Jahrgang 
2 (1879)
Seite
536
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Concordia.

Ueberzeugung gewonnen hatte, daß Herbert nun keinenfalls mehr erſcheinen würde, verabſchiedeten ſie und Plotzki ſich von der Dame des Hauſes.

Sollten Sie etwa die alte Hanna ſehen, gnädigſte Frau Marquiſe ſagte Letzterer, mit ſeinem allerverbindlichſten Lächeln die Fingerſpitzen Frau von St. Etiennes an ſeine Lippen führendnicht wahr, dann erkundigen Sie ſich wohl recht genau nach ihrer Pflegetochter?

Frau von St. Etienne ſah dem ſich würdevoll Entfernen⸗ den mit einem Blicke nach, aus dem ein ſeltſames Gemiſch von Verwunderung, Zweifel und Furcht ſprach.

Schade, ſagte auf der Nachhauſefahrt Freda zu Plotzki, ſchade, unſer Beſuch bei Frau von St. Etienne war inſofern vergebens, als Sie nun durch Herbert's Nichterſcheinen keine Gelegenheit hatten, ſein Benehmen gegen Eva mit kritiſchem Auge zu beobachten.

Nein, das konnte ich allerdings nicht! erwiderte Plotzki. Doch glaube ich faſt, daß, was dieſen Punkt anbelangt, Ihr Auge ſchärfer beobachtet als das meine, Freda. Nichtsdeſto⸗ weniger nehme ich von dieſem Beſuche die Kenntniß eines Umſtandes, welcher in der Sie intereſſirenden Sache von gar nicht zu berechnendem Werthe iſt, mit heim. Gönnen Sie mir Zeit bis morgen früh. Dann werde ich mit mir im Klaren ſein und Ihnen mittheilen, auf welche Art eine Ver⸗ bindung Eva's mit Herbert zur Unmöglichkeit wird. Voraus⸗ geſetzt, daß Herbert kein Mädchen als Gattin heimführen wird, das nicht vollſtändig makellos daſteht.

Nimmermehr! rief Freda.Aber was iſt? Sie ſpannen mich auf die Folter.

Für den Augenblick kann ich Ihnen noch nichts Näheres offenbaren. Nur ſoviel: Ich glaube mit Beſtimmtheit an⸗ nehmen zu dürfen, daß Eva nicht die rechte Tochter Frau von St. Etienne's iſt. Ihre Herkunft iſt dunkel. Begreiſen Sie nun?

Iſt's möglich? Steht die Erzählung Eva's von der alten Hanna etwa damit im Zuſammenhang?

Allerdings. Mehr aber fragen Sie nicht. Mir ſelbſt iſt in dieſer Sache das Meiſte noch verſchleiert. Indeß hoffe ich im Laufe des morgenden Vormittags ein gut Theil mehr zu wiſſen, ja, vielleicht völlig klar zu ſehen. Denn ſchnelles Handeln iſt hier aus mehr als einem Grunde geboten.

So lange ich lebe, ſoll Ihnen dieſer Dienſt gedankt ſein, Plotzki! verſicherte Freda warm.Mein halbes Erbtheil ſichere ich Ihnen zu hier die Hand darauf wenn Sie Eva von Herbert entfernen. Vielleicht kehrt er dann doch noch zu mir zurück.

Plotzki, von der Dunkelheit im Wagen begünſtigt, lächelte höhniſch vor ſich hin. Arme Verliebte! dachte er und ſchielte zu ihr hinüber. Der ſchöne, ritterliche, mannhafte Herbert und Du mit Deinem Meduſenkopf!

Laut ſagte er:

Davon bin ich beinahe feſt überzeugt!

In ſeinem Zimmer angekommen, brannte Plotzki ſich eine Cigarre an und warf ſich auf's Sopha.

Welche Entdeckung hatte er gemacht! Für ihn unterlag es keinem Zweifel, daß Eva die Tochter Reginens, jenes viel⸗ geſuchte Kind des Barons von Seidenau ſei. Dieſe Aehn⸗ lichkeit, die in jedem Zuge, in jeder Linie des reingeſchnittenen Profil's ſich offenbarte, mußte Jedem, der Regine gekannt, ſofort in's Auge fallen.

Als Eva, vom Strahl der Abendſonne beleuchtet, im Salon Frau von St. Etienne's ihm plötzlich gegenüberſtand, hätte er beinahe einen lauten Ruf der Ueberraſchung aus⸗ geſtoßen. Er hatte Regine jahrelang gekannt, hatte ſie groß werden ſehen, vor wenigen Stunden noch ihr Bild in Händen gehabt, um ſo lebendiger ſtanden ihre Züge vor ſeiner Seele. Selbſt Hanna, die alte, ihm wohlbekannte Hanna, war irre⸗ geführt worden, wenn auch ihr Urtheil, als das einer jetzt Schwachſinnigen, nicht viel galt. Um aber ſeiner Sache ſich zu vergewiſſern, hatte er Frau von St. Etienne gegenüber jene Bemerkungen vonangenommenes Kind undPflege⸗ tochter fallen laſſen. Das war ein Treffer in's Schwarze geweſen, denn Frau von St. Etienne hatte ihre ſichtliche Be⸗ troffenheit darüber nicht verbergen können.

Als das Nothwendigſte erſchien ihm, am anderen Morgen, ſo früh die Schicklichkeit es nur irgend erlaubte, Frau von St. Etienne einen Beſuch zu machen, um von ihr, vielleicht mit der Miene eines dazu Berechtigten, Aufklärung zu ver⸗ langen. Dann erſt wollte er mit Freda Rückſprache nehmen. Von einem Beſuche bei Hanna verſprach er ſich keinerlei Er⸗ ſolg; den zu Eva gemachten Aeußerungen nach zu urtheilen, wußte auch ſie nicht, wohin Regine geflohen. Daß Letztere todt ſei, glaubte er jetzt mit Beſtimmtheit annehmen zu dürfen.

Eine baldige Entdeckung und Erkennung von ſeiten des Barons war, wenn Erſtere in der Stadt blieb, vorauszuſehen. Eva verkehrte mit Freda; wie leicht konnte ſie, beim Eintritt in's Haus auf der Treppe dem Baron einmal be⸗ gegnen. Sicher mußte auch ihm ſogleich die überraſchende Aehnlichkeit mit Regine auffallen. Er würde nachſorſchen, eine rührende Erkennungsſzene fand ſtatt und Freda, oder richtiger, er, Plotzki, war um das halbe Erbtheil ärmer. Denn daß Freda in der ihm verſprochenen Belohnung Wort halten würde, ſtand über allen Zweifel erhaben. Darum nur mit kühner Hand die Zügel des Geſchicks ergriffen, es dahin gelenkt, wohin er's haben wollte etwas Verwegenheit mußte zum Ziele führen.

Aber wie Eva am ſicherſten unſchädlich machen? Wohl gab es ein Mittel, wenn auch ein verzweifeltes, und einen Augenblick hielt ſein brütender Geiſt es feſt: Ich ſchütte bei nächſter Gelegenheit Gift in ihr Glas! oder: Ich locke ſie in das Haus ihrer Mutter, das ja eine ſo merkwürdige An⸗ ziehungskraft für ſie beſitzt, und ſtoße ihr dort den Dolch in's Herz! Nein ein gemeiner Mörder war er nicht pfui! Ein Mord würde auch zu großes Auſſehen erregen, entdeckt werden! Mörder entgehen ſelten dem rächenden Arm der Juſtiz. Ihm graute doch davor.

Aber etwas mußte geſchehen bald morgen jeder Tag, jede Stunde womöglich ſteigerte die Gefahr einer mög⸗ lichen Entdeckung Eva's durch den Baron. Wenn nun Herbert bei Frau von St. Etienne um Eva warb und das Jawort erhielt, was war natürlicher, als daß er dem Baron ſeine Braut vorſtellte? Hier gab es keine Zeit zu verlieren.

Ein ſcheußlicher Plan reifte in Plotzki's unreiner Seele.

Triumphirend erhob er ſich endlich vom Sopha und ſuchte

das Bett auf; jetzt war er mit ſich im Klaren. War Eva Reginens Tochter und ſie war es ſo mußte ſie ihm und Freda geopfert werden.