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geglaubte Waiſe in ihr Haus, an ihr Herz genommen, mit
ſchützender Hand jedes rauhe Lüftchen von ihr abgeweht. Sie wollte nichts von ihrem Vater wiſſen; hatte er ſo
lange ohne ſie gelebt, ſo konnte er das auch ferner. Die
innigſte Dankbarkeit und Verehrung für Frau von St. Etienne
lebte in ihrem Herzen. So viele Jahre nur ihrer Erziehung, ihrer Pflege, ihrem Wohlergehen gewidmet, gaben auch Rechte!
Dann wieder rief eine Stimme in ihr: Willſt du die heiligen Bande des Blutes verleugnen? Die Rechte, die die Natur ſchuf, ſind ewig unvergänglich! Wenn ein alter, armer, gebrochener Greis flehend ſeine Hände nach dir aus⸗ ſtreckt— willſt du dich hartherzig abwenden? Willſt du die Hoffnung Deſſen, der vielleicht Alles in's Grab geſenkt, was er Theures hier auf Erden beſaß, und nun auf dich, als den Troſt, die Stütze ſeines Alters, blickt, grauſam vernichten? Spärlich vielleicht hat das Leben ihm ſeine Blüthen geſtreut, Entbehrungen nur und Laſten für ihn gehabt, und nun ihm noch einmal von fern der Frühling lacht— willſt du Grau⸗ ſame all' ſeine Hoffnungen kaltblütig zertreten?—
Coneordia. 3 539
„O Gott, o Gott, was ſoll ich thun?“ ſchluchzte Eva.
Allmälig wurde ſie ruhiger; in ihr Empfinden und Denken kam eine größere Klarheit.
Vor Allem mußte ſie über ihren Vater Näheres zu er⸗ fahren ſuchen. Sie wollte nicht über ſich wie über einen leb⸗ loſen Gegenſtand entſcheiden laſſen; hier hatte auch ſie ein Wort mitzureden. Dieſer ihr ſo widerwärtige Plotzki mußte ganz genau mit allen Verhältniſſen bekannt ſein. Warum hatte er nicht ehrlich und offen Alles dargelegt? Es ſchien ihr unbegreiflich, daß ihre Mutter an ſo Wenigem ſich hatte genügen laſſen. Sie fand das plötzlich ſehr unpraktiſch.
Ein Gedanke blitzte in ihr auf. Sie ſelbſt wollte von Plotzki Aufklärung verlangen, die er ihr nicht verweigern konnte. Hatte ſie nicht ein volles Recht, war ſie nicht alt genug, über ſich zu entſcheiden? Vielleicht lebte ihr Vater doch in dieſer Stadt, und dann war es möglich, ihn bald zu ſehen. Erſt nachdem ſie Auge in Auge ihm gegenübergeſtanden, wollte ſie ihre Entſcheidung treffen.
(Fortſetzung folgt.)
Das Reſerl am Brandt.
Erzählung aus den Bergen von A. Weiß.
1. Kapitel.
Sengend heiß ſtand die Mittagsſonne des Juli an dem azurblauen, wolkenloſen Himmel und badete ihre glühenden, beinahe ſenkrecht herabfallenden Strahlen in dem quell⸗ friſchen, ſmaragdgrünen Gewäſſer des Ferchenſee's“), das nun ſchimmernd wie flüſſiges Gold das Auge des Beſchauenden blendete. Kein Lüftchen bewegte faſt das ſpiegelglatte Niveau des tiefen, fiſchreichen Alpenſee’s, der mit ſeinem anmuthigen Rahmen friſchblühender Alpenroſen hart an dem ſteil ab⸗ fallenden, kahlen Granitfelſen des Thurnbach⸗Horns dalag, als wie eine zufällig hingeworfene Silbermuſchel auf roſigem und grünſammetenem Grund.
Einen auffällig wohlthuenden Kontraſt für den ſchweiß⸗ triefenden Wanderer, welcher um dieſe Stunde erſchöpfender Hitze das wildſchöne Thälchen von Seehaus durchwandert, bildet gegenüber den zerriſſenen, romantiſchen Klüften des Thurnbach⸗Horns der auf der rechten Seite des See's, von der ſchmalen Bergſtraße nach Reit im Winkel ſanfter auf⸗ ſteigende fünftaufend Fuß hohe Seekopf, welcher bis oben mit mächtigen Tannen und Fichten bewaldet iſt. Seine hohen, prächtigen Forſte erfüllen die Bruſt mit würzigem, harzigen
Tannengeruch, während zu ſeinen Füßen dem müden Touriſten gar ſchattig erfriſchende Plätzchen unter hellgrünenden Lärchen und Weißbuchen ladend entgegenlachen.
Am unteren Ende des kleinen See's, dem Ausfluſſe der munterplauſchenden weißen Traun zu, erweitert ſich das enge, reizende Gebirgsthal um einige hundert Fuß gegen das an den Seekopf ſich anlehnende, gefährlich zu beſteigende hintere Kienberger⸗Joch. Dieſer mit ſaftigſten Alpengräſern bewachſene Fleck gab den Menſchen gerade genug Raum, in Dem erſten
*) Der Ferchenſee bei Seehaus liegt ſechs Stunden von der Eiſenbahn⸗
ſtation Traunſtein, und dieſer aus vielen Quellen beſtehende kleine Alpenſee iſt der Urſprung der baieriſchen Traun.
(Nachdruck verboten.) Dezennium dieſes Jahrhunderts bereits eine ſchlichte, hölzerne Waidmannshütte darauf zu errichten, welche den gräflich Dörring'ſchen Jagdburſchen als ſchützendes Obdach bei Wetter und Sturm dienen mußte.
Die aber an mehr Bequemlichkeit gewöhnten hohen Herr⸗ ſchaften, welche des Sommers und im Herbſte ſich gern in Seehaus zu Gems⸗ und Hirſchjagden einfanden, oder ab⸗ wechſelnd den Hechten und Forellen des Ferchen⸗ und Löden⸗ ſee's zu Leibe gingen, waren mit dieſem zu beſcheidenen Hütt⸗ chen nicht mehr zufrieden. Schon Anfang der dreißiger Jahre winkte neben der Straße ein gaſtliches Wirthshaus den von der Jagd zurückkehrenden Herren zur Einkehr entgegen. Die hölzerne Waidmannshütte erſetzt heute ein aus feſtem Stein erbautes, wohnliches Förſterhaus, welches ſich, etwas hinter dem Wirthshauſe gelegen, maleriſch von ſeinem dunklen Tannen⸗ Hintergrunde abhebt.
Beide Gebäude ſind in jenem ſo anheimelnden, üblichen Gebirgsſtyle des Chiemgaues erbaut, und während ſich das weißgetünchte, an der Straße befindliche Wirthshäuschen in den klaren Tiefen des Ferchenſee's abſpiegelt, verſteckt ſich das Förſterhaus halb hinter Buchen und Eſchen den ankommenden Fremden von Ruhpolding. Kommt aber der Wanderer von Seegatterl oder über das Winkelmoos herüber in's Thal, ſo überraſcht ihn die trauliche Förſterwohnung, nachdem er einen kleinen Felſenvorſprung des Seekopfes hinter ſich hat, plötz⸗ lich ſo freundlich grüßend, daß er faſt lieber die Gaſtfreund⸗ ſchaft des Jägers in Anſpruch nähme, als in die reinliche Schänke an der Landſtraße zu treten.
Auf dem vorerwähnten Felſenvorſprunge des Seekopfes er⸗ richtete des Förſters idylliſcher Sinn eine kleine, aus Eichen⸗ und Fichten⸗Ninden zuſammengeſetzte Wald⸗Klauſe. Dieſe guckt nun aus üppigem Buſch⸗ und Strauchwerk wie ein Kirchlein zu dem ſchmalen Steg, der über das rauſchende Traunflüßchen führt, nieder und Alpenroſen im Genienge mit 08


