Jahrgang 
2 (1879)
Seite
519
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Ich ſchauderte auch, war jedoch zu glücklich, um mich weiter über die Vergangenheit zu grämen.

lih, Theuerſter! flüſterte ich, an ſeinem Halſe hängend, wenn wir erſt allein ſind, ſollſt Du noch viel hören; ver⸗ ſprich mir nur das Eine laß den armen Schelm frei aus⸗ gehen, ſtöre unſer Glück nicht durch die Erinnerung an eine harte Strafe durch die Juſtiz!

Dir zu Liebe thue ich es gern, antwortete er. In dieſem Augenblick trat Herr David unter dem wachſamen Auge des Herrn Hämes wieder ein und legte die geſuchten Sachen auf den Tiſch.

Gut ſo! ſagte Vetter Ulih, nachdem er ſie mit einem Blick durchflogen.Jetzt, Herr David, ſagen Sie mir, was ſoll ich mit Ihnen anfangen?

Wenn ſtotterte die arme Kreatur heraus,wenn Miß Fleming die große Güte haben wollte, für mich ein

gutes Wort einzulegen! Ich weiß ja, ich habe eine ſchänd⸗

liche Rolie gegen ſie geſpielt, doch, Herr, die Armuth, wirkliche Noth hoffentlich lernen Sie ſie nie kennen

Wenn ſie mit Verrath gepaart iſt, hoffentlich nicht, Herr David. Doch dieſer jungen Dame zu Gefallen, die für Sie gebeten hat, und in der Ueberzeugung, daß Sie nie im Leben wieder gegen ſie auftreten können, will ich Gnade für Recht üben und Sie frei ausgehen laſſen!

Ohne weiter auf die Dankſagungen, die mein früherer Zeichenlehrer hervorſtammelte, zu hören, führte Vetter Ulih mich die Treppe hinunter und ſetzte mich in ſeinen Wagen, nach Verlauf einer Stunde ſchon war ich wieder in Frampton und klärte meinen Freunden dort die wunderbaren Zwiſchen⸗ fälle, die wohl danach waren, Verdacht gegen mich aufkommen zu laſſen, zu ihrer völligen Befriedigung auf.

Dieſe Ereigniſſe, die ich möglichſt genau zu ſchildern ver⸗ ſucht habe, paſſirten vor zehn Jahren; drei Wochen ſpäter war meine Hochzeit. Jetzt hin ich ſchon eine alte Frau, au meinem letzten Geburtstage wurde ich ſechsundzwanzig Jahre alt. Eigentlich ſollte ich da, wo ich abbrach, meine Erzählung ſchließen, doch ich muß der Couſine Marcia noch gedeuken. Zur Zeit unſerer Hochzeit war dieſe ſehr niedergeſchlagen und

unglücklich; die Urſache hiervon erfuhr ich erſt, als Ulih mir

eroffnete, daß Marcia nicht mit uns in dem ſchönen neuen Hauſe in Rockbury leben ſollte, und daß er ſie davon ſchon in Keuntniß geſetzt. Dieſes that mir aufrichtig leid, ich wußte nur zu gut, wie ſchmerzlich ſie berührt ſein mußte, und was

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mich ſelbſt betraf, ſo muß ich offen ſagen, alle die neuen Teppiche, Vorhänge und Ueberzüge hatten ihren Reiz für mich verloren, ſobald ich hörte, daß Marcia nicht mit mir haushalten ſollte. Ja ich glaube, gerade der Eiferſucht und des Miß⸗ trauens wegen, das ſie mir gezeigt, liebte ich ſie ein wenig. So kounte ich es denn eines ſchönen Tages, als ſie wieder ſo troſtlos und unglücklich ausſah, nicht unterlaſſen, vor ihr niederzuknieen und es ihr zu ſagen, wie die Sachen ſtanden, daß ich nämlich im neuen Hauſe nur halb ſo glücklich ſein würde, wenn ſie dort nicht mit wäre, und ich bat ſie, zu uns zu kommen und den Verſuch zu wagen, ob ſie nicht friedlich und glücklich unter einem Dache mit mir leben könnte; halb und halb befürchtete ich, ſie würde ärgerlich und heftig auf⸗ brauſen, als ich ſo offen gegen ſie ſprach. Doch ſie ſchlang ihre Arme um mich und weinte ſich aus, und ſeit dem Tage waren wir immer die beſten Freunde.

Jetzt wüßte ich, offen geſagt, nicht, wie es ohne ſie gehen ſollte; in der Kinderſtube ſind ſchon ſechs Bahies, und ſie wirthſchaftet den ganzen lieben Tag dazwiſchen umher. Schon gleich nach der Geburt des erſten Kindes war von Eiferſucht bei ihr keine Rede mehr. So lange ſie nur ihre kleinen Lieblinge pflegen und für ſie ſorgen kann, läßt ſie mir meinen Ulih unangefochten.

Felicite iſt auch von Ernſt Moore heimgeführt, und ich glaube, daß ſie die paſſende Frau für ihn iſt. Sie leben meiſtentheils auf dem Kontinente. Ich habe ſeit Jahren nichts von ihnen geſehen; deſto mehr aber von einem anderen Paare, das oft zu uns kommt und das ſehr befreundet mit uns iſt, von Herrn William Bertram nämlich und ſeiner Frau in Oxley.

Das alte Paar in Frampton lebt noch und hält viel von meinem Mann und von meinen Kindern; mehr wahrſcheinlich als von mir, wie ich ihnen oft ſcherzend ſage.

Das Geſicht des Herrn David iſt mir nie wieder unter die Augen gekommen, ich trage auch kein Verlangen danach, ich weiß nur, daß mein theurer, edelmüthiger Ulih ihm ver⸗ ziehen und für ihn geſorgt hat, und daß dieſer gleich vielen Anderen in ſeinem Dankgefühle Gottes ſchönſten Segen herab⸗ fleht auf das geliebte Haupt meines Vetters Ulih. Mit dieſem Namen fing ich an, mit ihm ſchließe ich nun auch; was er mir im Leben geweſen, das zu ſchildern, iſt meine Feder zu ſchwach. Verſuche ich, alle meine Liebe für ihn zuſammenzufaſſen, dann löſen all' meine Gedanken ſich auf in dem Gebete Gott ſegne ihn!

Ein Juſtizmord.

Kriminal⸗Novelle.

Ein Mord war geſchehen.

Vor dem Thore einer ſlavoniſchen Dorfſchänke hatte man im erſten Grauen des Morgens einen Leichnam gefunden.

Noch ſchlaftrunken eilten die Knechte herbei. Sie liefen nach Laternen..

Als das Licht die eutſtellten Züge des Todten beleuchtete, erlannte man in ihm den Krämergehilfen vom Orte. Das Geſicht war vom heſtigen Zorne verzerrt, eine tiefe klaffende Wunde, wie von einem breiten Meſſer, gähnte auf der Bruſt. Der Todesſtoß war mitten durch das Herz gegangen.

(Nachdruck verboten.) Einem Lauffeuer gleich verbrejtete ſich die Kunde von der Unthat und drang bis Vukovar, dem Sitze der Militärbehörde. Diefelbe bemächtigte ſich ſofort des Falles, da in jenen Grenz⸗ bezirken das Standrecht galt. Noch au demſelben Tage war der vermeintliche Thäter in den Händen des Gerichts. *. 4* Die Stelle bei Eſſeg, wo der Draufluß in die aus Ungarn kommende Donau mündet, heißt die Dranecke. Ungefähr drei Stunden darunter liegt das Städtchen Vukovar ind eine