Jahrgang 
2 (1879)
Seite
520
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520 Concordia.

Stunde davor, landeinwärts, das katholiſche Darf Nuſtar, der Schauplatz des ſoeben begangenen Verbrechens.

Der Pfarrer des Ortes hatte einen jüngeren Bruder, der als Lieutenant im öſterreichiſchen Heere diente. Zu der Zeit, als ſich unſere Erzählung zutrug, hatte derſelbe gerade einen längeren Urlaub zu einem Beſuche bei ſeiner Familie benützt. Dieſe beſtand außer dem Pfarrer noch aus Mutter und Schweſter, die ſeit dem Tode des Vaters zum Geiſtlichen gezogen waren und ſein Hausweſen beſorgten.

Lieutenant Dragutin Sajevic war ein bildſchöner Offizier. Sein hoher, ſchlanker Wuchs wurde durch die Uniform noch gehoben. Das brünette Geſicht wies den echten Typus der Südflaven. Rabenſchwarzes lockiges Haar umrahmte daſſelbe, ein Paar feuriger, ſchwarzer Augen blitzten wie glühende Kohlen daraus hervor. Der ſorgfältig gepflegte Schnurrbart von der Farbe der Haare hob den blendenden Schmelz der Zähne. Selbſt die ſtark entwickelten Backenknochen ſtörten die Schön⸗ heit der Züge nicht, denen die kühn gewölbte Stirn etwas Geniales gab.

Dragutin, dem die Stille und Abgeſchiedenheit des Dorfes wenig Erſatz für die Lebhaftigkeit der eben verlaſſenen Garniſonsſtadt bieten mochte, befand ſich die erſten Wochen hindurch ſehr häufig in Eſſeg, wo er unter der Beſatzung be⸗ kannte Offiziere traf. Bald aber wurden ſeine Beſuche ſeltener und hörten endlich ganz auf.

Was feſſelte den lebensluſtigen Offizier an das einſame ſlavoniſche Dorf?

In Nuſtar befand ſich ein ziemlich großer Kaufladen. Der Eigenthümer deſſelben, einSchwabe, wie man hier zu Lande alle Deutſchen ſchlechtweg nennt, war vor vielen Jahren aus Eſſeg hierher gezogen, hatte ſich in dem ziemlich großen Pfarr⸗ dorfe etablirt und ein artiges Vermögen erworben.

Er beſaß eine reizende Tochter.

Marie verleugnete in nichts ihre germaniſche Abſtammung. Sie war eine jener Blondinen, die man einmal ſieht, um ſie nimmer zu vergeſſen, die man in jedem Seraphskopfe findet, mit dem man ſich das Bild jeder Heiligen denkt, das uns ſo unſäglich anmuthet, wie der Frühling, wie ein Maienmorgen, wie die Jugend, wie die Liebe! Sie hatte dunkelblaue Augen; wenn ſie lachte, leuchteten ſie wie der tiefblaue ſonnenglänzende Himmel Italiens; wenn ſie weinte, lag es wie Thautropfen auf einem Veilchen. Ihr Geſicht war ſo blendend weiß, wie die weißen Silberwolken im Sommer, ihre Wangen ſo roſen⸗ roth angehaucht, als ſäumte die Morgenſonne die weißen Wolken. Ihr Mund war eine Roſenknospe, der ſüßer Duft entſtrömt; ein Born der Muſik, wenn ſie ſprach.

Marie war eine Freundin der Schweſter Dragutin's. Die erſten Tage nach Ankunft des Letzteren war Marie dem Pfarr⸗ hofe fern geblieben; ein Beſuch, den ſie nach einigen Tagen machte, führte ſie mit dem Offizier zuſammen. Das Un⸗ erwartete ihrer Erſcheinung blendete ihn. Wo hätte er in Nuſtar eine ſo vollendete, elegante Erſcheinung erwartet?

Von dieſer Stunde an fuhr er nicht mehr nach Eſſeg.

Nach der Sitte ſeines Landes ſpielte er meiſterhaft die Tamborika, jenes faſt wie eine Mandoline ausſehende, nur mit drei Saiten verſehene Inſtrument, mit welchem die Süd⸗ ſlaven ihre ſchwermüthigen Lieder zu begleiten pflegen. Da er ſelbſt über eine ſchöne Baritonſtimme verfügte, ſo ſang er nun oft im Garten dazu die eigenthümlich eintönigen Klage⸗

lieber von Kraljeric Marko, daß den lauſchenden Mädchen die hellen Thränen über die Wangen liefen.

Dragutin hatte nie zuvor ſo innig geſungen; waren es ja ſeine eigenen Klagen, die in den nationalen Weiſen ſeiner Heimat ausſtrömten, war es ja ſein eigenes überquellendes Gefühl, das bald dithyrambiſch aufjauchzte in den trunkenen Siegesliedern von Raguſa, bald hinſtarb in leiſen, klagenden Akkorden, die den Untergang eines großen Volkes beweinten, den Untergang des einſt ſo mächtigen Serbenreiches.

Dragutin liebte Marie, liebte ſie mit der ganzen wilden Leidenſchaftlichkeit ſeines Volkes, und der Gedanke an ſeine baldige Trennung machte ſein Blut höher aufwogen, daß er vom Sitze emporſprang und ſein Leid mit einem grellen Miß⸗ tone zu Ende war.

Aber auch in Marie war eine gewaltige Veränderung vor⸗ gegangen. Der ſchöne talentvolle Offizier hatte auf das ein⸗ fache, bürgerlich erzogene Mädchen einen mächtigen Eindruck gemacht.

Mitten in ihr Leben, das ſie in Geſellſchaft der primitiven Dorfbewohner zugebracht, war Dragutin getreten, wie ein milder Morgen im Mai, der tauſend Blumen blühen machte, die ſie früher nie gekannt. Im Sonnengoldduft der Ver⸗ klärung lag nun die Welt vor ihr, die erſt ſo eintönig war, tauſend Stimmen erklangen in ihrem Innern, deren Daſein ſie nie geahnt.

Wie mit einem Zauberſchlage war aus dem heiteren Kinde eine ſinnige Jungfrau geworden, verklärt vom Glorienſcheine der Poeſie, trinkend vom Götterborne der erſten Liebe.

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Ein milder Frühlingsabend ſenkte ſich auf die Erde.

Marie ſaß mit Dragutin an der Rebenhecke, die des Kauf⸗ manns Haus an der Gartenſeite überkleidete, und ſah hinaus in das ebene Land, das lachend dalag, wie ein ruhiges, glück⸗ liches Menſchenleben, das kein Sturm zerwühlt.

Heller Dämmerſchein wob ſich um den fernen Eichw ald. der Rand vom Feld und Himmel kleidete ſich in ein eintöniges Gran und floß unmerklich ineinander, nur der Fluß blitzte noch im ſcheidenden Strahl der Sonne empor, wie der letzte Lichtgedanke eines wahnſinnigen Dichters. Dann ſtirbt auch dieſer und die Nacht kommt und tödtet den Tag des Geiſtes.

Marie lauſchte den Worten Dragutin's, der in lebendiger Rede von fremden Ländern und Städten erzählte, die er auf ſeiner Neiſe beſucht, von all den Herrlichkeiten, die er dort geſchaut hatte.

Marie, ſo ſchloß er,alle dieſe Herrlichkeiten machten mir oft den Kopf wirbeln, doch mein Herz blieb ruhig; als ich aber meine Heimat wieder begrüßte, als die einfachen Ortſchaften meiner Landsleute vor mir emportauchten und ich meine Vaterſtadt wiederſah, da hätte ich aufjauchzen mögen vor übergroßer Freude, da drängte es mich wie jenen König, den Boden zu küſſen, der mich als Kind getragen. Es iſt unſerem Volke eigen, das Vaterland über Alles zu lieben, an den alten Sitten zu hängen mit jeder Faſer des Herzens. Alles Andere überragend jedoch ſteht uns die Idee der Familie. Wann werde ich die meine gründen, wann ein theures Weib heimführen, daß es herrſche als Frau und Königin in meinem Hauſe?

Marie ſchlug erröthend den Blick zu Boden.

Dragutin faßte ſtürmiſch ihre Hand.