Jahrgang 
2 (1879)
Seite
531
Einzelbild herunterladen

.

ich zuletzt von ihr hörte, war, daß ſie ſich als Muſiklehrerin in der Nachbarſchaft von London niedergelaſſen. Ein Adreß⸗ buch wird uns ſagen, ob ſie noch im nächſten Umkreiſe der Stadt lebt.

Nun, ſagte Mr. Elgood, indem er nach den Bücher⸗ bretern blickte, welche das Zimmer vom Fußboden bis zur Decke einfaßten,ich denke, unter dieſen Büchern haben Sie wohl den Adreßkalender des Poſtamtes.

Nein, ſeltſam genug, das iſt ein Zweig der Literatur, welcher mir mangelt. Ich muß bis morgen warten, um nach Miß Barlow's Adreſſe zu ſehen.

Wie kam es Ihnen in den Sinn, daß meine Tochter Juſtina und das weggegebene Kind Eines ſeien?

Nun, ich weiß kaum, wie dieſer Gedanke in mir zuerſt auftauchte. Es war eine Art Inſtinkt. Die Umſtände, welche mich dahin führten, es zu denken, ſchienen unbedeutend genug, als davon geſprochen wurde, aber bei mir nahmen ſie ſtets an Wichtigkeit zu; vielleicht war es Ihre überraſchte Miene, als ich Borcel⸗Ends erwähnte, was zuerſt meinen Verdacht er⸗ weckte und mich dahin brachte, nicht die wirkliche Wahrheit zu vermuthen, aber an einen myſteriöſen Zuſammenhang zwiſchen Ihnen und den Trevanard's zu glauben.

Ich war in der That erſtaunt, als Sie von dieſem ab⸗ gelegenen Farmhauſe ſprachen.

Dazu kam der Name Juſtina, den ich zu Borcel⸗End als einen in dieſer Familie vorkommenden vernahm; ferner, daß Sie geſagt, Ihre Tochter ſei zu Seacomb, wenige Meilen von dieſem abgelegenen Farmhauſe, geboren worden; endlich die Thatſache, daß deren Alter mit dem des Kindes Muriel's übereinſtimmte. Es hat nichts zu ſagen, wie ich zu dieſer Ueberzeugung kam, nachdem eine eigenthümliche Schickſals⸗ fügung mich zu der Wahrheit führte. Aber erzählen Sie mir, wie es Ihnen erging, nachdem Sie Borcel⸗End an jenem kalten Frühlingsmorgen verlaſſen.

Nun, es war gewiß nicht die bequemſte Art unſerer Abreiſe vier Meilen zu Fuß an einem kalten März⸗Morgen, und obendrein ein Kind zu tragen. Aber ich und mein armes Weib hatten zu viel Ungemach erfahren, um uns über Kleinig⸗ keiten beſonders aufzuhalten, und es hielt uns Beide der Gedanke an das kleine Vermögen aufrecht, das ich in der Brieftaſche trug; denn Sie können ſich vorſtellen, daß die zweihundert Pfund uns als das Kapital eines künftigen Roth⸗ ſchild erſchienen. Mrs. Trevanard hatte uns auch einige warme Kleidungsſtücke gegeben, und meine arme Nell trug einen guten Tuchmantel, unter dem das Kind behaglich und warm gehalten ward. Mein Weib war nach einem Monate Ruhe und reichlicher Koſt, deren wir zu Borcel⸗End uns er⸗ freut, auch ſtärker ja, in der That, obgleich unſer Quartier dort nur ein Heuboden war. Ich denke nicht, daß Eines von uns je glücklicher war, als damals, wenn Nell bei einer Näherei ſaß und ich auf einem Bund Heu lag und ihr laut aus irgend einer Monatsſchrift vorlas. Wir waren von der Welt abgeſchloſſen, aber wir hatten Frieden und Ruhe und Ueberfluß; wir lebten in jenen Tagen wie die Vögel in der Luft und hatten nicht an den kommenden Tag zu denken. Jetzt aber, als ich die Erſparniſſe der Mrs. Trevanard in meiner Brieftaſche hatte, begann ich ernſt vor mir ins Leben zu blicken, und während des Weges machte ich Pläne, bis ich endlich, eben als wir Seacombs wieder an⸗

Concordia. 531

ſichtig wurden, in einem Ausbruche von Enthuſiasmus ausrief: Ja, Nell, ich hab's getroffen!Was getroffen? fragte mein Weib.Den ſicherſten Weg, unſer Glück zu machen, mein Schatz, antwortete ich, ganz feurig bei dieſem Gedanken. Wir werden ein Theater übernehmen.Mein Himmel, Matthew, ſagte mein Weib faſt athemlos,und ich kann die erſten Rollen ſpielen! Die Direktoren hatten ihr andere Frauen vorgezogen als Julie und Roſalinde, und ſie fühlte es, die arme Seele.Aber Matthew, fuhr ſie, plötzlich ernſter werdend, fort,wir haben geſehen, daß beim Theater nicht viel Gutes herauskommt. Denk an Seacomb zum Beiſpiel.Seacomb iſt in dieſem Punkte kein Beweis, antwortete ich.An einem Orte, wo man nur Sinn dafür hat, Pſalmen zu ſingen, hat das Theater niemals rechte Unterſtützung gefunden. Wenn wir ein Theater übernehmen, muß es in einer ganz anderen Stadt ſein.Aber, warf meine Frau ein,denkſt Du nicht, daß dies hieße, Mrs. Trevanard das Wort brechen? Sie gab uns das Geld, daß wir damit irgend ein gutes kleines Geſchäft anfangen. Wir könnten mit einem Theile des Kapitals beginnen und das Uebrige für irgend einen ſchlimmen Tag zurückbehalten. Aber iſt die Führung eines Theaters nicht ein Geſchäft? erwiderte ich,und das einzige Geſchäft, wozu ich geeignet bin. Oder denkſt Du, daß ich das Glück in einem Spezereiladen finden kann, oder daß ich ſofort ein geſchickter Fleiſchhauer werden könnte, weil Mrs Trevanard es wünſcht? Was Mrs. Trevanard betrifft, fuhr ich fort,ſollteſt Du Verſtand genug haben, um zu wiſſen, daß ſie ſich wenig darum kümmert, was aus uns wird, nachdem wir dieſes unglückliche Kind aus ihren Händen genommen haben.Das glaube ich nicht, Matthew, antwortete mein Weib,ſie iſt eine Chriſtin, und ſie würde es nicht wollen, daß wir verhungern, ſchon des Kindes wegen.Wer denkt denn auch gleich an's Ver⸗ hungern! ſagte ich aufgeregt, denn ich fühlte, daß es in mir liege, als Direktor Geld zu verdienen. Es hat noch niemals einen Schauſpieler gegeben, der nicht dieſelben Gedanken hatte, und gar Mancher hat ſich und ſeine Familie durch dieſe Täuſchung ruinirt. Endlich gab mein Weib nach. Zuerſt und vor Allem widerſprach ſie mir niemals in irgend etwas hartnäckig, und zweitens ſehnte ſich ihr thörichtes Herz nach den erſten Frauenrollen und danach, eine Direktorin zu ſein. Das war ſchon bei vielen Schauſpielerinnen der Fall, die als Künſtlerin bedeutend, doch als Direktorin nicht fort⸗ kamen. Sie ſah ſich ſchon dabei, wie ſie die Rollen ver⸗ theilte, und die beſten für ſich zurücklegte. Kurz, wir gingen geradenwegs nach der Bahnſtation in Seacomb, wo wir gegen eine Stunde auf die Ankunft des Zuges zu warten hatten, und ich dachte, ich könne meine Zeit nicht beſſer verwen⸗ den, als indem ich mir das ZeitungsblattEra kaufte, um zu ſehen, welche Theater zu vermiethen ſeien. Es waren in dieſem gegen ein halbes Dutzend Ankündigungen diefer Art, und eine ſchien mir gerade das Rechte:Das königliche Theater Slowberry, Somerſetſhire, zu vermiethen für die Sommer⸗Saiſon. Miethzins mäßig. Kann mit einer kleinen Geſellſchaft geführt werden. Dekorationen in gutem Zuſtande. Marktſtadt mit zwölftauſend Einwohnern. Ich machte auf der Stelle eine Berechnung, darauf gebaut, daß wenigſtens zehn Prozent von dieſen zwölftauſend Einwohnern was gewiß einen weiten Ausfall für Kinder, Alte und Kranke bot 67*