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der Komödie zuzuhören und ſeines Freundes Flittergilt eifrige Anſtrengungen zu ſehen. Er war nahezu eine Stunde ſo beſchäftigt, als Mr. Fisſiz erſchien.
Der Muſikdirektor war ein kleiner Mann mit einem ſchmalen, zarten Geſichte und einer Shakeſpeare'ſchen Stirne. Er war augenſcheinlich ein großer Bewunderer von Miß Elgood und geneigt, gegen Jedermann freundlich zu ſein, den ſie ihm vorſtellte.
„Ich denke, die Gavotte wird Ihnen gefallen,“ ſagte er, indem er pizzicato kleine Läufer auf ſeiner Violine ſpielte, mit einem Lächeln der Befriedigung.„Sie klingt wie Bach.“
Juſtina ſagte ihm, daß ſie bezaubernd ſei. Der Tanz begann jetzt, und obgleich ſie ihn nur durchſchritt, entzückte die Anmuth ihrer Bewegungen doch ihren ſchweigenden Lieb⸗ haber, der in ſeiner Ecke ſaß und kein Zeichen machte, damit ja kein Kompliment das Geheimniß verrathe, das zu be⸗ wahren er ſich ſelbſt gelobt hatte.
Als die Gavotte zu Ende war, brachte Juſtina Herrn zu der dunklen Ecke und ließ ihn da bei Maurice, während ſie ihrerſeits mit ihrer Probe fortfuhr.
Mr. Cliſſold widmete der Gavotte ihr Maß von Lob, ſagte einige Worte über allgemeine Dinge, und kam dann zu der Frage, die er zu ſtellen wünſchte.
„Ich bemühe mich, eine Dame aufzufinden, die mit“der muſikaliſchen Welt in Verbindung ſteht,“ ſagte er,„und es ſiel mir dieſen Morgen ein, daß Sie vielleicht im Stande wären, mir beizuſtehen.“
„Ich kenne die meiſten Perſonen von muſikaliſcher Richtung,“ antwortete Fisfiz.„Wie iſt der Name der Lady?“
Miß Barlow.“
„
„Miß Barlow? Ich kenne keine Dame dieſes Namens,“
ſagte er.
„Sie iſt keine Konzertſängerin und muß mitttleren Alters ſein. Die letzte Nachricht, die ich über ſie habe, reicht zehn Jahre zurück. Damals lebte ſie in oder nächſt London.“
„Ich kenne eine Madame Balo— welche dieſer Be⸗
ſchreibung entſprechen möchte,“ ſagte der Muſiker nachdenklich —„eine ältliche Lady, eine ſehr gute Pianiſtin. Sie lebt in guten Verhältniſſen allein, in einem hübſchen kleinen Hauſe in Maida Vale.“ b „Kennen Sie dieſe Lady gut genug, um mir ein Ein⸗ führungsſchreiben an ſie zu geben?“ fragte Maurice,„wenn ich es
wagen darf, eine ſolche Gunſt am Beginne unſerer 2774
Bekanntſchaft von Ihnen zu erbitten? „Ich will Ihren Wunſch ſofort erfüllen,“ ſagte Mr. Fisſiz. Er ſetzte ſich an den Tiſch neben dem Souffleurkaſten
und ſchrieb auf die Rückſeite einer Karte in einer zierlichen
Schrift:
„Theure Madame! Mr. Cliſſold, der Ueberbringer dieſer
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Karte, iſt ein Schriftſteller von Bedeutung, der Ihre Be⸗ kanntſchaft zu machen wünſcht. Jede Gunſt, die Sie ihm erweiſen, wird auch verpflichten Ihren ſehr ergebenen R. F.“* Eine halbe Stunde ſpäter fuhr Maurice längs der Edgware⸗ Road nach Maida Vale. Hier, an den Ufern des Kanals, in einer etwas zurück⸗ gezogenen und auch maleriſchen Lage, fand er die Wohnung von Madame Balo, in einem Hauſe, welches einen klaſſiſchen
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Anblick gewährte und mit einem korinthiſchen Portikus ge⸗ ſchmückt war..
Ein Dienſtmädchen öffnete das Thor vor dem Portikus und ließ Maurice ohne jede weitere Frage eintreten.
Maurice hatte genügend Muße, die Eigenthümlichkeiten der Wohnung zu ſtudiren, ehe Madame Balo erſchien. Sie war eine lächelnde, angenehm ausſehende kleine Frau, kurz und ſtark, mit einem etwas röthlichen Geſicht und einer weichen Stimme, ohne etwas Schulmeiſterhaftes in ihrer Erſcheinung; ihre Haupteigenſchaften ſchienen Freundlichkeit und eine ge⸗ wiſſe ruhige Genialität.
„Ich bin erfreut, einen Freund von Mr. Fisfiz zu ſehen,“ ſagte ſie in einer Weiſe, die etwas Friſches und Jugendliches an ſich hatte; trotz ihrer ſechszig Jahre keine affektirte Jugend⸗ lichkeit.„Ein herrlicher Mann, Mr. Fisfiz!“
„Zuerſt und vor Allem denn, darf ich wagen, Sie zu fragen, ob Ihr Name immer ſo lautete, wie er auf der Meſſingplatte an Ihrem Thore eingravirt iſt? Verzeihen Sie mir das ſcheinbar Unpaſſende dieſer Frage. Die Lady, welche ich ſuche, war die ſehr geachtete Eigenthümerin einer Schule zu Seacomb in Cornwall. Es fiel mir ein, daß Sie jene Miß Barlow geneſen ſein könnten.“
Die Lady huſtete verlegen, doch nach einem kurzen Zögern
antwortete ſie freimüthig: „Auf mein Wort, Mr. Cliſſold, ich weiß nicht, warum ich mich deſſen ſchämen ſollte. Wir leben in einem freien Lande und können mit unſerem Eigenthume verfügen, wie es uns beliebt, wenn wir nur Niemandem damit einen Schaden zu⸗ fügen. Nun kann doch nichts mehr unſer Eigenthum ſein, als unſer Name.“
„Gewiß nicht.“
„Als ich nach einer langen Abweſenheit in dem roman⸗ tiſchen Italien nach England zurückkam, fand ich, daß ich noch zu jung und von zu energiſchem Temperament, um mich einer trägen Zurückgezogenheit zu überlaſſen. Es war vor fünfzehn Jahren. In Italien hatte ich mich zur Pianiſtin ausgebildet und war dort als Signora Balo bekannt.“
„Ihre Auseinanderſetzung genügt, Madame,“ erwiderte Maurice,„und ich danke Ihnen herzlichſt für Ihre Auf⸗ richtigkeit. Und nun darf ich Sie wohl fragen, ob Sie ſich unter Ihren Zöglingen zu Seacomb einer jungen Lady Namens Trevanard erinnern?“
Madame Balo ſchien bewegt.
„Muriel Trevanard!“ rief ſie aus.„Gewiß erinnere ich mich ihrer. Sie war mein Liebling, ein herrliches Mädchen, voll Talent— ein bezauberndes Geſchöpf.“
„Haben Sie irgend eine Idee von deren Schickſal in ihrem weiteren Leben?“
„Nein,“ erwiderte die Er⸗Schulmeiſterin mit einem be⸗ unruhigten Blicke.„Es hätte ein glänzendes ſein ſollen, aber ich fürchte, es war ein verdorbenes Leben.“
„So war es in der That,“ ſagte Maurice, und dann er⸗ zählte er ſo kurz, als er es vermochte, Madame Balo die Lebensgeſchichte ihrer Schülerin.
Madame Balo hörte ihn mit unverhüllter Erregung an. Bisweilen kam ein Ausruf des Entſetzens über ihre Lippen.
„Nun, nachdem ich dieſen Fall von jedem Geſichtspunkte betrachtet, kam ich zu dem Schluſſe, daß George Penwyn und


