den Fexen ſo vollſtändig fertig machten, Bie er im Buche ſteht. Ueber Limpöck's Erſcheinung waren elbſt Wildſchützen, Bauern und Forſtleute einig ſie hatten die gleiche Benennung für ihn; Alle nannten ſie den drolligen, langbeinigen Springinsfeld den Sonntagsjäger vom Seehaus.

Ha, welch' günſtiger Fang! Das ſchöne Reſerl am Brandt iſt mir in den Weg gelaufen; das bedeutet Glück, bei meiner Waidmannsehre! ſprach der junge Jäger in fein näſelndem Tone.Jetzt ſollſt du mir aber, Du ſüßes Täub⸗ chen und holde Spröde, nicht eher von der Stelle kommen, bis ich nicht einen Kuß von Deinem ſchönen Munde erhalten, ſſetzte er weiter hinzu und ſchickte ſich an, das etwas erſchrockene Mädchen um das zierliche Brünell⸗Mieder zu erfaſſen; doch dieſes wich jeder Berührung gewandt aus. Als er aber nun ſtürmiſcher ſein lüſternes Begehren nach einem Küßchen in Worten und That wiederholte, war das Mädchen, ſchon ge⸗ xeizt, vor den ſchmächtigen jungen Herrn hingetreten und ſagte demſelben mit trotzigem Muthe:

Herr Limpöck, wenn Ihr mich net gehen laßt, ſo ruf' ich dem Hieſel am Brandt; er iſt gleich ober der Waldklauſe.

Dieſe Drohung machte dem Reschen ſofort freie Bahn.

Concordia.

Als der Jäger den Namen Hieſel am Brandt hörte, fuhr er ſichtlich erſchrocken zuſammen und ſchaute furchtſam gegen den Almſteig hinan. Ohne ein Wort noch zu ſagen, ließ er das Mädchen ſeiner Wege gehen, das nun gar eiligſt dem Win hauſe zuſchritt und, in die offene Hausflur hineinhuſchend, den Blicken des wahrhaft lächerlich daſtehenden Sonntags⸗ jägers entſchwand.

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2. Kapitel.

Es war einer jener unbeſchreiblich ſchönen Herbſttage, wie ſie nur die Gebirge allein kennen. In tauſend Nuancen, von dem glühendſten Roth bis zum zarteſten Gelb, färbte er die niederen Laubwaldungen der lieblichen Thäler, welche in vollen Zügen die lauwarme Luft athmeten. Tannen und Fichten aber blieben hübſch grün. Sie erhöhten das vielfältige, an⸗ muthige Farbenſpiel der Natur und umwoben dieſelbe mit jenem maleriſchen Zauber einer anziehenden, liebreizenden Herbſtlandſchaft. 4

Hart am Fuße der jäh abfallenden, ſüdöſtlichen Bergwände des hohen Fellns und Gerns, auf geröllbedecktem, unwirthſamen Hügel ſteht ein altes hölzernes Haus. Die Thür ſtand weit im Angel offen und vor derſelben ſaß auf der verwetterten Hausbank ein alterndes Mütterlein. Ihr fadenſcheiniges, an vielen Stellen geflicktes Gewand ließ ihre Dürftigkeit ſehen. Ihr aſchfarbenes Haar hing ziemlich verworren in die falten⸗ reiche Stirn herein. Das kleine, runzelige Geſichtchen der Frau war bleich und eingefallen und der zahnloſe Mund bewegte ſich in fortwährendem Zittern. Das ſuchende Hin⸗ und Hertaſten ihrer dürren Hände nach einem vor ihr auf dem kleinen Wandtiſchhen liegenden Strickzeuge zeugte ſchließlich von dem größten Elende, das ſich zu ihrem kränkelnden Zuſtande geſellt hatte.

Das Mütterchen war blind.

Nacht war es um ſie her, wenngleich Alles im roſigſten Schimmer des Abendrothes er⸗ glühte. Zu ihren Füßen, auf einem roh gezimmerten Holz⸗ ſchemelchen, ſaß ein circa dreiundzwanzigjähriges Mädchen. Eine faſt feenhafte Schönheit umgab dieſes ärmlich gekleidete Weſen; doch ihr großes, dunkles Auge ſtarrte theilnahmslos in den wunderſamen Herbſtabend hinaus, ſo leblos und gleich⸗ giltig, als wie das einer künſtlichen, bildſchönen Wachsfigur. Ein krankhafter, undurchdringlicher Schatten umnachtete des Mädchens Verſtand und bannte ihre Sinne in die Feſſeln der vollſtändigſten Unzurechnungsfähigkeit. Nacht war es um das Auge der alternden Mutter, Nacht war es um den gefaagenen Geiſt ihrer unglücklichen Tochter. Noth und Dürftigkeit, wenn nicht ſchon bitterſte Armuth, ließen in dieſer Nähe ihre traurigen Spuren erblicken. Das Unglück hatte hier eine Stätte.

Das düſtere Ausſehen des faſt baufälligen, nralten hölzernen Wohnhauſes harmonirte mit dem eben entrollten, trüben Bilde menſchlichen Elends. Wer die beiden unglück⸗ lichen Geſchöpfe wohl ſind, wird der Leſer errathen haben und ihre beſcheidene Wohnung nannte man ſchlechtweg im Thale mit dem Namen: Beim Hieſel am Brandt.

Der Brandt iſt eigentlich der äußerſte, ſüdlichſte Winkel eines ſchmalen, vegetablen Thalſtriches, der ſich von Ruhpolding aus faſt parallel laufend mit der durch die Laub⸗Au und

s⸗Au nach Seehaus führenden Landſtraße hinzieht. Von

Fuchs⸗Au