Jahrgang 
2 (1879)
Seite
521
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Concordita. 521

Marie, rief er haſtig,könnten Sie das für mich empfinden, was ich für Sie fühle, könnten Sie mein werden, Marie, mein für's ganze lange Leben?

Eine Purpurwoge überfluthete Mariens reines Antlitz, ihre Hand bebte in der ſeinen.

Reden Sie nicht davon, Dragutin, hauchte ſie kaum vernehmlich,Ihnen erſchließen ſich ja ganz andere Lebens⸗ ausſichten, Sie ſind Offizier; was mich beglücken würde, könnte Ihre Karridre zerſtören.

Alſo würde es Dich beglücken? O, Mädchen, Du machſt mich ſelig. Was frage ich nach Karrière, nach Beförderung. Deine Liebe iſt mein Glück, Dein Beſitz mein Ruhm. Freudig werfe ich die Flitter von mir um das ſüße Recht, Dich Weib heißen zu dürfen.

In dieſem Augenblicke bewegten ſich die Weinblätter, die das Fenſter umrankten, welches ſich gerade über den Liebenden befand.

Ein Menſchenantlitz ſtarrte auf die Beiden, ſo entſetzlich bleich, ſo herzerſchütternd traurig, und das grüne Weinlaub ſchlug auf die entſtellten Züge, als läge mitten im Walde unter friſchen Blättern, die es leicht verhüllten, ein armes Menſchenkind im Sterben.

Zwei dicke Thränen brachen ſich aus den düſteren Augen Bahn und ſielen auf ein Blatt, das ſich unter der ſchweren Laſt der qualerpreßten Tropfen beugte und ſie nicht halten konnte.

So fielen ſie nieder auf das ſchöne goldene Haar Mariens, als wären es zwei leuchtende Demanten eines Diadems.

Wohl waren es Perlen, aber aus einer Schmerzenskrone.

Marie fuhr auf. Dragutin jedoch zog ſie ſtürmiſch an ſein Herz, tiefer und tiefer blitzten die Blicke in einander, ihr Athem küßte ſich, Bruſt lag an Bruſt Lippe an Lippe. Da wurde das Fenſter heftig zugeſchlagen.

Die Glasſcherben flogen klirrend zu Boden, daß die Splitter die Beiden wie Demantſtaub beſäeten.

Sie fuhren erſchreckt empor.

X*

Eſſeg, die Hauptſtadt von Slavonien, macht einen eigen⸗ thümlich fremdartigen Eindruck auf den Beſucher. Dieſe eruſtblickenden, meiſt bewaffneten Männer, mit den dunkel⸗ gebräunten Geſichtern, die häufig vorkommende ſerbiſche Nationaltracht, die vorherrſchend dunklen Farben, unter denen namentlich das Roth dominirt, erinnern uns unwillkürlich an die Nähe der türkiſchen Grenze. Das rege Treiben der Dampf⸗ boote und Ruderſchiffe auf der hier gar mächtig gewordenen Drau, ſowie das Gedränge in den ſchlecht oder gar nicht ge⸗ pflaſterten Straßen zeigt deutlich, daß wir uns in dem bedeutendſten Handelsplatze der Gegend befinden. Dennoch ſind die Privathäuſer meiſt niedrig und häufig mit Stroh gedeckt. Die Stadt ſelbſt zerfällt, wie Agram, in die obere und untere Stadt; beide überragt die Feſtung.

Die obere Stadt wird größtentheils von Deutſchen, die untere aber von Serben bewohnt, während die Feſtungswerke von der Beſatzung eingenommen werden. Außerdem befinden ſich in weſtlicher Richtung die ſogenanntenMeierhöfe, eine Kolonie von Würtembergern. Den Stadttheil Retfalu bildet eine Anſiedelung von Magyaren.

So iſt die Hauptſtadt Slavoniens verhältnißmäßig nur

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wenig von Eingeborenen bewohnt und hat ſich das nationale Element in Pozug, der zweiten Stadt des Landes, konzentrirt.

Heute iſt Jahrmarkt in Eſſeg, das Gedränge in den Straßen wuchs mit jeder Stunde, da immer neue Schaaren von Land⸗ leuten aus der Umgebung herbeiſtrömten, um ihre Bedürfniſſe einzukaufen.

Ein buntes Chaos von Käufern, Verkäufern und Haus⸗ thieren der verſchiedenſten Art wogte durcheinander, dann wieder raſſelte ein ſchmuziger Bauernwagen daher, mit einer Stute beſpannt, während das Füllen luſtig um den Wagen herumſprang, in ganz Kroatien und Slavonien ſelbſt bei Herrſchaftskutſchen üblich. Alle Schänken waren überfüllt, namentlich jene, in denen das ärmere Volk einſprach.

Beſonders eine dieſer Spelunken, die ſich in einem ſchmuzigen Gäßchen von Retfalu befand, ſchien ſich großer Beliebtheit zu erfreuen, denn es wimmelte darin von Gäſten.

Da gab es Juden im langen Merinokaftan mit den zwei herabwallenden Stirnlocken, Griechen mit glänzend ſchwarzen Vollbärten und ſchwarzen Mützen, Serben in ihrem maleriſchen Koſtüm, bis an die Zähne bewaffnet,Schwaben in ihrer ſchlichten Bürgerkleidung, Ungarn im Attilla und Sporen an den Stiefeln, Kroaten im braunen, rothverſchnürten Rocke, Slavonier, Gottſchewer aus Krain mit Körben voller Süd⸗ früchte, Böhmen als Muſikanten, und ſo weiter, Alles im bunteſten Gemiſch; da klangen ſämmtliche öſterreichiſche Sprachen in allen möglichen und unmöglichen Dialekten durcheinander, daß einem der Kopf wirbelte.

So war es im Schänkzimmer, im Hausflur, in der Küche, ſelbſt im Hofe hatten ſich mehrere Bauern gelagert und hielten gemeinſchaftlich mit dem ſich des Lebens freuenden Federvieh und jenen Thieren, die den Nachkommen Abraham's als unrein verboten ſind, Sieſta.

Nur ein enger Breterverſchlag hinter der Küche, in dem ſich ein Bett, ein Tiſch und ein Stuhl befanden, machte von dieſer Okkupation eine Ausnahme. An dem Tiſche, auf dem eine Flaſche ſtand, ſaß ein junger Mann, das Haupt nachdenkend in die Hand geſtützt, vor ihm ſtand Rachel, des Schänkjuden Tochter. Der ſchwarze Schnürrock mit dem Czikoshut, der auf dem Tiſche lag, verriethen, daß der Gaſt ein Magyar ſei.

Schwarzes, gelocktes Haar umrahmte ſein hübſches, brünettes Geſicht, dem jedoch ein dichter Vollbart etwas Ver⸗ wildertes gab. Damit harmonirte der unſtäte Blick aus den eigentlich ſchönen Augen, die durch den ewigen Wechſel einen ſchwankenden Charakter anzeigten. Blendendweiße Zähne leuchteten aus dem dunklen Barte faſt unheimlich und erinnerten an das Gebiß eines Wolfes.

Nun, Ferenz, biſt Du noch nicht einig mit Dir ſelbſt? fragte ihn das Mädchen und bohrte ihren lauernden Blick in ſein Geſicht.Pfui über Euch Männer! Ihr nennt Euch ſtarke Schwächlinge ſeid Ihr, ohnmächtige Schwächlinge, nichts weiter! Der Angeſprochene ſah auf und betrachtete mit glühenden Blicken das ſchöne Weib, das vor ihm ſtand, durch den Zorn noch ſchöner gemacht.

Rachel war das echte Urbild einer Tochter Judas. Aus den orientaliſch geſchlitzten Augen ſprühte es in tauſend Funken, wie aus einer Feuereſſe, und wie jene, ſo verſengten dieſe Jeden, den ſie trafen. Dieſe Augen konnten nicht ſanft und mild blicken, ſie konnten nur leidenſchaftlich aufflammen, wild oder leuchtend, nur in ſinnlicher Luſt ſich fen ien. dieſe Augen

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