540 Concordia.
tiefblauem Enzian garniren den ſanften Steig zu dieſem gar niedlichen Punkt. Feiertägliche Ruhe liegt auf dem lieb⸗ reizenden Eden; nichts ſtört die Stille dieſes friedlichen Heims, nur der Ruf eines in blauendem Aether kreiſenden Adlers war zu vernehmen und das Gemurmel der munterfließenden Traun rauſchte gar heimiſch an's Ohr, als eine ſchlanke, ſehnige Geſtalt vom Winkelmoos herausſchreitend ſich dem ſchatten⸗ reichen, kühlenden Weißbuchenwäldchen am Fuße des See⸗ kopfes näherte. Dort angekommen, wiſchte ſich der Mann den perlenden Schweiß von der Stirn und warf ſich müde und erſchöpft auf das weiche Moos.
Seinen grünen Hut, den ein mächtiger Geierſtoß von tadelloſer Weiße und eine keck nach vorn geſteckte Spielhahn⸗ feder zierte, ſowie den langen Bergſtock ließ er nachläſſig neben ſich hingleiten, während er ſeinen abgenützten, zweifelhaft grünen Ruckſack als Kopfunterlage verwendete. Der hier er⸗ quickende Ruhe Suchende war unverkennbar ein Sohn dieſer Berge. Sein knochiger, hagerer Körperbau zeugte von jener Kraft und Zähigkeit, welche den Kindern der Berge ſtets eigen. Sein leichter Schritt, als wir ihn flüchtig, trotz der faſt er⸗ drückenden Sonnengluth, näher kommen ſahen, ſeine elaſtiſchen Bewegungen erinnerten an die leichtfüßige Gemſe. Was mag wohl der jetzt ganz erſchöpfte Gebirgler erſt leiſten, wenn er, geſtärkt, ſeinem Berufe als Köhler oder Holzknecht obliegt?— Eine graue Lodenjoppe mit grünem ſchmalen Kragen, die, ge⸗ öffnet, ein grob hänfenes, aber reinliches Hemd zeigte, eine ſchwarzgefärbte gemslederne Hoſe, die nur bis zu den ent⸗ blößten Knieen reichte, während grobe, wollene ſogenannte Beinhöſerl die Waden bedeckten und ſtark genagelte plumpe Bergſchuhe waren des nicht häßlichen jungen Burſchen ein⸗ fache Kleidung.
Sein ſonnenverbranntes Geſicht hatte regelmäßige, ein⸗ nehmende Züge. Die etwas kühn gebogene Naſe, ſowie der von einem ſchwachen, dunkelbraunen Barte umgebene, feſt ge⸗ ſchloſſene Mund zeigten Muth und Entſchloſſenheit an, da⸗ gegen ſein braunes, ſchwärmeriſches Auge, treuherzig unter den langen ſchwarzen Wimpern hervorſchauend, herrlich paßte zu der üppigen ſchwarzen Haarfülle, die ſeine offene Stirn umrahmte. Seine nervige, gebräunte Hand ſpielte gleich⸗ giltig mit einem friſchgepflückten Edelweiß, um das ihn manche Dame beneidet haben würde, als ihn von des See⸗ kopfs Bergweg näher kommende Tritte lauſchend aufhorchen ließen. Sein zuvor noch ſo träumeriſches Auge nahm jetzt einen ſchärferen Ausdruck an und ſchaute geſpannt nach dem Bergpfade hinauf, der ſich vor ſeinen Blicken zu ihm her⸗ niederſchlängelte. Er mochte ungefähr fünf Minuten in ſeiner forſchenden Stellung geweſen ſein, da hallte das ſtillfriedliche Thal von einem kräftigen, hellen Juh⸗Schrei wider. Ueber des Lauſchenden Geſicht zog jetzt lachende Freude, ſein Auge blitzte feuriger auf. Schon war er von dem Mooslager auf⸗ geſprungen; den Ruckſack auf den Rücken hängend und Hut und Bergſtock nehmend, eilte er, keine Spur von Müdigkeit mehr zeigend und fühlend, den Almſteig hinauf.
„Das iſt mein Reſerl!“*) ſagte in fröhlichem Tone der Aelpler und ſchon war er hinter Buchen und Erlen unſeren Blicken entſchwunden. Etwas über der kleinen Wald⸗Klauſe erreichte der raſch ſteigende Burſche wirklich ſein Reſerl. Er hatte ſich nicht getäuſcht in dem Juh⸗Schrei, der vor Kurzem —* Reſerl= Thereschen.
das Thälchen durchdrang und ihn in ſo muntere Stimmung verſetzte. Thereſe, des durch ſeinen großen Holzbeſitzthum reich begüterten Müllers Thalhofer am Brandt einziges Kind, ſchwenkte ihr grünes Hütchen zum Gruße, und der ihr zu⸗ eilende ſtürmiſche Wildfang warf ſeinen Hut hoch in die Lüfte, als Zeichen unbändiger Freude. Grüß' Dich Gott, mein lieb's Reſerl! und Grüß' Gott, Hieſel! war die erſte Begrüß⸗ ung der jungen Leutchen; ein inniger Händedruck und zwei langandauernde herzhafte Küſſe folgten derſelben.
Nach einer Weile ſtiller Liebkoſung ſagte nun Hieſel, Thereſe mit ſeinen treuherzigen Rehaugen liebend betrachtend:
„Du haſt redlich Wort g'halten, Reſerl, als Du mir Sonn⸗ tags nach der Kirche in Ruhpolding draußen dieſes Stelldich⸗ ein verſprochen haſt. Du biſt richtig kommen! Komnr, herz⸗ lieber Schatz, nimm mein' Dank!“ Und von Neuem küßte er das bildſchöne Mädchen und drückte es an ſich.
„Deswegen brauchſt Du kein ſo großes Aufhebens zu machen, Hieſel!“ erwiderte in weicher, klangvoller Sprache darauf Thereſe,„Du weißt, wie ich Dir geſagt, daß ich heute ohnehin zum Seehauſer⸗Wirth hinübergehen muß, daß er herüberkommt in die Mühl', weil dem Vater die beſten zwei Pferd' krank'worden ſind. Und ſchau', Hieſel, da wir uns ſo ſo ſelten treffen können, oder eigentlich gar net treffen ſollen, ſo hab' ich mir denkt: der Gang ſchickt ſich eben recht, daß ich mit Dir wieder einmal allein ſein und mich tüchtig ausreden kann. Aber der Vater, wenn's wüßte, da gäb's einen Sturm, und dies keinen kleinen!“ endete etwas verdrieß⸗ lich das Mädchen.
Auch der eben zuvor noch ſo luſtige Hieſel nahm eine ernſtere Miene an, indem er dem Mädchen jetzt antwortete:
„Ich weiß's ſchon, Reſerl, daß es Dein Vater net gern ſieht oder gar net leidet, mit mir zuſammenzukommen, wenn ich gleich net weiß, was er gegen mich hat. Ich wüßt' nichts, was ihn an mir net' recht ſein könnt', außer daß ich net reich bin,“ ſeufzte der junge Aelpler.
„Ich kann mir auch net denken, Hieſel, was ihn gegen Dich ſo einnimmt,“ redete nun Thereſe darein,„freilich haſt Du auch Deine Feind' und— und—“ brach jetzt das Mäd⸗ chen plötzlich ab und ſchaute etwas vorwurfsvoll den zuhören⸗ den Hieſel an„wenn Du halt Dein Jagern aufgeben thäteſt, mein' ich— daß Dich der Vater viel beſſer leiden könnt'.— Neulich, als die Grenzaufſeher den Rügerbauern⸗ ſohn von Zell drüben wegen Wildern auf'griffen haben und nach Traunſtein'naus vor's Gericht brachten, war mein Vater eben draußen und hat den Jammer der Rügerbäur'in mit ang'ſeh'n, als ſie ihren Buben gefeſſelt fortſchleppten. Als der Vater Abends heimkam, hat er mir's gleich haarklein erzählt und ſagte— aber Hieſel, mir darfſt deshalb net bös ſein,“ ſchaltete hier das Mädchen beſorgt ein—:„ſo wird's auch noch dem Hieſel am Brandt gehen! Jeder Wildſchütz iſt noch erwiſcht worden und den ſchlauen Hieſel werden die Jäger auch noch erwiſchen und ihn hinaus nach Traunſtein transportiren, oder gar'nunterſchießen über das G'wänd“). Was ich da ausgeſtanden, Hieſel, und wie hab' ich mich ge⸗ ängſtigt um Dich, mein Bua, als ich nur daran dachte, daß das einmal wahr werden könnt', was der ſtrenge Vater mir ſagte! Kein Wort hab' ich d'rauf zur Antwort geben können, ſondern bin auf meine Kammer'nauf'gangen und hab' ge⸗
) Gwänd= Bergwand.


