jeden Abend dazu gebracht werden könnten, das Theater zu beſuchen. Ein zahlendes Publikum von zwölfhundert Köpfen jeden Abend ſchien mir gewiß. Wir fuhren nach Slowberry und logirten uns in einem beſcheidenen, nicht koſtſpieligen Quartiere ein, in Appartements, die ich der Stellung eines Bühnendirektors kaum würdig fand, aber die Klugheit herrſchte vor. Ich wurde Pächter des Slowberry⸗Theaters, das, wie ich mich genöthigt ſehe, zuzugeben, in architektoniſcher Beziehung noch unter dem Schauſpielhauſe in Seacomb ſtand. Ich enga⸗ girte meine Geſellſchaft, billige und nützliche Leute. Mein Darſteller für ältere Väter war zugleich Komiker; meine erſte Soubrette— daß keine zweite da war, brauche ich wohl nicht zu ſagen— tanzte und ſang zwiſchen zwei kleineren Piécen und agirte auch in Manneskleidern, wenn es an Herren fehlte. Mein Weib und ich ſpielten die beſten Rollen. Es war un⸗ möglich, eine Bühne nach ſtrengeren ökonomiſchen Grundſätzen zu organiſiren, und dennoch war das finanzielle Reſultat der Ruin. Durch einen beträchtlichen Theil der Saiſon zahlte ich nur halbe Gagen, endlich ſpielten wir auf Theilung. Aber die Erſparniſſe der Mrs. Trevanard flogen fort, und als ich und mein armes Weib und Juſtina Slowberry ver⸗ ließen— das Kind war damals ſieben Monate alt— hatten wir nur noch zwanzig Pfund von einem Kapitale, das mir als nahezu unerſchöpflich erſchienen war.“
„Das Kind wurde wahrſcheinlich zu Slowberry getauft
„Ja, wir verloren keine Zeit, die Taufhandlung vollziehen zu laſſen, damit das Kind nicht früher an der häutigen Bräune, den Rötheln, der Impfung, oder an einer anderen der Gefahren zu Grunde gehe, mit denen der dornige Lebens⸗ pfad ſolcher kindlicher Weſen beſetzt iſt. Die Bibel, welche Mrs. Trevanard meinem Weibe gegeben hatte, enthielt auf dem Anſetzblatte den Namen von Juſtina Trevanard, ohne Zweifel deren erſte Beſitzerin. Dieſer Name gefiel meinem Weibe. Er kam mir ebenfalls wohlklingend und ariſtokratiſch vor, als ein Name, der ſich ſeinerzeit auf den Theaterzetteln gut ausnehmen würde, wenn unſer Kind alt genug ſein würde, um die erſten Verſuche in unſerem Berufe zu machen, als das Kind in„Pizarro“, oder als der kleine William in dem Stücke:„Der Fremde“. Wir waren dem kleinen Weſen bereits zugethan und vergaßen bald, daß uns kein Band natürlicher Verwandtſchaſt mit demſelben verknüpfte. Mein Weib betete in der That die namenloſe Waiſe an und ward nie müde, romantiſche Ideen über deren Zukunft zu hegen, wie ſie einſt vielleicht als die Tochter eines Edelmannes an⸗ erkannt werden und wir ſie ſehen würden, mit einer Krone über ihrem Namenszuge, und ſie uns Komfort und Wohlſtand verſchaffen würde, wenn wir alt geworden. Es wäre ſeltſam, wenn die romantiſchen Träume meiner armen Nell noch ver⸗ wirklicht würden. Wie ſtolz wäre dieſe liebevolle Seele auf ſie geweſen! Aber ſie liegt unter dem Graſe auf einem Kirch⸗ hofe von Berkſhire, und weder Freude noch Sorge können ſie mehr berühren.“
Mr. Elgood unterdrückte einen Seufzer und trank darauf ein Glas Portwein.
„Ich fürchte, daß es Ihnen nicht wohl erging nach dem Verſuche mit einer Theaterleitung,“ ſagte Maurice.
„Unſer Leben von dieſer Zeit an war eine Reihe von Kämpfen. Wenn die Anſtrengungen eines ehrlichen Mannes im Kampfe mit Ungemach ein Schauſpiel bieten, welches die Götter
244
—
Concordia.
entzückt— ich erinnere mich etwas unbeſtimmt, dergleichen einmal irgendwo geleſen zu haben— ſo muß meine Lauf⸗ bahn im Olymp eine beträchtliche Unterhaltung abgegeben haben. Wir hatten mit kurzen Unterbrechungen unſeren Sonnenſchein, aber die Wolken waren vorherrſchend; und im Laufe der Jahre erlag mein armes Weib unter der Bürde, und Juſtina und ich blieben miteinander an das Joch gekettet, gerade ſo, wie Sie uns vor zwei Jahren in der Stadt Ebors⸗ ham ſahen. So weit ein armer Mann ſeine Pflicht gegen Juſtina erfüllen konnte, glaube ich es gethan zu haben. Ich gab ihr die wenige Erziehung, die ich ihr bieten konnte, und ſie war glücklicherweiſe heiter genug, um immer das Beſte daraus zu machen. Nie hat ein Mädchen raſcher und leichter ſich vieles Wiſſen angeeignet. Gebildete Leute erweckten immer ihr Intereſſe und ſie fand Intereſſe bei ihnen, obgleich wir ſie anfangs für die Bühne für ungeeignet erachteten. Ihr Talent entwickelte ſich mit einem Male. Der Hinunel weiß, ſie iſt eine gute Tochter gegen mich geweſen, in guten und ſchlechten Tagen, und ich liebe ſie, als ob ſie zwanzigmal meine Tochter wäre. Es wäre hart, wenn die veränderten Umſtände uns ſcheiden würden.“
„Fürchten Sie das nicht,“ ſagte Maurice.„Juſtina iſt eine zu aufrichtige Seele, als daß die Glücksumſtände ſie ver⸗ ändern könnten. Ich zögere nicht, mein Schickſal in ihre Hände zu legen. Und Sie, die Sie ältere Anſprüche an ihre Liebe haben, haben noch weniger Urſache, etwas zu fürchten.“ 3
Die kleine ſchwarze Marmor⸗Uhr auf dem Kamingeſimſe ſchlug halb Elf— es war Zeit, das Theater aufzuſuchen. Mr. Flittergilt's Stück endete eine Viertelſtunde vor Elf, und einige Minuten nach dieſer Stunde erſchien Juſtina an dem Eingange zur Bühne, bereit, nach Hauſe begleitet zu werden.
Maurice und Mr. Elgood gingen miteinander in das dunkle kleine Seitengäßchen, in welches die erwähnte Thür des Royal⸗Albert⸗Theaters muündet, ſchmuzig und abſtoßend wie faſt alle Bühnen⸗Eingänge.
Es war eine ſternenhelle Herbſtnacht, und der Gang zurück nach Bloomsbury, mit Juſtina's kleiner Hand auf ſeinem Arme ruhend, war ſehr angenehm für Maurice Cliſſold. Sie wählten die ruhigſten Straßen, ohne Rückſicht auf die Ent⸗ fernung, und der Weg dauerte eine Viertelſtunde länger, als es nöthig geweſen wäre, wenn man Mr. Elgood's Vorliebe dafür, den Weg durch die Wych Street und Drury Lane ab⸗ zuſchueiden, gefolgt hätte. Aber während dieſes Ganges nach Hauſe verrieth nicht ein geflüſtertes Wort von Maurice den Liebhaber, und als er und Juſtina vor dem Wohnhauſe der Letzteren ſchieden, dachte das Mädchen au die Sommernacht zu Eborsham, vor mehr als zwei Jahren, als James Pen⸗ wyn ihr im Schatten des alten Münſters von ſeiner Liebe erzählte.
„Werde ich jemals einen zweiten Geliebten haben, der ebenſo großmüthig und ergeben iſt?“ dachte ſie.„Jenes war nur die Liebe zweier Kinder, denke ich, aber ſie ſchien mir wahrer und beglückender, als Alles, was ich mir denken kann.“
Sie hatte in letzter Zeit viel an Maurice gedacht, und ſich in ihrem Herzen dahin entſchieden, daß er ſich in ſeinem Herzen wohl nicht um ſie kümmere.
kle


