yatten keine Thränen, denn die Gluth derſelben war zu heftig, und Feuer duldet kein Naß. Kühn geſchwungene, dichte Augen⸗ brauen, glänzendſchwarze Wimpern erhöhten ihr Feuer. Von der ſtark gewölbten Stirne ringelten ſich die ſchwarzen, glän⸗ zenden Feſſeln, die Ferenz für immer gefangen hielten. Die fleiſchigen, aufgeworfenen Lippen lachten bacchantiſch auf im Genuſſe. Die üppigen Formen ihres wunderbaren Körpers derwirrten die Sinne und machten den ernſten Denker zum liebewerbenden Jüngling.
Ferenz verſchlang die Geſtalt mit ſeinem Blicke, dann ließ er das Haupt ſinken.
„Ich kann nicht, Rachel,“ ſagte er dumpf,„verlange von mir alles Andere, wozu Kühnheit und Todesverachtung ge⸗ hört, aber das nicht, und dann, iſt Joſip nicht mein Freund?“
Rachel lachte wild auf.
„Dein Freund? Alſo ziehſt Du ihn mir vor, mir, Deiner Geliebten? So wiſſe: Ihn oder mich, einen von uns Beiden mußt Du opfern!“
„Rachel!“ rief Ferenz und wollte wirſt doch nicht—“
„Ich werde,“ ſiel ihm die Jüdin in die Rede und ſtieß ihn zurück,„beim Gott Iſraels, ich werde! Ich habe es ſatt, Deine Braut zu heißen und nie Dein zu werden. Siehſt Du, ich bin umlagert von Bewerbern, die mir ihre Hand und ihre Geldſäcke zu Füßen legen, ich aber lache über ſie und bleibe Dein, denn ich liebe Dich. Ich will dies Haus ver⸗ laſſen, den Glauben meiner Väter ablegen und Dein Weib merden, denn ich liebe Dich. Chriſt, was haſt Du aber für mich gethan? Nichts! Schmachten und girren kann Jeder
aber l handelu nicht. Thaten wiegen ſchwerer als Reden. Du nennſt Dich einen Sohn Ungarns? Pfui über Dein Land, wenn ſeine Helden Dir gleichen!“
Ferenz fuhr wild empor, Rachel drückte ihn gewaltſam auf den Stuhl zurück.
„Bleibe nur ruhig,“ ſagte ſie,„und höre niich zu Ende. Was wollen wir denn? Sprich! Wir wollen uns heiraten. um das zu können, benöthigen wir fünfhundert Dukaten, denn um dieſe Summe bin ich dem alten ſchmuzigen Samuel verkauft, ja, verkauft von meinen Eltern, wie ein Thier, und dieſer Kauf iſt verbrieft und beſiegelt. Samuel hat mich erziehen laſſen, mich genährt und gekleidet, und dafür muß ich ihm ergeben ſein als eine Magd, bis er mich freigiebt oder ich ihm ſeine fünfhundert Dukaten bezahle. Meinſt Du, Der, den Du täglich in unſerer Schänke ſiehſt, hätte mich nicht losgekauft ſelbſt um das Doppelte? Ich aber will nicht, denn ich liebe Dich; kannſt Du mich loskaufen? Du biſt arm, und doch iſt jetzt der Augenblick gekommen, wo Du es kaunſt. Jetzt oder nie! Aber Muth gehört dazu, das iſt wahr, viel Muth! Da iſt dieſer Jofip Leſic aus Nuſtar. Du nennſt ihn Deinen Frennd, ich aber nenne ihn den vertrauten Gehilfen des Krämers in Kuſtar, und das iſt wichtiger. Aber das Wich⸗ tigſte iſt, daß er heute hier in Eſſeg weilt, wo er, wie alle Jahre, die Runde bei den Schuldnern ſeines Herrn macht und die fülligen Sunnnen einkaſſirt, denn der alte Filz macht noch immer weißt, daß ich das volle Ver⸗ trauen dieſes weichherzigen Slavoniers beſitze, der ein Be⸗
ſie umſchlingen,„Du
1˙
Geldgeſchäfte. Du
dürfniß fühlt, Jedem ſeine Geheimniſſe anzuvertrauen. Ich
ſage Dir, er iſt heute in Eſſeg, ich erfahre bald, wie es mit ſeiner Baarſchaft ſteht. Heute muß es geſchehen, das merke
Concordta.
wohl, oder ich ſage mich los von Dir. Bedenke dies; jetzt gehe, ich muß in die Küche. Komme Abends wieder! Da findeſt Du Deinen Freund Joſip hier, und dann zeige, daß Du ein Mann biſt.“
* 8
Die Sonne ſtand ſchon ziemlich tief am Himmel, als ein Mann den Thörweg der Judenſchänke durchſchritt und, das Gaſtzimmer beiſeite laſſend, in den Breterverſchlag trat, den wir früher beſchrieben.
Die Sonnenſtrahlen, die ſchräg durch das ſchmuzige Fenſter einfielen, beleuchteten grell die Züge des Eintretenden.
Auf dem bleichen Geſichte lagerte der Ausdruck einer un⸗ endlichen Traurigkeit, die edle, gedankenvolle Stirn umſchatteten Wolken, das lange blonde Haar fiel wirr darüber. Das ſchöne blaue Auge hatte rothe Ränder, es hatte vor Kurzem viel geweint, ein Flor umſchleierte es. Galt der Flor einem Todten? Ein herzerſchütternd wehmüthiger Zug lagerte auf dem Munde, während ein dichter blonder Bart den ernſten, männlichen Ausdruck des Ganzen hob.
Es war das Antlitz eines Dichters, es waren die Züge eines Unglücklichen. Wie erſchöpft warf er ſich auf einen Stuhl, ſein Haupt ſank auf die Bruſt.
So ſan er lange.
Die Sonne ſank inmmer tiefer, lange Schatten fielen in das einſame Gemach.
Er ſah es nicht.
Aus der anſtoßenden Gaſtſtube drang wilder Lärm und Gläſerklang herüber.
Er hörte es nicht.
Eine Hand legie ſich auf ſeine Schulter.
Er fühlte es nicht.
Was er ſah, war ein verlorenes, verpfuſchtes Leben, was er hörte, war die Stimme eines geliebten Weſens, das er auf ewig verloren hatte, was er fühlte, war unſägliches Elend, grenzenloſes Weh.
Plötzlich hob krampfhaftes Schluchzen ſeine Bruſt, und als hätte der Schmerz ſich endlich Bahn gebrochen, fiel eine Thräne auf ſeine Hand..
Er preßte die Hand an die glühende Stirn, an das
wild erregte, wogende Herz.
Wie ein leiſer Windhauch entrangen ſich folgende Worte ſeinem Munde:
„O Menſchenherz, was iſt dein Glück? Ein räthſelhaft geborner, Kaum gegrüßt, verlorner, Nie wiederholter Augenblick!“ Wohl haſt du recht, deutſcher Poet! Aber daß ich es erleben muß, daß es mich traf unter ſo Vielen, mich, der ich ſo glück⸗ lich war! O Menſchenherz, was iſt dein Glück?“ Da fuhr eine ſammetweiche Hand zart und liebkoſend durch ſein langes, blondes Haar. „Was iſt Dir, Joſip?“ fragte eine verlockende, wohlklingende Stimme. Der Fremde fuhr empor, zwei verſengende Meteore flammten ihm entgegen; Nachel ſtand vor ihm. „Du, Nachel?“ fragte faſt er tonlos. „Ich bin es,“ antwortete die Jüdin und legte ihre Hand 5 8 gte ih in die ſeine;„aber was fehlt Dir, mein Freund?“ Ein ſchmerzhaftes Zucken überflog ſein ſchönes Geſicht.
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