Jahrgang 
2 (1879)
Seite
527
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Concordie

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waren ſie ihm verfallen. Kein Menſch hatte Recht au den Leichnamen, als Boß; ihm gehörten ſie mit Haut und Haar; er deckte ſie ab, das heißt, er zog ihnen das Fell ab, kochte

das Fett aus, mäſtete Hunde und Krähen mit dem Fleiſch,

und verſcharrte, was jene übrig ließen, ſammt den Gerippen.

Boß war eine bedeutende Perſon auf dem Schauplatz unſerer Erzählung. Er hatte ein einträglich Gewerbe; zwar war's nicht mehr ſo bedeutend, als zu den Zeiten ſeiner Väter, aber es ernährte noch immer ſeinen Mann und galt läugſt nicht mehr für ſo ehrlos und entwürdigend, als ehedem. Ehedem durfte der Freiknecht nicht über die Schwelle der Schänkſtube kommen, wenn er im Dorfe einkehrte; vor ihr ward ihm ein Krug ohne Deckel gereicht, aus dem ſonſt keine ſterbliche Lippe trank. Er durfte Niemand die Hand reichen, keine Dirne liebkoſen, unehrlich wie er, war Jeder, der ihn oder ſeinen Karven berührte; ja, wer ſich vom Kriegsdienſte losmachen wollte, brauchte ſich nur auf den Schinderkarren zu ſetzen und eine Strecke darauf zu fahren, und kein Werber bot ihm Handgeld. Aufgeklärtere Zeiten hatten auch mildere Anſichten über die Freimeiſterei verbreitet und durch Abſchaf⸗ ſung barbariſcher Geſetze auch die rohen Ausüber eines trau⸗ rigen, aber nothwendigen Amtes zu verſittlichen geſtrebt. Aber noch zur Zeit, da unſere Geſchichte ſpielt, war der Haß im Volke gegen den Freiknecht nicht ausgerottet, brandmarkte ſich ein Jeder, der Umgang pflegte mit des Nachrichters Ge⸗ ſellen; es that kein ehrlicher Burſche dem Freiknecht aus dem⸗ ſelben Glaſe Beſcheid, keine züchtige Dirne gewährte ihm die kleinſte Freiheit.

Boß wohnte tief in dem großen Tannenwald, eine Stunde vom Dorfe, das mit zu ſeinem Revier gehörte. Den Be⸗ wohnern des letzteren war ſein Aufenthalt zwar wohlbekannt, und Mancher hatte ſich mit eigenen Augen davon überzeugt, daß all' der mittelalterliche Unſinn, mit welchem der Aberglaube die einſame Hütte des Freiknechts auszierte, erdichtet war, aber Niemand hatte ſie ohne Grauen verlaſſen. Sie blieb in der Meinung des Volks eine verruchte Stätte und die rohe Phantaſie der ehrlichen Leute umgab ſie mit einem ſchauer⸗ lichen Halbdunkel, in welchem Bosheit und Laſter ein fürchter⸗ liches Spiel treiben ſollten.

Des Freiknechts häßliche Geſtalt trug nicht wenig dazu bei, die irrige Meinung des Volkes zu erhärten, ſein trotziges und dabei verſtocktes Weſen, ſeine bekannte Grauſamkeit paßten ganz zu dem verabſcheuungswürdigen Bilde, das der Leumund mit ſchwarzen Strichen an die breite Wand des Wahns malte, nach welcher die Freiknechte eher ganzen Teufeln, als halben Menſchen glichen. Was ward dem elenden Boß nicht Alles zur Laſt gelegt; bald ſollte er mit Thieren verbotenen Umgang pflegen, bald gräuliche Martern erſonnen haben, die armen Geſchöpfe, die lebendig in ſeine Gewalt geriethen, langſam zu Tode zu quälen und ſich an ihrer Pein zu er⸗ götzen. Ja, es gab alte Weiber im Dorf, die ſich noch ſchreck⸗ lichere Geſchichten zuraunten und ſich nicht entblödeten, zu be⸗ haupten, den Freiknecht mit dem wilden Jäger und dem Böſen zuſammen erblickt zu haben.

So viel blieb wahr, das ganze Erſcheinen des Mannes war geheimnißvoll und unheimlich. Von ſeinem Daſein wußte

man erſt ſeit wenig Jahren; ſein Vater, der mit ihm im Wualde wohnte, hatte ihn nie in die Welt geſchickt. Man wußte kaum, daß er einen Sohn hatte. Erſt als der alte

Freiknecht ſeinem Geſchäft außerhalb der Wohnung nicht mehr vorſtehen kounte, hatte er den Sohn ſtatt ſeiner ausgeſchickt. Dieſer erſchien in der Gegend plötzlich als ein großer, nicht mehr ganz junger Mann, und mit ſeinem Erſcheinen war der Alte verſchwunden und ließ ſich nie außerhalb des Waldes mehr erblicken. Man wußte indeß, daß er noch am Leben; Einige hatten ihn in ſeiner Abgeſchiedenheit geſehen und geſprochen, und erzählten, daß er ſtumpf und hinfällig ſei, Andere, daß er mit ſeinem Sohn im ewigen Kampf liege und ihm ſein Amt abgetreten, um nur vor den Grauſamkeiten ſeines eigenen Kindes geſchützt zu ſein. Uebrigens ließ man der Thätigkeit und Umſicht des jungen Freiknechts Gerechtigkeit widerfahren. Er war fleißig und trotz ſeiner körperlichen Unbeholfenheit in

Dingen ſeines Gewerbes wohlbewandert; auch hatte man ihn

nie berauſcht geſehen, und das galt in der ganzen Gegend für ein Zeichen guter Art. Man hielt ihn für den Erben einer hübſchen runden Summe Geldes und für geſchickt und ſparſam genug, ſein Vermögen zu vergrößern. Der Handel mit Kuh⸗, Roß⸗ und anderen Fellen war einträglich, das aus⸗ gekochte Fett der Thiere, beſonders das Kammfett der Pferde, ward gut bezahlt, aber die Induſtrie des Freiknechts beſchränkte ſich darauf nicht; er hatte ſich zu einem Noßkamm erhoben und trieb einen, freilich höchſt verwerflichen, jedoch vortheil⸗ haften Handel mit Pferden. Es traf ſich nänlich oft, daß ihm Reiſende und ſelbſt Bewohner der umliegenden Ort⸗ ſchaften alte oder kranke Pferde mit dem Geheiß übergaben, aus Mitleid den Thieren den Garaus zu machen. Hatte wo ein Frachtfuhrmann ein blindes Roß, das plötzlich auf der Heerſtraße evlahmte, oder war Einer, deſſen Pferd der Schmied verſchlagen hatte, daß es für unheilbar gehalten ward, oder wünſchte ein Reiter ſeinem alten, ausgedienten, lebensmüden Thier die letzten ſchlimmen Tage zu erſparen und ihm ein kurzes Ende gemacht zu ſehen, ſo ſchickten ſie zum Schinder und banden ihm auf die Seele, mit den armen Geſchößfen kurzen Prozeß zu machen. Nichts Furchtbareres konnte diefen aber widerfahren, als dieſem letzten Herrn anvertraut zu werden. Statt ſich gewiſſenhaft ſeines Auftrages zu entledigen, unterwarf er die kranken Thiere einer neuen Kur, und ſtellte ſie meiſtens ſo weit wieder her, daß es ihm möglich wurde, ſie zum eigenen Dienſt zu verwenden oder auf den erſten beſten Pferdemarkt zu bringen und an arme Laudleute billig zu verkauſen; oder er üborließ ſie Anderen, gegen eine mäßige Vergütigung, bis ſie eines natürlichen Todes ſtarhen und zu guterletzt dennoch ſeine Beute wurden. So fachte er die Lebensgeiſter dieſer elenden Kreaturen wieder auf und beging tauſendfache Morde, indem er ihnen ein qualvolles Daſein friſtete. Niemand zog ihn deshalb zur Rechenſchaft und ſein Herz war weit entfernt, zu ahnen, wie ſchwer er ſich gegen Schöpfer und Geſchöpf verſündigte.

Und doch regte ſich in dieſer erbarmungsloſen Seele ſeit Kurzem ein Gefühl menſchlicher Art; er, der ein Scheuſal unter kranken thieriſchen Leibern, ahnte ſeit wenig Monden, daß der Leib des Menſchen für ſauftere Regungen geſchaffen ſei, als für die, in denen ſeine ſchmuzige Seele bislang geſchwelgt hatte; er ahnte, daß es eine andere, beſſere Welt hienieden in des Sterblichen Bruſt gebe, als die Hölle, in welcher er lebte; er ahnte, daß es Qualen auf Erden gebe, grauſamer als die, welche Beil und Meſſer in ſeiner rohen Fauſt in den ſterbenden Thieren erweckten.