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dem älteren Johann einen brüderlichen Jugendgenoſſen lieben
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keine öde Wüſte für dich, du ſtilles Herz, d du reines Gemüth,
trugſt und die Thräne der Armuth, die Thräne der Hoffnung weinteſt.
Hell leuchtete die Morgenſonue in das offene Häuschen an der Heerſtraße, dem der junge Bauer längſt den Rücken gekehrt hatte, nicht ohne das Holz, das er vom Wagen geworfen, der Jungfer unter den Herd der kleinen Küche ge⸗ tragen zu haben. Es war eine alte Sitte im Dorf, daß, wer mit beladenem Fuhrwerk in die Stadt zog, bei dem Chauſſeehauſe eine kleine Spende ſeiner Ladung abwarf, für die Bewohner des Häuschens. Jeder gab, was er konnte, vom Krüger herab bis auf den Aermſten der Gemeinde: ein Bund Stroh, einige Stücke Torf oder was ſonſt die Gelegen⸗ heit mit ſich brachte. Und was das Beſte war, Jeder gab gern und unaufgefordert, denn Jeder hielt ſich nr reicher als den armen Einnehmer, der ſo kargen Lohn erhielt, daß e hätte verhungern oder zum Betrüger wer rdene manen wärs nicht das Dorf voll guter Leute geweſen, denen es eine Freude war, Anderen Freude Wer aber am meiſten und
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zu bereiten.
ie ſchönſten Sachen gab, das war der Krüger und des Krügers Sohn, Johann, derſelbe, der dieſen Morgen früh zur Stadt gefahren und bei dem Chauſſeehauſe mit dem Karreuführer zuſammengetroffen war. Johann war die uneigennützige Stütze es kleinen Haushalts an der Heerſtraße; er brachte von dem Korn, das er gedroſchen, von den Früchten ſeiner Saat, von der Wolle, die er geſchoren, dem Holz, das er gefällt. Wenn er den Acker ſeines Vaters beſtellen half, kam er mit der Pflugſchaar an. auf das kleine Stückchen Land hinter dem Chauſſeehauſe, ackerte es um und bepflanzte es; wenn die Früchte reif warsn, erntete er ſie ein, brachte ſie in den kleinen Keller, auf den ſchmalen Boden. Er war es, der die Stroh⸗ matten geflochten, die die Nordſeite des kleinen Häuschens ſchützten, der die Roſenſtöcke gezogen, die die Sonnenſeite zierten, der die Lindenlaube gepflanzt, die im Garten ſtand. Johaun ging täglich ein und aus. be der kleinen zwei⸗ gliederigen Familie; er kam ſelten mit leerer Ha and, aber nie ließ er merken, daß er als Wohlthäter kam. Verſtohlen ſtieg er in den Rauchfang, in den Keller, auf den Boden und ſchaute nach, wo etwas fehlen mochte, daß er es heimlich hin⸗ ſtellen und aufhängen könnte. So wachte er wie ein guter Genius über dieſer kleinen Welt, an die ihn die Erinnerung aus ſeinem Knabenalter und die ſüße Gewohnheit des Um⸗ gangs feſſelten.
Evelis' verſtorbene Mutter pflegte ihn nicht anders zu nennen, als„das gute Herz“, und die Bezeichnung war treffend. Ein gutes Herz ſchlug in dieſer ſchlichten geſunden Bruſt, unter dieſem einfachen Leinenkittel, ein gutes Herz ſtrahlte aus ſeinen offenen Augen, redete aus ſeinen ſanften männ⸗ lichen Mienen, ein gutes Herz gab ſich ſelbſt kund in dem kräftigen Handſchlag ſeiner von Arbeit gehärteten Fauſt. Seit ſeiner frühen Kindheit war Johann in dem kleinen Stübchen des Chauf ſes heimiſch; die verſtorbene F bis zu ihrem Tode die eigene Mutter, verſäändige Frau und eine zärtliche Zucht und Ehren erzo d
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— du Kind der Haide, das war deine Welt, deine zauberreiche, lehrte. Als des Einnehmers Frau im Sterben lag, waren wa ſüße, duftige Heimat, in der du dich deines eigenen ſchönen beide Kinder gleich betrübt, und wichen nicht vom Lager der Le Daſeins freuteſt, in der dir wohl war, wie guten Menſchen armen Dulderin, die noch gar gern ein Weilchen in dieſer 1 überall ar if Gottes Erde, in der du Leid und Weh ſtill ergeben Welt zugebracht und ſich nützlich gemacht hätte, trotz Müh
und Sorgen. Ehe ſie ſtarb, hieß ſie Mann und Kind die Kammer verlaſſen und das gute Herz allein bei ihr bleiben; Evelis konnte vor Weinen nicht hören, was die Lippen der ſterbenden Mutter ihrem jungen Freunde mittheilten, ſie dachte ſich, es möchten wohl gute Lehren und Ermahnungen ſein und fragte nie danach. Als Johann aus der Kammer kam, ſah er ſtill betrübt, aber gefaßt aus und hieß dem Mädchen der Mutter die Augen zudrücken. Dieſe ſtarb und Johann erwies ihr die letzte Ehre; er fuhr den Sarg mit ſeines Vaters Ge⸗ ſpann in's nahe Kirchdorf, das eine Meile jenſeits der Straße in der Haide lag. Dahin mußten alle Bewohner Bruchdorfs, das war ihre letzte Reiſe, ihre Ehrenfahrt. Evelis konnte ſie nicht mitmachen, denn der Vater wollte der Mutter das Ge⸗ leit geben, darum mußte die Tochter daheim bleiben und den Dienſt verſehen; als ſie bald darauf mit anderen Mädchen des Dorfes zur Kirche ging und ſich ihrer Mutter Grab zeigen ließ, fand ſie es ſchön mit Raſen belegt und eine kleine grüne Weide darauf gepflanzt, um deren Stamm ein Todtenkranz mit vielem glänzenden Flittergold gelegt war. Alle Jahre
an der Mutter Todestag lag ein neuer Kranz auf dem Hügel,
deſſen Raſen freundlich grünte, deſſen Weide alljährlich aus⸗ geſchnitten ward, daß ſie wohl gedieh; auch ein Kreuz ſtand ſeit mehreren Jahren auf dem Grabe, einfach von ſchwarz bemalten Bretern, darauf mit weißen Buchſtaben Name und Todestag der Verſtorbenen. Evelis kannte die treuen Hände, die ſo liebreich die Ruheſtätte der Mutter pflegten; Johann war's, das gute Herz, der im Stillen das Vertrauen und die Liebe der Todten vergalt. Evelis mußte ihm wohl gut ſein, und war es; ſie wußte ihn zu ſchätzen und koante ſie auch ſeine Wohlthaten nicht vergelten, war doch Niemand auf
Erden, dem ſie mehr vertraute, den ſie lieber hatte, als das
gute Herz.
Boß dagegen war Evelis ein Gräuel; er war der einzige Nachbar, der am Chauſſeehauſe vorüberzog, ohne je irgend eine Spende zu hinterlaſſen. Und wahrlich, er wäre der Letzte auf der ganzen Erde geweſen, aus deſſen Händen Gvelis ſich hätte entſchließen können, irgend etwas anzunehmen, und hätten es ſelbſt Koſtbarkeiten und Schätze ſein mögen. Des Ein⸗ nehhiers Tochter hatte nur einen Feind auf der Welt, einen
Menſchen, den ſie haßte und fürchtete wie die Sünde: Boß, den Karrenführer. Vielleicht hätte ſie mit ſeiner äußeren Häß⸗ lichkeit noch Mitleid haben können, aber ſein Leben, ſein Ge⸗ werbe war ſchrecklich. An ſeinen Händen klebte das Blut der ſiechen Kreatur, ſeine Hauſung verpeſtete die reine Luft, ſein Gewand ſtank nach Aas; Raben krächzten vor ſeiner Thür, auf ſeiner Schwelle kroch ekles Gewürm. Was die Seuche dahinraffte, was die Hetzpeitſche zu Boden geißelte, was auf der Heerſtraße und im Felde im Angſtſchweiß niederſtürzte, das unheilbare, kranke und todte Vieh gehörte ihm, dem Ab⸗ deßet, dem Freiknecht, dem Schinder, dem Helfershelfer des
Scha rfrichters, dem Henkersknecht. Wie ein blutlechzendes
aubthier hielt er Wache in der ganzen Gegend und ſpähte uuſd witterte umher nach kranken Roſſen und verreckten Haus⸗ thieren; wenn ſie den letzten Athem keuchend von ſich gegeben,
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