52. 3 Concordita.
Was ihn bis jetzt beſeelt hatte, war nichts als ein vieh⸗ iſcher Inſtinkt, als ein kalter, grauſamer Vernichtungstrieb, als eine geile Luſt nach ſataniſcher Freude. Es lag für ihn eine trübe Wonne im Schuerz elender Mitgeſchöpfe; nun ſollte er fühlen, mit welchen grauſamen Schmerzen er ſelbſt einen einzigen Wonnegedanken erkaufen mußte.
Die, welche unbewußt an der rohen Natur des Freiknechts ſolchen Zauber vollzogen, ahnte nicht, welches Verhängniß ſie über einen Menſchen heraufbeſchwor, den ſie haßte und fürchtete. Evelis ſelbſt kannte die Liebe nicht, nicht ihre Schmerzen, nicht ihre Wonnen; ſie kannte nur Kindesliebe, Freundſchaft und Wohlwollen; nur von ſanften Gefühlen war ihr Herz bewegt, ſie liebte nur gute Menſchen, und liebte ſie kindlich, ſchweſterlich: ihre Freunde im Dorfe, ihre Mutter unter der Erde, ihren Vater und— das gute Herz, das nie von Liebe mit ihr geſprochen.—
Eva Eliſabeth war's, auf die der junge Boß ein Auge
geworfen hatte; des Einnehmers Tochter hatte ihn aus ſeiner ſcheußlichen Welt hervorgelockt, ihm eine neue erſchloſſen, hatte ſein Sinnen und Trachten auf die Menſchen gerichtet, ſeine Ge⸗ danken vom blutigen Handwerk abgelenkt. Eva Eliſabeth war das erſte menſchliche Weſen auf Erden, das die Phantaſie des Freiknechts mit ſüßer Speiſe nährte; Evelis hatte ein goldnes Netz vor ihm gewoben, in das zu ſtürzen und auf ewig ſich gefangen zu geben, ihn ein unwiderſtehliches, un⸗ erklärliches Bedürfniß drängte, durch das ihm Erde und Himmel in anderen Farben erſchienen und ſein eigenes Selbſt geläutert und veredelt hervorkam. Wie eine geheime Offenbarung war es plötzlich über ihn gekommen; als hätte er die Gott⸗ heit erkannt, deren Größe und Schönheit er nie geahnt, ſchien ihm ſelbſt ſein ganzes Thun und Treiben ein frevelhafter Götzendienſt. Zum erſten Male in ſeinem Leben umgaufelten ſüße Träume ſein einſames Lager, zum erſten Male träumte er wachen Auges.(Fortſetzung folgt.)
Plandereien..
(Die Konfidenz⸗Tafel.) In einem an die Reitbahn grenzen⸗ den Zimmer des königlichen Schloſſes zu Dresden ſpeiſten die beiden prunkliebenden Auguſte ſehr oft in beſonders wichtigen Fällen, ohne die mindeſte Bedienung, mit Miniſtern, Lieblingen oder anderen vertraulichen Perſonen und zwar an der ſogenannten Konfidenz⸗ Tafel. Während nämlich aus dem Speiſezimmer eine leere Tafel auf den Druck einer Schraube durch Verſenkung in das darunter befindliche ſogenannte Anrichtegemach kam, ging eine mit Speiſen und Weinen für vier Perſonen beſetzte hinauf. In einer kleinen Oeffnung derſelben lag eine kleine Schiefertafel, beſtimmt, von oben die nöthigen Befehle zu ertheilen, von unten etwa erforder⸗ liche Anfragen zu thun. Ein Glöckchen gab das Zeichen, wenn die Tiſche ſich in Bewegung ſetzen ſollten. Zu dieſer Konfidenz⸗Tafel gezogen zu werden, war aber nicht immer das Zeichen der höchſten Gnade; denn es ſetzte an derſelben gar oft auch Naſen, welche indeß als Konfidenz⸗Naſen nur für halbe galten. Am öfterſten ſpeiſte auf dieſe Art in den Jahren 1696 und 1697— als der polniſche Thron in Europa gleichſam ſubhaſtirt ward— Auguſt mit dem Kaſtellan von Kulm, Johann Przebendowsky, und deſſen Schwager, dem Oberſten(nachher Feldmarſchall) von Flemming, und zwar um Rath zu halten, wie Polens Krone mit Sachſens Kurhute zu ver⸗ einigen ſei. Bei ſolchen Konfidenzen ging es gewöhnlich höchſt jovial, einſt aber doch ſehr einſilbig zu, denn— es fehlte an Geld und die Stände hatten gewagt, etwas laut in Betreff der zehn Millionen zu ſprechen, welche der König für Polens Thron geben wollte. Da nahm endlich Auguſt die oben erwähnte Schiefertafel mit den Worten:„Wenn es nun einmal heute mit Luſt und Scherz nicht gehen will, muß man dergleichen verſchreiben“— und ſchrieb: „Deviſen! aber von der größten Sorte!“— Deviſen enthielten nämlich damals Zettel mit, maſſiven Knitteln ziemlich nahe ver⸗ wandten Verſen. Daran wollte man ſich erheitern. So heiſchte es der Zeitgeiſt.— Der Hofnarr Schmiedel befand ſich im ſo⸗ genannten Anrichtegemach, als der Befehl eintraf. Ohne Umſtände kauerte er auf die Konfidenz⸗Tafel, ließ ſich hinaufſchrauben und bewillkommnete ſeinen großmächtigſten König und Herrn mit den Worten:„Majeſtät haben Deviſen von der größten Sorte verlangt. Größer ſind ſie in Eile nicht aufzutreiben.“— Der Spaß fand Beifall. Schmiedel mußte als vierter Gaſt an der Konfidenz⸗Tafel Platz nehmen, und bald waren Geldmangel und Stände vergeſſen.
Verantwortlicher Redakteur: Otto Freitag in Dresden.— Verlag von Otto Freitag in Dresden.— Druck von F. W. Gleißner in Dresden.
(Ein Tagesbefehl Napoleon’'s.) Ein tapferer Soldat von der erſten Kompagnie der Garde⸗Grenadiere, Namens Jerome Gerdau, hatte ſich am elften Mai 1801, kurz nachdem das Heer von einem ſiegreichen Feldzuge zurückgekehrt war, durch einen Flintenſchuß den Tod gegeben, weil er bei ſeiner Rückkehr die Ge⸗ liebte, die er in der Heimat gelaſſen, mit einem Anderen verheiratet fand. Es wurde darauf bei der Garde Folgendes bekannt gemacht: „Tagesbefehl. St. Cloud, 22. Floreal, Jahr IX. der Republik (dreizehnter Mai 1801). Der Grenadier Gerdau hat ſich infolge eines Liebesverhältniſſes den Tod gegeben. Er war im Uebrigen ein gutes Subjekt. Es iſt dies das zweite Ereigniß dieſer Art, das beim Armeekorps ſeit einem Monat ſich zugetragen. Der erſte Konſul befiehlt, in den Tagesbefehl der Garde zu ſetzen: daß ein Soldat den Schmerz und die Melancholie der Leidenſchaften muß zu überwinden wiſſen; daß eben ſo viel wahrer Muth darin liegt, ein Seelenleiden mit Ausdauer zu ertragen, als unter dem Feuer einer Batterie ungerührt zu bleiben. Dem Harm ſich ohne Wider⸗ ſtand überlaſſen, ſich den Tod geben, um ihm zu entgehen, heißt ſo viel, als das Schlachtfeld verlaſſen, ehe man beſiegt worden. Gez. Bonaparte. Kontraſignirt: Beſſieres.“ Der Tagesbefehl that ſeine Wirkung: von dem Tage an kam kein Selbſtmord wieder in der Garde vor.
Bei Gelegenheit der dem Könige von Frankreich zugeſchriebenen Briefe, welche von den Zeitungen mitgetheilt worden ſind, und der Augriffe, die der König deshalb erfuhr, erzählt ein Journal: Unter der Regentſchaft ließ ein Herr Langrange⸗Chenier eine Flugſchrift von der gröbſten Beleidigung gegen den Herzog von Orleans drucken. Der Regent ließ den Verfaſſer zu ſich rufen und fragte ihn: „Glauben Sie wirklich alles das Schlechte von mir, was Sie ge⸗ ſchrieben haben?“—„Ja,“ antwortete der Gefragte.—„So gehen Sie in Gottes Namen,“ ſetzte der Herzog hinzu;„hätten Sie aber gegen Ihre Ueberzeugung geſchrieben, ſo würde ich Sie in der Baſtille haben einſperren laſſen.“
Der Herr Dekan Hoffmann zu Echzell(im Großherzogthum Heſſen) theilte einſt, um ſeine Gemeindeglieder zum fleißigen Genuß des heiligen Abendmahls anzuhalten, Abendmahlskarten aus, die eine förmliche Einladung dazu enthielten und jedesmal am Altare wieder abgegeben wurden. Dieſelben führten die Umſchrift Matth. 18, 20.
—


