Jahrgang 
2 (1879)
Seite
538
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538 Concordia.

weit vor der Stadt, im Gaſthaus zum rothen Ochſen, der ihres Mannes Eigenthum, wohne. Am anderen Tage fuhr ich dort vor, holte das Kind, das mir ohne Weiteres aus⸗ gehändigt wurde, ab und nahm es unter der Bedingung, daß ſeine Verwandten ſich nie mehr um daſſelbe zu kümmern hätten, mit mir. Auf dieſe Bedingung ging man bereitwilligſt ein. So kam Eva in meine Hände. Ich reiſte mit ihr nach Italien und ſpäter nach Paris, wo ich bis zu ihrer Konfirmation verblieb. Nach dieſem Zeitpunkt gingen wir auf Reiſen. Ich weiß nicht, mich peinigte immer ein eigenthüm⸗ liches Gefühl, als könne Eva eines Tages mir wieder entriſſen werden. Dies Gefühl namentlich war es, das mich zu einem öfteren Wechſel des Aufenthaltes trieb; um keinen Preis hätte ich dies Kind, das bald mein ganzes Herz gewonnen, wieder verlieren mögen. In dieſe Stadt, obgleich es mich ſtets herzog, wagte ich mich niemals, und zwar der geheimen Angſt wegen, es möchte hier doch noch irgendwer auftauchen, der auf Eva Rechte geltend zu machen hätte. Meine Ahnung hat mich leider nicht betrogen. Ich glaubte nach ſo vielen Jahren nun keine Befürchtungen mehr hegen zu dürfen und war unvorſichtig geworden. Denn ich liebe Eva, als wäre ſie meine leibliche Tochter, und glaube kaum, daß ſie, jetzt von mir getrennt, in einem anderen Hauſe, ſei es auch das ihres Vaters, ſich jemals wohler fühlen wird, als bei mir.

Ich glaube das auch nicht, Frau Marquiſe, nahm Plotzki auf das Schweigen der Dame das Wort.Wenn Sie jedoch von einer Unvorſichtigkeit ſprechen, die Ihrerſeits durch den Aufenthalt in dieſer Stadt begangen worden ſei, ſo kann mich dieſe Aeußerung aus dem Munde einer Dame von Ihren Rechts⸗ und Pflichtbegriffen nur verwirren. Eltern⸗ rechte gehen doch hier allen anderen vor.

Wohl, wohl, mein Herr! Es fällt mir auch gar nicht ein, dies zu beſtreiten; zum Beweiſe deſſen theile ich Ihnen mit, daß ich Eva ſchon von ihrem wahren Verhältniß zu mir unterrichtet habe. Das arme Kind freilich weint und iſt troſtlos. Ich hielt es jedoch nicht für gut, ihr die Wahrheit länger zu verſchweigen. Einige Bemerkungen, die Sie geſtern Abend machten, ließen mich bereits Ihre Kenntniß näherer Umſtände vermuthen. Mein Gefühl ſagte mir augenblicllich, daß der ſtets gefürchtete Zeitpunkt nun doch gekommen ſei, deshalb bereitete ich Eva heute früh ſchon darauf vor. Glauben Sie mir, Herr von Plotzki, mein innerſtes Leben ginge mit Eva fort.

Für einige Zeit behalten Sie Fräulein Eva noch, er⸗ widerte Plotzki.Ich werde dem Vater berichten, das Weitere abwarten und Ihnen dann Mittheilung machen.

Lebt Eva's Vater etwa hier?

Meine Befugniß reicht nicht ſo weit, Ihnen jetzt ſchon irgendwelche Eröffnungen darüber zu machen, erwiderte Plotzki geheimnißvoll.Laſſen Sie mich zuerſt das von Ihnen Gehörte meinem Freunde berichten.

Frau von St. Etienne ſchwieg eine Weile.Meinen Sie nicht begann ſie dann ſtockend.

Was, meine gnädige Frau?

Ich meine, ob Eva's Vater wenn derſelbe vielleicht nicht in günſtigen Verhältniſſen leben ſolle Sie dürfen mich um Gottes willen nicht mißverſtehen ich meine,

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wenn er vielleicht auf keiner allzu hohen Bildungsſtufe ſtände,

ob man ihm nicht eine allerdings höchſt angemeſſene Summe bieten kkente

Hm ich glaube das auf keinen Fall indeß will ich nach dieſer Richtung hin einmal Fühlung anſtreben. Aller⸗ dings hat mein Freund gerade jetzt immenſe Verluſte ge⸗ habt

O, wenn nur die geringſte Hoffnung vorhanden iſt, daß ein ſolches Anerbieten nicht von der Hand gewieſen würde, ſo bitte ich Sie inſtändigſt, mein Herr, thun Sie Alles, was in Ihren Kräften ſteht, um den Vater Eva's zur Annahme des Vorſchlages zu bewegen, rief Frau von St. Etienne lebhaft.Sie thun mir und Eva den größten Gefallen damit. Niemals würde ich Ihnen einen ſo großen Dienſt vergeſſen.

Ich verſpreche, mein Möglichſtes zu thun, Frau Marquiſe. Würden Sie alsdann dieſe Stadt verlaſſen?

Unverzüglich! Schon geſtern Abend überlegte ich, ob es nicht das Beſte wäre, dies ſogleich zu thun.

Für jetzt würde ein ſolcher Schritt thöricht und Sie verzeihen tadelnswerth ſein. Sie würden ſich damit große Unannehmlichkeiten zuziehen. Auch wenn Sie Ihre Spur verwiſchen wollten, ſie würde dennoch entdeckt werden. Sobald jedoch etwas Entſcheidendes es ſei welcher Art es wolle in dieſer Sache ſich ereignet hat, würde ich Ihnen ſelbſt rathen, die Stadt zu verlaſſen. Vorläufig wollen Sie ſich ruhig abwartend verhalten, nichts unternehmen, wovon Sie nicht mich und nur mich in Kenntniß ſetzen; ich werde in jeder Beziehung dafür zu wirken ſuchen, daß Fräulein Eva Ihnen verbleibt. Und jetzt, Frau Marquiſe, haben Sie wohl die Gnade, mich zu beurlauben; meine Zeit drängt. Ihr allerunterthänigſter Diener!

Mit wahrhaft imponirender Grandezza ſchritt Plotzki der Thür zu, verbeugte ſich an derſelben noch einmal tief und förmlich und war den Blicken Frau von St Etienne's ent⸗ ſchwunden.

Dieſe ſeufzte ein paarmal ſchwer auf und ſchickte ſich an, das Zimmer zu verlaſſen.

Da fühlte ſie, wie zwei weiche Arme ſie umſchlangen, eine thränenüberſtrömte Wange ſich an die ihre legte und eine liebe, ſanfte, ach ſo wohlbekannte Stimme in ihr Ohr flüſterte:

Liebe, liebe Mama, gräme Dich doch nicht, ich bleibe ja bei Dir!

Herzenskind! flüſterte die Marquiſe zurück und drückte einen innigen Kuß auf Eva's Stirn.Nicht weinen, mein Herzblatt! Ich habe jetzt einen Ausgang zu machen; per⸗ ſprich mir vorher, daß Du nicht mehr traurigen Gedanken nachhängen wirſt. Sei wieder fröhlich, meine Epa! Es wird Alles, Alles gut werden.

Gott gebe es! ſeufzte Eva.Beib' nur nicht lange fort, Mama!

Ich kehre bald wieder; Adieu, mein Kind!

In trüber Stimmung blieb Eva im Salon zurück.

Wie plötzlich war das Ungeahnte über ſie hereingebrochen! Nie war ihr auch nur der leiſeſte Zweifel gekommen darüber, daß Frau von St. Etienne ihre wahre Mutter ſei. Und dennoch ſie war es! Wenn auch nicht dem Blute, ſo doch dem Herzen, dem edlen, aufopfernden Herzen nach. Keine Mutter konnte ihrem Kinde je mehr Liebe und Güte erweiſen, als die Marquiſe ihr; edelmüthig hatte ſie die arme, elternlos