Jahrgang 
2 (1879)
Seite
537
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Concordia. 537

13. Kapitel. Sprache der Liebe.

Wie langſam ſchlichen die Stunden des Morgens dahin!

Endlich war es zehn Uhr. Plotzki machte ſich auf den Weg.

Die Frau Marquiſe laſſe den Herrn bitten, im grünen Salon Platz zu nehmen! war der Beſcheid des Dieners auf ſein Geſuch, ihn der Dame zu melden.

Kaum hatte er ſich auf einem Fauteuil niedergelaſſen, ſo erſchien Frau von St. Etienne.

Ihr Begehr, mein Herr?

Plotzki weidete ſich an dem angſtvollen Ausdrucke im Ge⸗ ſicht der Marquiſe. Sie mußte im Gewiſſen nicht ganz rein ſein. Um ſo beſſer!

Sein unbefangenſtes Lächeln griff Platz.

Nur um einen Aufſchluß wollte ich Sie bitten, Frau Marquiſe, einen Aufſchluß, von dem ich vermuthe, daß ihn zu ertheilen Sie, meine Gnädigſte, am beſten im Stande ſind. Ich will mich jedoch kurz faſſen und mein Anliegen klar aus⸗ ſprechen; lange Umſchweife ſind nicht meine Sache. Es handelt ſich um Fräulein Eva. Dieſe junge Dame iſt nicht Ihre rechte Tochter. Dürfte ich Sie vielleicht freundlichſt erſuchen, mir anzugeben, von wem Sie dieſelbe übernommen?

Frau von St. Etienne's Geſicht zeigte jetzt weder Ueber⸗ raſchung noch Schrecken. Nur um einen Schein bleicher war es geworden. Sie hatte gewußt, daß etwas dem Aehnliches kommen würde.

Eine Gegenfrage, mein Herr. Was berechtigt Sie, dieſen Aufſchluß von mir zu verlangen?

Ich bin ein Abgeſandter von dem Vater des Kindes, log Plotzki.Derſelbe ſucht ſein geliebtes Kind, das ihm auf räthſelhafte Weiſe entführt wurde, ſeit Jahren. Es giebt hier ein großes Unrecht wieder gut zu machen, gnädige Frau.

Was bürgt mir für die Wahrheit Ihrer Ausſagen?

Plotzki reckte ſtolz die Bruſt heraus.

Mein Ehrenwort! rief er gekränkt.Ich frage Sie, Frau Marquiſe, welches andere Intereſſe als dasjenige, dem unglücklichen Vater, einem nahen Freunde von mir, ſein Kind wieder in die Arme zu führen, könnte mich wohl veranlaſſen, in dieſer Sache Schritte zu unternehmen?

Aber der Vater Eva's iſt todt, vor ihrer Geburt geſtorben!

Das muß ich mit Entſchiedenheit verneinen, erwiderte Plotzki ſcharf.Der Vater des Fräuleins lebt. Vertrauen Sie mir, Frau Marquiſe, fuhr er, die unentſchloſſene Miene Frau von St. Etienne's wahrnehmend, einſchmeichelnd fort: Vielleicht kann ich Ihnen in dieſer Angelegenheit mit Rath und That an die Hand gehen. Sicher machte man Ihnen bei der Adoption des Kindes falſche Angaben.

Es ſcheint ſo, erwiderte die Marquiſe,denn ich ſelbſt bin mir keines Unrechts bewußt. Doch ich will Ihnen das, was ich über Eva weiß, mittheilen; urtheilen Sie dann ſelbſt. Vielleicht iſt Ihnen bekannt, daß ich hier aus der Stadt ge⸗ bürtig. Ich verheiratete mich von hier aus nach Paris, wo ich mit meinem Gatten, dem Marquis von St. Etienne, einige Jahre lebte. Nach dieſer Zeit ſtarben mir beide, hier wohnende Eltern, ohne daß es mir vergönnt geweſen wäre, ihre theuren Hüllen in den Schoß der Erde betten zu helfen. Denn mein

Gatte lag gerade an einem gefährlichen Uebel krank, das auch

ihn binnen Kurzem hinraffte. Nachdem ich ihn beſtattet, war mein Erſtes, hierher zu reiſen, um die Gräber der Eltern zu beſuchen. Auf dem Kirchhof bemerkte ich dicht neben dem eingezäunten Platz, auf dem die Hügel meiner Verſtorbenen ſich erhoben, ein anderes Grab; es zeigte weder Kreuz noch Stein, nur einen hölzernen Stab mit einer daraufgeſchriebenen Nummer. Eine Frau war damit beſchäftigt, es vom Unkraut zu reinigen und zu putzen. Zwei kleine, kaum zweijährige Kinder ſaßen daneben. Das eine ſah blaß aus und machte einen kränklichen Eindruck, das andere aber hatte ein aller⸗ liebſtes, roſiges, ſüßes Kindergeſicht. Es ſah die Frau ſchalkhaft lächelnd an, ſteckte die kleinen Händchen tief in das wuchernde Immergrün, von dem das Grab umrankt war, und ſchlug jedes⸗ mal eine jubelnde Lache auf, wenn die Frau zuerſt eine Weile vergebens nach ſeinen dicken Patſchchen ſuchte und ſie endlich unter den Blättern hervorzog. Das Kind hatte ein feines, hübſches Geſicht, war blendendweiß und blickte mich aus ſeinen großen, klaren Augen einigemal recht treuherzig an.Sind das Ihre Kinder? fragte ich die Frau. Sie ſah von der Arbeit auf und ich bemerkte, daß ſie ein recht hübſches, aber gewöhnliches Geſicht hatte.Nein, ſagte ſie.Nur jenes iſt das meine; dies hier iſt das Kind meiner verſtorbenen Schweſter, wird aber mit dem meinen zugleich aufgezogen. Hat es nicht noch den Vater?RNein, der iſt auch todt. Armes Kind, ſeufzte ich,ſo früh verwaiſt!Ja, liebe Dame, fuhr die Frau redſelig fort,mich dauert es auch. Zwar geht ihm bei mir nichts ab, denn ich liebe und pflege es wie mein eigenes's iſt auch ein gar zu herziger Schalk aber es hat halt Alles ſo ſeinen Haken. Sehen Sie, mein Mann, der zuerſt ganz damit einverſtanden war, daß ich das Kindchen bei mir behielt, iſt jetzt mürriſch und verdroſſen darüber. Manchmal wirft er mir ſogar vor, ich wende dem fremden Kinde mehr Pflege zu und laſſe das unſere verkümmern. Du lieber Gott mein eigen Fleiſch und Blut! Was wir an unſerer kleinen Nanni ſchon herumgedoktert haben, das kann ich Ihnen gar nicht ſagen. Und alle Tage kräftige Brühe und Wein und rohes Rindfleiſch, denn, Gott ſei Dank, wir haben's ja. Aber es will und will nicht werden; die Augen habe ich mir ſchon ausgeweint d'rum. Sitzt ſtets ver⸗ droſſen und muckſt nicht. Dagegen die Eva hier ein wahres Prachtmädel! Immer kreuzfidel und fuchsmunter! Hat ein Paar Augen im Kopf wie Fackeln, und johlt und juchzt den ganzen Tag. Ein aberliebſtes Ding! Medizin hat ſie noch keinen Löffel im Leib! Sehen Sie, liebe Dame, da habe ich nun meinen Aerger. Kommt mein Mann in die Stube und ſieht die Nanni ſo ſtill daſitzen und hört ſie nur ab und zu'mal gluckſen, während die Eva herumſtrampelt und kreiſcht, daß es eine wahre Luſt iſt, geht's los. Das wird immer ſchlimmer; ich weiß nicht, was das noch für ein Ende nehmen ſoll. So die Frau. Ich theile Ihnen hier Alles genau mit, wie ich es aus ihrem Munde vernommen. Während ihrer Erzählung war ein ſchneller Entſchluß in mir gereift. Ich fragte ſie, ob ſie das Kind wohl gegen eine einmalige Ent⸗ ſchädigungsſumme mir überlaſſen wolle. Sie willigte darein. Eine Entſchädigungsſumme ſei gar nicht nöthig. Ob ſie auch ſicher ſei, daß ihr Mann nichts gagegen hätte? Deſſen Ein⸗ willigung ſei ſie nun ganz gewiß; ſeinetwegen trenne ſie ſich ja von dem Kinde. Ich notirte mir nun Namen und Wohnung der Frau und erfuhr, daß ſie Fränzchen Schneller hieß und

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