Concordia. 525
„wenn Du auch des Kaiſers Rock trägſt, Du haſt ihn beſleckt, denn Du biſt ein Dieb! Du haſt mir das Glück meines Lebens geſtohlen und meine Zukunft dazu, Du haſt mich um die Seligkeit meiner Seele gebracht, um den Frieden meines Herzens. Denn wiſſe, ich liebe Marie; mit allen Organen meines Lebens bin ich an ſie gekettet, und Marie verlieren, heißt verderben! Ich habe ſie verloren, aber Du haſt ſie mir ge⸗ raubt! Du biſt hinterliſtig in das Haus ihres Vaters geſchlichen, haſt mit verführeriſchen Künſten ſie bethört und das argloſe, kindliche Mädchen beſtrickt, um das ich jahrel ig gedient wie ein Knecht, das ich angebetet wie eine Heilige, deren Anblick mir der Himmel war. Ich aber gebe ſie nicht frei, hörſt Du? Wenn Du ſie haben willſt, mußt Du mich zuvor er⸗ ſchlagen, oder ich Dich, wie es Gott fügt. Ich trage zwar nur dieſen ſchlechten Kittel und Du ein ſchimmerndes Kleid, aber ich verachte Dich trotzdem, hörſt Du? Denn ich bin ein ehrlicher Mann, Du aber ein Dieb! was ich von Dir halte, und wenn Du mich brauchſt, werde ich mich nicht ſuchen laſſen!“— Damit verließ er die Stube.
Dragutin ſchrie auf vor Wuth, er bebte am ganzen Leibe,
Jetzt weißt Du,
Schaum trat auf ſeine Lippen. Plötzlich riß er den Säbel von der Wand und ſtürzte auf die Gaſſe.
Am Morgen darauf fand man die Leiche Joſip's vor der Dorfſchänke.
Kaum war die Kunde von der Auffindung laut geworden, ſo war man darüber einig, daß Niemand anders als Lieute⸗ nant Sajevic der Mörder des Slavoniers ſei.
Die Kommiſſion der Militärbehörde von Vukovar erſchien auf die erſte Nachricht davon in Nuſtar, verhaftete den Offi⸗ zier und führte ihn nach Vukovar ab.
Welch' ein Aufſehen verurſachte dies im Dorfe! Welch' namenloſen Schmerz brachte es über die Familie des Ge⸗ fangenen, welch' wüthende Verzweiflung bemächtigte ſich Mariens. Auf die erſte Nachricht davon ſtürzte das arme Mädchen ohnmächtig zuſammen und erholte ſich erſt, als man ihren Dragutin eben gefeſſelt, in der Mitte von Soldaten, auf einem ſchlechten Bauernwagen vorüberführte. Der Vater, der beſorgt bei ihrem Lager ſtand, wollte ihr dieſen Augen⸗ blick verheimlichen, aber ſie hörte das Geräuſch des Wagens auf der Straße, den Lärm des ihn umdrängenden Volkes.
(Schluß folgt.)
Zum guten Kerzen.
Eine Novelle.
Die lauernde Haltung des Karrenführers erregte bei dem Mädchen eine Beängſtigung, von der der junge Bauer ſie zu befreien verſprach.
„Steh' ich Euch im Wege, Boß?“ fragte er barſch, ſich zu dem Karrenführer wendend.
„Die Straße iſt breit genug für uns Beide,“ erwiderte der Angeredete trocken.
„Nun, was maulafft Ihr dann?“ ſagte der Bauer und
wandte ſich drohend gegen den garſtigen Burſchen;„zahlt Euer Weggeld und ſcheret Euch Eurer Wege, ſammt Eurer räudigen Schindmähre, mit der Ihr Euch ſchämen ſolltet rechtlichen Leuten auf offener Landſtraße unter die Augen zu kommen.“
„Sieh' Dich vor, ihm nicht zu nahe zu kommen,“ bat Evelis den jungen Landmann,„er hat eine böſe Natur, er konnte Dir'was Leids anthun, auch hat er Dir nichts gethan.“
„Was dieſe Mähre längſt geweſen iſt,“ ſagte Boß,„das ſollen Eure Pferde erſt noch werden. Ich danke Euch, Jungfer,“ fuhr er, gegen das Mädchen gewendet, fort, indem er aus ſeinem ſchmuzigen ledernen Beutel das Weggeld hervor⸗
langte,„daß Ihr mich nicht ſchimpft, wie dieſer Mann, der
mich haßt, ohne daß ich ihn je beleidigt hätte.“
Boß kehrte, während er ſo mit einer Fiſtelſtimme ſprach, die eher für ein Weib als für einen ſo handfeſten Kerl paßte, uuf ſeinen Sitz zurück, nahm die Zügel in die Hand und prickelte den mageren Gaul mit dem ſpitzen Ende eines Stockes
in die Hinterbacken; das Thier machte einige vergebliche Ver⸗
ſuche, ſeinem Peiniger mit dem kraftloſen Huf beizukommen, und ſetzte ſich dann, mit dem enthaarten Schweif wie ein Hund wedelnd, in Trab und bald darauf ſelbſt in Galopp. So ſah man den Karrenführer über die einſame Heerſtraße
dahintraben, die Beine vom Wagen herabſchlotternd, dicht
(Fortſetzung.)
hinter dem großen mageren Gaul die Geißel ſchwingend, einem Ungethüm ähnlich. Von Zeit zu Zeit ſchrillte ſeine kreiſchende helle Stimme, die dem gehetzten Thier ſelbſt Furcht einzuflößen ſchien, über die Ebene und dann und wann drehte er den Kopf rückwärts und ſchaute ſich nach dem Chauſſee⸗ hauſe um, das eben von den erſten Strahlen der aufgehenden Sonne röthlich erleuchtet wurde. Groß und purpurroth ſtieg ſie am Horizont empor; der dunkelblaue Duft, welcher auf der Haide und dem Tannenwalde lag, die Waſſerdünſte, welche über dem Bruch ſchwankten, lichteten ſich, Nebel und Dämmer⸗ ung verſchwanden allmälig und von Sekunde zu Sekunde mehrte ſich die unendliche Lichtfülle in der weiten Ebene, in welcher tiefe Todtenſtille herrſchte, als ſei alles Leben in ihr erſtarrt, als athme in ihr keine Seele, als ſchlage in ihr kein Puls. Doch hatte die volle Sonnenſcheibe kaum wenige Minuten über dem Horizont hell geglüht und die Erde Zeit gehabt, die erſten warmen Strahlen einzuſaugen, als der Schlaf von dieſer vden Gegend wich. Vom Dorfe her erhob ſich plötz⸗ lich ein helles Geſchmetter jubelnder gefiederter Kehlen in die Lüfte; über den Wald hin rauſchte ein friſcher Morgenhauch, daß das Geſäuſel der Tannen ſich mit dem Sange der Lerchen, die den jungen Tag aus der Höhe begrüßten, miſchte; im Bruch regten ſich, wie mit einem Zauberſchlage, tauſend quakende Stimmen und durch das Schilf im Moor rieſelte der kühle Wind und ſtreifte den klaren, glänzenden Thau von den langen Halmen. Und dies Leben reckte und bewegte und dehnte ſich ſchmachtend der herrlichen Sonne entgegen, im Wald wie tief in der weiten Haide; überall Sommer und Ge⸗ ſumſe, Grünen und Blühen, Geraſchel im welken Laub, Ge⸗ ſumme um Blüthen und Mooſe, bei jedem Tritt eine rege, kriechende Welt, jeder Athemzug ein lebenswarmer, gewürzter Trank. Das war keine verlaſſene Erde, keine todte Schöpfung,


