Jahrgang 
2 (1879)
Seite
530
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530 Concordia.

In jener unglücklichen Stunde hielt ſie das Kind für namen⸗ und vaterlos. Ich that mein Beſtes, ſie zu über⸗ zeugen, daß ſie in ihrem Schluſſe zu haſtig geweſen. Es wird meine Aufgabe ſein, Juſtina's Legitimität zu beweiſen.

Das will ſo viel ſagen, als daß Sie meine Tochter von mir fortnehmen wollen, rief der alte Komödiant zornig.Ich wußte wenig, daß ich eine Schlange im Graſe geliebkoſt, eine Natter an meinem Buſen gewärmt, einem Skorpion einen Platz gegönnt an meinem häuslichen Herde. Dieſes Ende ſoll es nehmen? Darum die Thee's, die kleinen Diners, der Port⸗ wein und die Lampertsnüſſe! Sie wollen einen armen alten Mann ſeiner Stütze und ſeines Troſtes in ſeinen letzten Jahren berauben: ſechs Pfund wöchentlich und die Gewißheit, auf zehn zu kommen, wenn ſie auch in ihrer nächſten Rolle einen Erfolg hat.

Sie ſind übereilt, Mr. Cliſſold, und ungerecht. Glauben Sie mir, wenn es nur eine Frage meines eigenen Glückes wäre, ließ ich das theure Mädchen, das Sie auferzogen, Juſtina Elgood ſein, bis ich die Erlaubniß des Erzbiſchofs von Canterbury hätte, ihr meinen Namen zu geben. Aber nachdem ich verſprochen habe, eine gewiſſe Pflicht zu erfüllen, würde ich ein Schurke ſein, wenn ich ſie ungethan ließe. Bas ſagen Sie dazu, wenn ich Ihnen erkläre, daß ich Grund habe, zu glauben, Juſtina habe ein Recht auf eine große Be⸗ ſitzung, eine Beſitzung, die ihr ſechs⸗ oder ſiebentauſend Pfund alljährlich abwirft?

Mr. Elgood ſank beſtürzt auf ſeinem Stuhle zurück. Er hatte im Verlaufe des Diners viele Gläſer Wein getrunken und es hatte ſich ein leichter Nebel in ſeinem Gehirn gebildet. Sechstauſend Pfund im Jahre ſechs Pfund in der Woche. Sechs Pfund in der Woche und ſechstauſend im Jahre! Das wirbelte ſo Alles durcheinander. Mehr als hundert Pfund die Woche! Welcher Unterſchied! Aber der ſechs Pfund wöchent⸗ lich war er ſicher, während ſich Juſtina für ſeine Tochter hielt. Nun mußte er ſich fragen:Wird ſie ihre ſechstauſend Pfund jährlich ebenſo freigebig mit mir theilen, wenn ſie weiß, daß ich keinen Anſpruch auf ihre Anhänglichkeit habe?

Er dachte einige Augenblicke über dieſe Frage nach, dann beantwortete er ſie bejahend. Großmüthig, gut, liebend war ſie immer geweſen. Wenn ihr ein Vermögen zufiel, konnte ſie dem alten Manne ſeinen Antheil an ihrem Glücke nicht mißgönnen. Er war ihr kein ſchlechter Vater geweſen, wie er ſich ſelbſt ſagte; er war, Alles in Allem genommen nicht ſehr geduldig, aber rückſichtsvoll geweſen in ſeinen früheren Tagen, ehe er ein dramatiſches Talent in ihr entdeckt hatte; etwas geneigt, von ihrem Komfort auf ſeinen eigenen zu denken, aber im Ganzen, wie nun Väter eben ſind, war er kein böſer Vater geweſen. Er fühlte ſich deſſen ſicher, daß ſie zu ihm halten würde. Aber gegen dieſen pläneſchmiedenden Burſchen Cliſſold mußte er auf ſeiner Hut ſein, der es durch⸗ geſetzt hatte, in den Beſitz eines Geheimniſſes zu kommen, das er durch neunzehn Jahre verborgen gehalten, und der daſſelbe ohne Zweifel zu ſeinem Vortheile ausbeuten wollte. Hier ſchien es Matthew eine Pflicht, ihm entgegenzuarbeiten.

Mr. Cliſſold, begann er nach einigen Minuten des Nachdenkens,Sie ſind trotz Ihres ruhigen, offenherzigen und freimüthigen Benehmens ein ſehr verſchloſſener Menſch. Sie denken, die Anſprüche meiner Juſtina auf ein ſchönes Vermögen durchſetzen zu können? Wenn Sie den Anſpruch durchgeſetzt

und das Mädchen, das ich von ſeiner erſten Kindheit an auf⸗ erzogen, für das ich mich viele und lange Jahre abgearbeitet, in Beſitz von ſechstauſend Pfund jährlich gekommen iſt, erwarten Sie, daſſelbe zum Weibe zu erhalten. Das wäre in der That ein gutes Geſchäft für Sie!

Ich erwarte gar nichts, antwortete Maurice ernſt.Ich liebe Juſtina von ganzem Herzen, ſo wahr als jemals ein ehrlicher Mann ein ſchönes und edles Weib liebte; aber ich hielt mich von jedem Ausdruck des Verlangens meines Herzens zurück, um ſie nicht durch ein Verſprechen zu binden, während ihre künftige Stellung noch ungewiß iſt. Laſſen wir ſie zuerſt die Stellung einnehmen, zu der ſie, wie ich denke, berechtigt iſt, und wenn ſie dann ſich um meine Neigung kümmert, will ich ſie nehmen und ſtolz auf Sie ſein; aber ich würde nicht um einen Gedanken ſtolzer ſein, als wenn ich ſie morgen zu meiner Gattin nähme in dem Glauben, daß ſie Ihre Tochter ſei.

Elgood blickte den Sprecher befriedigt an.

Mr. Cliſſold, ich könnte nicht ſchlecht von Ihnen denken, wenn ich es auch verſuchte. Ich will Ihnen vertrauen, und es ſoll nicht meine Schuld ſein, wenn Juſtina nicht die Ihrige wird, gleichviel, ob reich oder arm. Sie iſt Ihrer würdig und Sie ſind ihrer würdig, und ich glaube, ſie hat eine ſchüchterne Neigung für Sie.

Maurice lächelte, glücklich in einer Ueberzeugung, welche keiner Unterſtützung von der Meinung Matthew Elgood's bedurfte. Der innige Blick Juſtina's geſtern jener zärtliche Gruß ſie waren ganze Bände von Betheuerungen werth. Er wußte ſich geliebt.

Und nun ſagen Sie mir, was Ihre Ideen ſind, wie Mrs. Trevanard die ſeltſamſte Frau und die verſchloſſenſte, welche ich traf dazu kam, Ihnen zu vertrauen, und wie es Ihnen in den Sinn gekommen, daß unſere Juſtina irgend ein legales Recht zu einem Namen und Vermögen habe.

Ich werde es Ihnen ſagen, ſprach Maurice, und nun ging er daran, Alles zu berichten, was er zu Borcel⸗End er⸗ fahren, wovon Matthew Elgood ein ſehr großer Theil ganz nen war, dem über die Vaterſchaft des Kindes, das ſeiner Sorgfalt übergeben worden, nichts mitgetheilt worden war. Es war weſentlich für Juſtina's Intereſſen, daß ihr Adoptiv⸗ Vater Alles wußte, da er der einzige Zeuge war, der ihre Identität mit dem zu Borcel⸗End geborenen Kinde nachweiſen konnte.

Es ſcheint mir klar, daß dieſer George Penwyn der Bater geweſen ſein muß, ſagte Mr. Elgood.Aber wer wird die Heirat nachweiſen?

Wenn eine Heirat ſtattfand, muß der Beweis irgendwo exiſtiren, und es iſt unſere Sache, ihn zu finden, antwortete Maurice.Die erſte Perſon, bei der ich anfragen muß, iſt Miß Barlow, Muriel's Lehrerin, vorausgeſetzt, daß ſie noch lebt. Die einzige Periode, in welcher Muriel von der Farm abweſend war, nachdem ſie die Schule verlaſſen, war die Zeit, welche ſie bei Miß Barlow zubrachte drei Wochen ſo daß, wenn eine Heirat ſtattfand, es während dieſes Beſuches geſchehen ſein muß. Ich habe die Regiſter beider Kirchen zu Seacomb ohne Erfolg durchgeſucht. Aber es iſt nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß George Penwyn eine geheime Heirat innerhalb weniger Meilen von dem Hauſe ſeines Vaters vollzogen. Was immer in dieſen drei Wochen vorgekommen, Miß Barlow muß in einem gewiſſen Maße damit vertraut ſein. Was

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