Alles ausplauderſt.
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516 Concordia.
am Leben erhalten. Aber alle, die Sie im Garten gefüttert haben, leben noch und kommen immer wieder und ich ſtreue ihnen jeden Tag Krümchen.“— Offenbar befand ſich die Alte in dem Wahn, eine Perſon vor ſich zu haben, die ſie vor vielen Jahren gekannt und die mit ihr im Hauſe gewohnt haben muß.— Mir wurde die Geſchichte endlich doch un⸗ heimlich und ich ſah mich mehrere Male nach der Thür um, in der Abſicht, das Haus wieder zu verlaſſen. Eine beinahe fieberhafte Angſt aber überfiel die Alte, wenn ich mich auch nur um einen Schritt der Thür näherte. Als ich meine Blicke auf ein an der Wand hängendes Porträt richtete, be⸗ nutzte ſie, ſich unbeobachtet glaubend, die Gelegenheit und verriegelte ſchnell auch dieſe Thür. Ein Schlüſſel ſteckte glück⸗ licherweiſe nicht im Schloß, ſonſt hätte ſie gewiß mit demſelben zugeſchloſſen und ihn dann abgezogen. Das Porträt aber, das mir aufgefallen, hätte man wirklich für das meine halten können. Nur daß die Dame, die es vorſtellte, älter ſein mußte, als ich. Damit war der Irrthum der Alten mir voll⸗ ſtändig erklärt.— Nachdem ſie die Thür verriegelt, kehrte ſie wieder zu mir zurück.—„Bleiben Sie doch bei mir, Regin⸗ chen, bleiben Sie doch wieder bei Ihrer alten Hanna!“ bat ſie, daß es ordentlich rührend war, ſie anzuhören.„Sehen Sie, ich darf Sie ja gar nicht fortlaſſen, denn die Menſchen thun Ihnen doch nur Böſes. Die kleine ſchwarze Damie mit dem Kinde hat Alles verſchuldet, denn ſie iſt es wahrſcheinlich, die Sie die ganze Zeit über bei ſich behalten hat. Als Sie eine Weile mit dem Bilde fort waren, kam Herr Denau hierher geraſt und wir haben die ganze, lange, nebelige Herbſtnacht hindurch nach Ihnen geſucht. Sind Sie etwa böſe auf ihn? Wollen Sie ihn nicht ſehen? Gehen Sie in's
Atelier, Reginchen, und ſchließen Sie von innen zu; wenn er dann kommt, ſo ſage ich, Sie wären nicht zu Hauſe. Wollen Sie?“—— Die Erwähnung des Ateliers hatte mich neu⸗ gierig gemacht. Ich öffnete die Thür des Nebenzimmers und betrat einen Raum, wo tauſend reizende Sachen, offenbar von Künſtlerhand geſchaffen, über⸗ und durcheinanderlagen. Es waren Taſſen, Teller, Tafelaufſätze, Fruchtkörbchen und noch viele andere Dinge, aus feinſtem Porzellan, und mit einer Malerei geſchmückt, wie ich ſie ſo wunderbar ſchön noch nie⸗ mals ſah.— Mit dem Betrachten dieſer Gegenſtände verging wieder eine Viertelſtunde. Nun aber dachte ich ernſtlich an die Heimkehr.— Ich wollte in das andere Zimmer zurück— aber, o Schrecken! Die Alte hatte es von außen verriegelt, nachdem ſie, mich in das Anſchauen der Gegenſtände vertieft wiſſend, ſich unbemerkt wieder hinausgeſchlichen hatte. Das Atelier zeigte von der anderen Seite noch eine Thür; dieſe führte in ein Schlafgemach. Auch hier Alles ſauber und nett. Eine zweite Thür in dieſem Zimmer mußte auf den Flur münden. Ich klinkte— ſie war von außen verſchloſſen. All' mein Klopfen und Pochen blieb nutzlos, die Alte ſchien plötz⸗ lich taub geworden.— Was nun machen? Die Sache wurde bedenklich.— Ein Blick zum Fenſter hinaus über belehrte mich, daß dicht davor ein kleiner Garten, aber deſſen Stacket zu klettern ich ſehr wohl im Stande war.— Ein Sprung— und ich ſtand unten!— Jetzt aber— haſt Du nicht geſehen die Schleppe meines Reitkleides über den Arm genommen, eins, zwei, drei! über den Zaun geklettert, mein Pferd los⸗ gebunden und fortgeſprengt, daß die Funken ſtoben.—— Dies mein Abenteuer. Iſt es nicht ſeltſam?“ (Fortſetzung folgt.)
Betronel.
Roman aus dem Engliſchen von Florence Marryat. (Schluß.)
Während ich verzweiflungsvoll die Hände rang, lachte er laut auf.
„Glaubſt Du denn, ich wüßte nicht, daß Du ſchlau genug biſt, irgend eine Geſchichte zu erdichten, womit Du die alten Weiber täuſchen kannſt? Kannſt Du nicht angeben, Du hätteſt Dich verirrt oder bei einer beliebigen Freundin die Zeit hin⸗ gebracht? Sind ſie denn ſo mißtrauiſch, daß ſie einer ſolchen Unſchuld, wie Du es biſt, keinen Glauben ſchenken?“
„Lügen kann ich nicht!“ rief ich leidenſchaftlich aus.„Soll denn mein ganzes Leben eine Täuſchung ſein, wollen Sie mir denn nie die Erlaubniß geben, offen zu ſein, ſelbſt nicht gegen meinen Gatten?“
„Nein, nie!“ erwiderte er ärgerlich.„Und wenn Du mir nicht gleich in dieſem Augenblick nochmals das feierliche Ver⸗ ſprechen giebſt, bei Deiner Hoffnung auf ein Jenſeits mich nie zu verrathen, ſo werde ich ſchon Mittel und Wege finden, Dich fern von Deiner Sippſchaft zu halten, damit Du nicht Schwöre es, Mädchen, ſchwöre, was ich von Dir verlange, ſonſt bringe ich Dich weg von England; ich habe volles Recht dazu, dann wirſt Du nie Jemanden, der Dir hier lieb iſt, wiederſehen!“
Ich gedachte meines Bräutigams und ſeiner Augſt, wenn er mein unerklärliches Verſchwinden erfahren würde, des
Glückes, das er mir vorgemalt, gedachte auch der ſchauerlichen Guillotine, die über dem Haupte meines Vaters ſchwebte. So ſchwur ich denn, an allen Gliedern zitternd und unter Thränen, daß ich ſein Geheimniß bis zu meiner Todesſtunde treu, wie ich es bisher gethan, bewahren wollte.
Dieſes ſchien meinem Vater ſeine gute Laune wiederzugeben „Komm' nun,“ ſagte er heiter,„laß das Weinen ſein, Du biſt ein gutes Kind, Du haſt gethan, was ich forderte, jetzt laß uns etwas genießen.“
Er zog an der Glocke und befahl der Aufwärterin, die ſich meldete, ſie ſolle einige Erfriſchungen heraufbringen. Unterdeſſen ſaß ich in ſtummer Verzweiflung in der Fenſter⸗ niſche, die nach dem Hafen führte. Dort hörte ich es ſieben Uhr ſchlagen, war alſo ſchon zwei Stunden lang dort geweſen.
„Der Aufenthalt hier iſt eben nicht beſonders reizend, nicht wahr?“ ſagte mein Vater und ſetzte ſich, vertraulich ſeinen Arm auf meine Schulter legend, neben mich,„doch als ich hörte, daß Deine Hochzeit ſo bald ſchon gefeiert werden ſollte, und als Du meine Briefe ganz unbeantwortet ließeſt, hielt ich es für meine Pflicht, ſelbſt herüberzukommen und Dich⸗ aufzuſuchen. Wann wird Deine Hochzeit ſein?“
„In drei Wochen!“ antwortete ich leiſe.


