Jahrgang 
2 (1879)
Seite
533
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Concordia.

19. Kapitel. Die Tage ſind entſchwunden, deren wir gedenkten.

Maurice Cliſſold verlor keine Zeit, um ſeine Aufſuchung von Miß Barlow, der einſtigen Lehrerin von Seacomb, zu beginnen. Aber der erſte Verſuch mißlang. Das Adreßbuch des Londoner Poſtamtes für das laufende Jahr wußte nichts von Miß Barlow. Barlow's waren genug darin verzeichnet, aber ſolche, welche andere Geſchäfte betrieben; Barlow's, die das Bäckergewerbe ausübten; Barlow's, die Bier brauten, Barlow's, welche mit Möbeln handelten, Andere, welche Fleiſch⸗ hauer waren, oder die als Geiſtliche für das Seelenheil der Menſchen ſorgten. Aber eine ältere Dame, die Muſikunter⸗ richt ertheilte, war unter den Londoner Barlow's nicht zu finden.

Angeſichts dieſer Enttäuſchung dachte Maurice nach, was zunächſt zu thun ſei. Eine Annonce in denTimes be⸗ trachtete er als letztes Hilfsmittel, aber er glaubte, dies werde nicht nöthig ſein. Er konnte ſich an einen Detektive wenden, aber er hatte ein Vorurtheil gegen ſolche Nachforſchungen in Privatangelegenheiten, und würde um alle Schätze des König⸗ reiches Muriel's Geſchichte nicht einem Detektive von Pro⸗ feſſion enthüllt haben. Er wollte allein handeln.

Wenn Miß Barlow noch auf Erden iſt, muß ihre Exiſtenz Jemandem bekannt ſein, ſagte er ſich,und beſonders

muſikaliſchen Leuten. Ich will nach dem Albert⸗Theater gehen

.

und mit dem Orcheſter⸗Dirigenten ſprechen. Ein ſolcher iſt ge⸗ wöhnlich ein Mann von Welt und hat etwas mehr Geiſt als all⸗ tägliche Menſchen. Und ich hörte Juſtina achtungsvoll von Herrn Fisfiz ſprechen. Flittergilt's neues Schauſpiel wird probirt, und ſo habe ich eine Entſchuldigung, hinter den Couliſſen zu erſcheinen.

Es war um die Mittagszeit am folgenden Tage, als Maurice zu dieſem Entſchluſſe kam. Er kam gerade von ſeinem Klub, wo er das Adreßbuch durchgeſehen, zu dem netten kleinen Theater am Strande, wo er, nach einigem Hin⸗ und Herreden mit dem Hüter des Bühnen⸗Einganges, Zulaß fand, ſich ſeinen Weg durch unterirdiſche finſtere Regionen taſtete und über einige halsbrecheriſche Treppen zu den Couliſſen gelangte, wo in einem düſteren Gemiſch von ſchwachem Tages⸗ licht und dem Scheine einiger Gasflammen er die Bühne auf der einen, das Schauſpielerzimmer auf der anderen Seite vor ſich hatte.

Juſtina ſprach auf der Bühne eben ihre Rolle. Mr. Flittergilt ſaß in einer Art geiſtigen Fiebers neben dem kleinen Tiſche des Bühnenleiters, Manuſkript und Zleiſtift in ſeinen Händen, hier etwas unterſtreichend, dort etwas aus⸗

löſchend, jetzt einen Abgang ändernd, dann den Nachdruck be⸗

tonend, der auf irgend eine glänzende Phraſe zu legen ſei, augenſcheinlich entzückt von ſeinem eigenen Werke, aber auch ſehr beſorgt für den Erfolg.

Ich werde mit einem mäßigen Erfolge nicht zusrieden ſein, ſagte er zu Maurice.Ich will, daß dieſes Stück mehr durchſchlage, alsKeine Karten. Sie wiſſen, was man von

Ssheridan ſagte, als er ſich zurückzog, um eine neue Komödie zu

ſchreiben. Er fürchtete ſich zumeiſt vor dem Autor des Stückes Die Nebenbuhler, das er ſelbſt geſchrieben. Ich wünſche

8* nicht, daß ſo etwas von mir geſagt werde.

Keine Jurcht, mein Beſter, bemerkte Maurice. Aber

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Mr. Flittergilt's erregtes Gemüth beachtete dieſen Aus⸗ ruf nicht.

Ich wünſche, daß das Publikum ſehe, daß ich mich nicht ausgeſchrieben habe, daßKeine Karten nicht mein Trumpf⸗Aß war, ſondern höchſtens der Bube. Ich habe noch die Dame, den König und das in den Händen! Hörten Sie die letzte Szene? fragte er mit ſelbſtzufriedenem Lächeln.Es iſt etwas Glänzendes, denke ich; und die Elgood faßt den Charakter nach dem Leben.

Mr. Cliſſold hörte nicht beſonders gern dieſe familiäre Anſpielung auf das Mädchen ſeiner Wahl.

Ich bin eben erſt hereingekommen, ſagte er;ich bin erfreut, daß Miß Elgood ihre neue Rolle gefällt.

Gefällt? brauſte Flittergilt mit einer Miene auf, als fühle er ſich beleidigt.Es wäre nicht leicht für eine Schau⸗ ſpielerin, daß ihr ein ſolcher Theil nicht geſiele.Keine Karten machten Miß Elgood; aber dieſes Stück wird ſie um einige Sproſſen auf der Leiter höher bringen.

Denken Sie nicht, daß es Leute giebt, die ſchwachköpfig genug ſein mögen, zu glauben, daß Miß Elgood's Spiel den Erfolg vonKeine Karten machte? fragte Maurice ruhig.

Der Schwachköpfigkeit der Leute kann ich nicht abhelfen, antwortete Mr. Flittergilt mit Würde;aber ich weiß, daß es eine Thatſache iſt, daß kein Spiel auch nicht das von einer Macready oder einer Faucit jemals gemacht hat, daß ein ſchlechtes Stück hundertmal nacheinander gegeben werden konnte. Und mit dieſer, jedenfalls nicht unrichtigen Ver⸗ ſicherung ging Mr. Flittergilt zu ſeinem Tiſche und ſeinem Manuſtkripte zurück und begann die Schauſpieler zu hetzen eingenommen von der Idee, daß er, weil er fähig war, aus verſchiedenem fremden Material ein Stück zu formen, noth⸗ wendig auch fähig ſein müſſe, erfahrene Schauſpieler ihre Kunſt zu lehren. 2.

Juſtina blickte jetzt von ihrer Rolle auf und ſah Mr. Cliſſold. Ihr Erröthen verrieth Ueberraſchung, und ihre Augen zeigten, daß dieſe Ueberraſchung keine unangenehme war.

Sind Sie gekommen, die neue Komödie zu kritiſiren? fragte ſie.Das wäre kaum ſchön, denn ein Stück verliert ſo viel bei der Probe. Mr. Flittergilt unterbricht uns immer, um uns für jede Zeile ſeine beſondere Leſeart zu zeigen. Ich ſah niemals einen ſo aufgeregten kleinen Menſchen. Aber ich denke, er wird die Dinge kühler nehmen, wenn er erſt einige Stücke mehr geſchrieben hat.

Ja; er iſt noch neu in dieſem Geſchäfte. Ich freue mich, zu hören, daß Sie eine gute Rolle haben.

Es iſt eine wunderbar gute Rolle, wenn ich ſie nur ſpielen darf, wie ſie geſpielt werden ſollte.

Iſt Ihr Muſikdirektor, Herr Fisfiz, da? fragte Maurice.

Er kommt ſogleich. Es iſt eine Gavotte im dritten Akt.

Sie tanzen?

Ja, Mr. Mortimer und ich. Herr Fisfiz hat eine Originalmuſik dazu geſchrieben ganz niedlich und hübſch. Sie ſollen bleiben, ſie zu hören, da Sie nun hier ſind.

Ich gedenke zu bleiben, bis die Probe vorüber iſt. Es würde mich freuen, wenn Sie mich Mr. Fisfiz vorſtellten; ich möchte einige Fragen über muſikaliſche Perſönlichkeiten an ihn richten.

Maurice ſetzte ſich in eine dunkle Ecke, nahe dem Souffleur⸗ kaſten, und erwartete Mr. Fisfiz, indem er ſich damit amüſirte,