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Concordia.. 541
weint und gebetet, daß Dir nichts paſſirt, lieber Mathies.
Aber Hieſel, ich bitt' Dich um des Gott's willen, laſſ' Deine Leidenſchaft! Thu's mir zu Lieb', wenn Du mich aufrichtig gern haſt; thu' Kohlen brennen! Geh' in's Holz, oder ſteh' ein bei einem Bauern als Knecht!— ich verlaß Dich net und bleib' Dir treu— und der Vater wird endlich dann auch ſeinen Sinn ändern. Denn wie hart iſt's für mich, daß er mir's verboten hat, mit Dir, unſerm nächſten Nachbar, ein Wörterl zu ſprechen.“
Der Burſche hörte, ohne ein Wort dareinzureden, auf Thereſens Erzählung und Bitten; wie er aber an den Starr⸗ ſinn ihres Vaters erinnert wurde, unterbrach er haſtig das
treuherzige Mädchen:
„Reſerl! daß ich Dich gern hab', gern über Alles, weiß unſer Herrgott, daß ich arbeiten kann und mag, wiſſen d' Leut' auf ſechs Stunden herum— daß ſie mich aber Alle über die Achſel anſchauen, als hätt' ich etwas geſtohlen, weil ich der ärmſte Bua in der Ruhpoldinger Pfarr' bin, hat mich auch ein wenig erbittert. Net einmal Arbeit geben ſie mir und muß faſt alle Tag' nach Köſſen in's Tirol hineingehen, um mir meine ſaueren paar Kreuzer zu verdienen. Als ich heuer um Lichtmeß Deinen Vater gefragt hab', ob er net einen Knecht braucht, antwortete er mir ſpöttiſch und ver⸗ ächtlich: Einen Knecht könnt' ich wohl brauchen, aber keinen Wildſchützen, Hieſel!— Beim Teufel, wär's Dein Vater net g'weſen, ich hätt' mich auf Ehre vergeſſen und den Müller niedergeſchlagen, als wie einen Hund,“ ſagte Hieſel zornig, in ſeiner Aufregung das Zittern Thereſens gar nicht be⸗ merkend.„Da hat's in mir kocht und ſiedendheiß iſt mir's 'worden, als mich der Müller am Brandt, mein nächſter Nach⸗ bar, ſo abgeſpeiſt hatt'! Ich hab' mir's gelobt, Reſerl, für Zwei zu arbeiten und keine Büchſ' mehr anzurühren, wenn er mich als Knecht annimmt. Aber anders iſt's kommen. Um ſechzig Neukreuzer muß ich drinn' in Tirol den ganzen Tag arbeiten im Bergholz droben wie ein Stück Vieh, und fällt einmal ſchlecht's Wetter ein, hab' ich gar kein' Verdienſt, während daheim meine blinde Mutter und meine wahnſinnige arme Schweſter Hunger leiden können. Wenn ich nun dann in der größten Noth meinen Stutzen nimm und hinaufſteig' auf's Joch, oder hinüberpürſch' zum Fellhorn, oder auch ein⸗ mal in's Seehauſer Revier, um mir einen Gemsbock zu holen, damit ſie zu Hauſ' etwas zum Eſſen haben, wird es doch keine ſo große Sünd' ſein, daß mich deshalb alle Leut' ver⸗ achten müſſen, wie einen Verbrecher.“ Seine Stimme nahm hierbei einen faſt wehmüthigen Laut an, und bitter fuhr er fort:„Lieb's Reſerl! ihr in der Mühl' ſeid reich und wißt nichts von Noth!— ich wünſch' Dir’s auch net, daß Du ſie einmal kennen lernen ſollſt, denn Du biſt ja die einzige Seel' auf der Welt, die mir guat iſt. Was ſoll ich denn Ander's anfangen?— Lang' wollt' ich ſchon fort; vielleicht in's Salz⸗ burgiſche hinein, aber ich kann meine arme Mutter net ver⸗ laſſen; meine Schweſter darf net immer allein ſein, und dann — was mich noch feſter hier zurückhält, Reſerl— das biſt Du, herzguat's Mädl!— Von Dir kann ich mich net ſo leicht trennen!“
Seine Aufwallung war wie verſchwunden, als er dies zärtlich ſagte, und ein tiefinniger Blick haftete an der jetzt zu weinen anfangenden Müllerstochter.
Reſerl ſollte eigentlich Röslein heißen, ihre friſchen, roſigen
Wangen berechtigten ſie dazu. Als ſie ſo daſtand, konnte man ſie ſelbſt für eine liebliche Alpenroſe halten. Das runde, zierliche, grüne Hütchen mit ſeinen glänzenden Goldſchnüren und Quaſten, welche ein Edelweißſträußlein auf demſelben feſthielten, bedeckte ein in langen Flechten niederwallendes, herrlich glänzendes Flachshaar. Aus dem feingeſchnittenen Geſichtchen lachten zwei Augen ſo blau, wie Vergißmeinnicht den Beſchauenden, an. Das feine Näschen, ein klein wenig ſtumpf, paßte vorzüglich zu dem kleinen Profil ihres Geſichtes, während ihr begehrender, ſchwellender Roſenmund, etwas ge⸗ öffnet, zwei Reihen kleiner, blendendweißer Zähne erblicken ließ. Ihre Formen waren zart und gerundet, Händchen und Fuß klein, wie von einer verzogenen Stadtmamſell', und die maleriſche Kleidung ihres Thales umhüllte das bildhübſche Mädchen mit anziehendem Reiz.
Schluchzend, und nachdem ſie einige Thränen, welche wie Thau auf ihren Wangen erglänzten, getrocknet, wendete ſie ſich in ſanften, theilnehmenden Worten an Hieſel:
„Armer, guter Bua! heut' biſt Du über vier Stunden weit mir zu Lieb' von der Bergarbeit her'kommen; bis von den Eggenalm⸗Wäldern herüber haſt Du gehen müſſen und Dein' Verdienſt mir geopfert— alſo an mir iſt's wohl, Mathies, Dir herzlich z' danken,“ und ein dankbarer Blick traf den Burſchen, während ſie noch theilnehmender fortfuhr:„Ich weiß es recht gut, Hieſel, daß Dir die Leut' unrecht thun, und ſie kränken auch mich durch ihr abſcheuliches Benehmen Dir gegen⸗ über. Wie viel, lieber Bua, haſt Du doch zu leiden für Deine arme, blinde Mutter, und durchz'machen wegen Deiner unglücklichen Schweſter, der früher ſo geſcheidten, bildſchönen Wally, bis ſie in jener ſchrecklichen Nacht vor vier Jahren den Verſtand verloren hat, als die Tiroler Schmuggler ihren Schatz, den Aufſeher Himmer, vor ihren Augen von dem Fellhorner G'wänd'runterſtürzten, daß er zerſchmettert vor ihren Füßen lag. Ich weiß es, mein lieber Mathies, wie Dir ihr traurig's Schickſal zu Herzen geht, und daß Du jeden Heller für die zwei Unglücklichen verwendeſt, den Du verdienſt. Man ſieht Dich am Sonntag niemals im Wirthshaus bei den anderen Buben. Sie halten Dich deshalb für einen Sonderling, Hieſel, aber Du ſparſt eben für Deine zwei armen nächſten Verwandten. Du haſt Deinem Verdienſt nach zu ſchwere Laſten, darum ſchau', lieber Schatz, mußt Du halt doch einmal ein biſſerl weniger ſtolz ſein und Deine Noth dem Gemeinde⸗ Vorſteher draußen klagen; vielleicht müſſen ſie Dir helfen, die reichen Bauern.“
Ihre blauen Augen ſchauten dabei unwillkürlich durch eine Baumlichtung zu dem reizenden Ferchenſee nieder, und über⸗ raſcht durch den wunderlieben Anblick, hielt ſie einen Moment inne in ihrem eifrigen Geplauder, aus deſſen Inhalt ihre edle, gefühlvolle Seele hervorleuchtete. Dann rief ſie plötzlich, wie freudig erregt, mit ihren kleinen Fingern nach dem Thale zeigend, aus:
„Wie ſchön iſt's doch auf der Welt, lieber Hieſel, und hier muß das ſchönſte Fleckerl auf Gottes Erdboden ſein, wo wir ſtehen. Alles iſt ſo glücklich um uns!— Die Vögerln fliegen über's Bergland zum See und ſingen und zwitſchern ſich in herzigen Liedchen einander zu, wie gern ſie ſich haben. Die Käferln, die kleinen, ſie kommen in Schwärmen mit⸗ ſammen und ſummen und zirpen im glänzenden, warmen Sonnenſcheine. Das muntere Reh ſpringt durch's buſchige


