518 Concordia.
Ulih, gefolgt vom Hauswirth.— Mir ſchien es, als ſei mein Ruf durch die Wolken gedrungen, und als habe der gnädige Gott mein heißes Flehen ſofort erhört.
„Ulih, Ulih!“ rief ich wieder, doch dieſes Mal mit dem Ausdruck des innigſten Dankgefühls, und ſo wie mein feiger Angreifer dieſen Namen hörte, ſtieß er mich von ſich und ver⸗ ſuchte, ſich durch die geſprengte Thür zu retten, doch mein Vetter und der Wirth waren zu ſchnell für ihn.
„Nicht ſo eilig, mein feiner Herr!“ ſagte Vetter Ulih und faßte mit ſeiner kräftigen Hand den Herrn David am Kragen, „wir Beide haben noch mit einander abzurechnen, bevor wir uns trennen.“
„Hämes, ſchicken Sie zur Polizei!“
„Nein, nein!“ kief ich dazwiſchen, Alles vergeſſend und nur an die Gefahr denkend, wenn die Polizei konumen würde. „Ulih, theuerſter Ulih, um des Himmels willen bedenke, was Du thuſt, er iſt ja— mein Vater!“
„Dieſer hier Dein Vater?“ erwiderte er und zog dabei auf eine eben nicht ſanfte Art das bleiche Geſicht des Herrn David dem Lichte näher.„Petronel, Du biſt ſchmählich ge⸗ täuſcht, er iſt ein niederträchtiger Lügner, der mir nun Rede und Antwort über den heilloſen Einfluß, den er auf Dich aus⸗ geübt haben muß, ſtehen ſoll.“
„Er wäre nicht mein Vater?“ jauchzte ich auf, zitternd vor Freude, daß Ulih wahr geſprochen haben könnte.„O, Ulih, biſt Du Deiner Sache auch gewiß?— auch ganz gewiß? — er gab ſich mir gegenüber während der letzten zwei Jahre als ſolcher aus.“
„Petronel! Wenn je ſich Züge unvergeßlich in mein Ge⸗ dächtniß geprägt haben, ſo ſind es diejenigen des Mannes, der mir Deine Mutter raubte. Ich wiederhole es Dir noch⸗ mals, dieſer war es nicht!“
„Aber er hatte doch alle Briefe von ihr und ihr Bild? Er zeigte mir meinen Taufſchein und ſeinen Trauſchein!“ rief ich ängſtlich aus.„Sprechen Sie, thaten Sie es nicht?“ wandte ich mich fragend zu Dem, der mich ſo gewiſſenlos ge⸗ täuſcht hatte.„War es nicht nur infolge deſſen, was Sie mir ſagten und vorzeigten, daß ich daran glaubte, daß Sie mein Vater ſeien?“
„Sprich!“ ſagte Ulih, indem er dem ſich unter ſeinen Händen krümmenden Manne einen derben Stoß gab.„Wie kamſt Du in den Beſitz deſſen, was Miß Fleming eben auf⸗ zählt, oder ich übergebe Dich der Polizei und klage Dich des Diebſtahls an!“
„Er— er hinterließ es mir,“ erwiderte Herr David zitternd,„und als Niemand Anſprüche darauf erhob, ſah ich es als mein Eigenthum an.“
„Wen meinſt Du mit„Er“²*
„David Fleming, ihren Vater. Er ſtarb vor zehn Jahren, als wir zuſammen in Rom waren, und ich leerte ſeine Taſchen; es war aber nur wenig darin.“
„Aber wie in aller Welt,“ warf ich ein,„machten Sie es möglich, mich in Antwerpen aufzuſinden, und wie kamen Sie auf die Idee, ſich für meinen Vater auszugeben, während Sie doch wußten, daß Sie mich endlos unglücklich dadurch machten?“
Während ich dieſe Frage an Herrn David richtete, regte ſich in mir ein Anflug von Mitleiden für ihn in ſeiner
Schmach, der vor Zeiten ſo manche Freundlichkeit für mich
gehabt hatte— es ſchien mir, als errölhete er, als ſein Auge dem meinen begegnete.
„Gieb Miß Fleming Antwort““ forderte Vetter Ulih mit Heftigkeit.
„Das Geld!“ murmelte Herr David.„Ich war ſo arm und bin es noch; die Verſuchung trat ſo verlockend an mich heran.“
„Dieſe Verſuchung bringt Dich hoffentlich auf die Galeeren!“ rief Ulih zornig aus. Ich kannte jedoch ſein gutes Herz und ſagte ernſthaft:
„Nein, nein, Ulih! Herr David war in Antwerpen mein Zeichenlehrer und freundlich gegen mich. Damals hatte er wirklich viel Nachſicht mit mir und erzeigte mir manche Ge⸗ fälligkeit, ich mochte ihn gern und muß ſelbſt einräumen, die Verſuchung war groß. Bitte, thue ihm kein Leid an, jetzt iſt ja Alles vorbei, und nicht wahr, Herr David, jetzt haben alle Ihre Quälereien ein Ende?“
„Beim Himmel, das ſoll wohl ſein!“ warf Ulih ein.
„Und wir müſſen verſuchen, zu vergeſſen, was geſchehen iſt— und vergeben?“ ſagte ich, Ulih flehentlich anſehend, „wir ſind ja ſo glücklich!“
Mein Bitten ſchien Eindruck auf Ulih zu machen, er ließ des armen Zeichenlehrers Halstuch los, ſtellte ſich aber der Vorſicht halber vor die Thür.
„Wohlan, mein Herr,“ fuhr er nach einer Weile fort, „wenn ich Miß Fleming's gütiger Fürſprache Gehör ſchenke, müſſen Sie mir erſt noch einige Fragen beantworten. Wie iſt Ihr wirklicher Name?“
„Philipp Watſon.“
„Nahmen Sie den Namen„David“ nur an, um Ihre betrügeriſchen Abſichten ausführen zu können?“
„Ich that es nur, wie ich Miß Fleming ſchon geſagt hatte, um mich vor der Welt zu verbergen und um mich den Gerichten zu entziehen. Dieſes konnte mir leicht gelingen, wenn ich den Namen annahm. Und als ich nun in Ant⸗ werpen zufällig mit ihr zuſammenkam und erfuhr, wer ſie
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war, war die Verſuchung, etwas zu gewinnen, indem ich mich
für ihren Vater ausgab, zu verlockend.“
„Jämmerlicher Wicht! Wo ſind denn die Dokumente, wodurch es Dir glückte, ſie zu täuſchen?“
„Ich habe ſie bei mir.“
„So gieb ſie heraus!“
Einen Augenblick kramte er zwiſchen Papieren, die er aus ſeiner Taſche zog, herum, dann legte er den Trauſchein meiner Eltern, meines Vaters Todtenſchein und meinen Taufſchein in Ulih's Hände; als ich dieſe ominöſen Papiere wiederſah, hätte ich vor Freude weinen mögen.
„Die Briefe ſtecken in meinem Reiſeſack, ebenſo auch das
Bild von Mrs. Fleming, das ich die Ehre hatte, Miß Fleming
in Antwerpen zu zeigen.“ „Hämes, gehen Sie mit ihm!“ ſagte Vetter Ulih kurz, und ſo wie die beiden Männer das Zimmer verlaſſen hatten,
ſchloß er mich in ſeine Arme und drückte mich an ſeine Bruſt.
„Mein liebes, theures Mädchen, meine Petronel! Wenn Du nur eine Ahnung davon hätteſt, was ich durchgemacht und was ich gelitten habe, bis ich den Brief bekam, den Du zurückgelaſſen hatteſt! Ohne den glücklichen Zufall hätte ich gar nicht gewußt, was daraus hätte werden ſollen; mit Schaudern denke ich daran!“
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