Coucordia. 515
bei ſich zu ſehen, fragte die Baroneſſe ob ſie ſich wohl befinde, ſie habe ſo lange nicht das Vergnügen gehabt, und ſo weiter.
„Danke, Frau Marquiſe, ich erfreue mich der beſten Ge⸗ ſundheit. Sie geſtatten, daß ich Ihnen Herrn von Platzki, unſeren zeitweiligen Hausgenoſſen, vorſtelle. Wir wollen durch⸗ aus nicht lange ſtören, Frau Marquiſe uns nur nach Ihrem Befinden erkundigen; denn da wir bei unſerem neu⸗ lichen Spazierritte von Ihrer Fräulein Tochter vernahmen, daß Sie leidend—“
„Sehr gütig, wirklich außerordentlich gütig, Baroneſſe! Hatte durchaus nichts zu ſagen; ein wenig Migräne— nicht der Rede werth— bitte, Herr von Plotzki, wollen Sie nicht lieber hier Platz nehmen?“
Ein Heer von nichtsſagenden Phraſen fiel von den Lippen der beiden Damen, die um ſo höflicher wurden, je mehr ſie ſich gegenſeitig mißſielen.
Frau von St. Etienne zerbrach ſich den Kopf, ob Freda nicht vielleicht irgend einen Zweck mit ihrem Beſuche verbinde, und Freda ärgerte ſich im Stillen halbtodt, daß weder Herbert noch Eva erſchien. War Letztere überhaupt nicht anweſend? Faſt ſchien es ſo.
Plotzki ſaß dabei und lächelte. Nur mitunter warf er ein geiſtreiches Wort in die Unterhaltung.
Endlich öffnete ſich die Thür und Eva trat ein.
Die letzten Strahlen der Abendſonne fielen durch die hohen Fenſter gerade auf ihr Antlitz, deſſen zart gerundetes Oval dadurch wie mit feurigem Griffel gezeichnet erſchien. Köſtlich leuchtete das feine Weiß der Haut, erglänzte das üppige Haar, über das der Abendſchein verſchwenderiſch ſein Meer von Goldtinten ergoß. Welch' ein Farbenſchmelz!
„Madonna auf Goldgrund!“ flüſterte Freda ihrem Nach⸗ bar perſiflirend zu.
Und heimlich dachte ſie:„Zehn Jahre meines Lebens gäb' ich, könnte ich mir damit nur für einen Tag ihre Schönheit erkaufen!“
Sie ſah Plotzki an. Der ſaß wie verſteint. Sein habi⸗ tuelles Lächeln war einer Miene gewichen, die Bewunderung, grenzenloſes Staunen— weiß Gott, was Alles noch aus⸗ drückte.
„Alſo auch der!“ dachte Freda.„Sogar dieſen alten Men⸗ ſchen, auf den Frauenſchönheit doch wirklich keinen ſo gewaltigen Eindruck mehr machen ſollte, blendet und beſtrickt die Zauberin!“
„Lange nicht geſehen!“ ſagte Eva zu Freda, welcher ſie die Hand zum Gruße gereicht.
„Seit unſerem romantiſchen Spazierritte nicht!“ erwiderte dieſe.—
„Ich habe heute einen noch viel romantiſcheren Ritt ge⸗ macht,“ verſicherte Epa.— Dann wandte ſie ſich an Frau von St. Etienne.„Sei nur nicht bös, lieb' Mütterlein; ich bin wohl recht lange geblieben? Aber wenn Du wüßteſt, was mir begegnet! Wirklich etwas ſo Romantiſches, höchſt Phan⸗ taſtiſches, Sonderbares——“
„Bitte, bitte, erzählen Sie doch!“ rief Freda.
„Wenn es kein Geheimniß iſt—“ lächelte Plotzki.
„O, durchaus nicht. Eigentlich iſt es nur die Fortſetzung von unſerem neulichen Spazierritt, Baroneſſe. Aber es wird Sie intereſſiren; ich will es erzählen: Ich wählte zu meinem heutigen Ausfluge zu Pferde denſelben Weg, den ich vor Kur⸗
zem in Ihrer und Ihres Herrn Vetters Geſellſchaft geritten. Es war ſo ſtill auf der Ebene, weit und breit kein Menſch zu ſehen; ich bekam auf einmal Luſt, mich ein wenig in's Gras zu ſetzen. Nachdem ich mein Pferd an einen, links auf dem kleinen Hügel ſtehenden Baum gebunden, that ich das auch. Der Platz, auf dem ich ſaß, lag dicht vor dem ſo⸗ genannten„Spukhaus“— ich erzählte Dir davon, Mama.— Wohl ein Viertelſtündchen mochte ich träumend verbracht haben, da bemerke ich, wie die Thür geöffnet wird und ein altes, altes Mütterchen, das ſchneeweiße Haar zum Theil von einem turbanartig um den Kopf gewundenen Tuch bedeckt, heraustritt. Das alſo iſt die alte Hexe, dachte ich, die den Kindern ſo großen Schrecken einjagt. Ich blickte die Alte ſcharf an, denn ſo ein altes, verſchrumpftes, verdorrtes Mumiengeſicht hatte ich wirklich in meinem Leben noch nicht
geſehen; ich war begierig, was ſie eigentlich unternehmen
würde. Da wird auch ſie meiner anſichtig, bleibt eine Weile wie erſtarrt vor mir ſtehen, reißt die kleinen Aeuglein weit auf und ruft, lachend und weinend zugleich:„Regine, Fräulein Regine, ſind Sie endlich wieder da? Gott ſei geprieſen! Kommen Sie, Reginchen, kommen Sie ſchuell herein!“ Ehe ich
ihr wehren kann, iſt ſie auf mich zugeſtürzt, hat mich umarmt,
Hände, Kleid, Füße mit Küſſen bedeckt und zerrt und zieht mich mit aller Gewalt in's Haus hinein. Im erſten Augen⸗ blick war ich ſo überraſcht, daß ich Alles mit mir geſchehen ließ. Dann beſann ich mich und wollte zurück. Aber die Alte ſchien nicht ſobald meine Abſicht zu merken, als ſie mit wunderbarer Behendigkeit zur Thür ſprang, einen ſchweren, eiſernen Riegel vorſchob und mich in ein offenſtehendes Zimmer zerrte. Dabei ſtürzten Thränen über ihre vertrockneten, mit Tauſenden von Falten und Fältchen bedeckten Wangen.— „Hier bleiben, Fräulein Regine,“ ſchluchzte ſie wie ein Kind, „hier bleiben bei der alten Hanna! Warum wieder fort von der armen Hanna, die ſchon ſo viel um Sie geweint hat! Nicht wieder zurück in den Fluß; aber nein“— ſie befühlte mein Haar und meine Kleider—“ nein, im Fluß waren Sie ja nicht, denn Ihr Haar iſt trocen—— Wo waren Sie denn die langen Jahre?—— Wie jung und hübſch Sie wieder geworden ſind! O und ſo ein prächtiges Kleid, ſo ein nagel⸗ neues Sammetkleid! Hat er's Ihnen geſchenkt?“— Mit
welken, zitternden Händen ſtreichelte ſie beinahe zärtlich mein
Kleid und machte ſich nun daran, in rein kindiſcher Freude ein Stück nach dem anderen meiner Toilette zu muſtern und zu bewundern.— Mir war wirklich zu Muth, als ſei ich in ein verzaubertes Schloß gerathen. Alles ſo ſtill und ſchweigend, als ſchliefe in der Nähe Jemand. Das Zimmer, in dem ich mich befand, machte zwar einen behaglichen, wenn auch etwas altmodiſchen Eindruck. Ich bemerkte ein Tafelinſtrument, was freilich ausſah, als würde nie darauf geſpielt, ein alterthüm⸗ liches Sopha, einen Glasſchrank mit Büchern, eine große, dumpf tickende Wanduhr. Auf dem Fußkiſſen am Fenſter, wo ſich ein gepolſterter Lehnſtuhl befand, lag zuſammengerollt und leiſe ſchnurrend eine alte Katze. Ich mußte dabei lebhaft an die Schilderung der Kinder von den zwölf Katzen denken. — Die Alte trippelte dorthin, nahm die Katze auf den Arm und brachte ſie mir.—„Sehen Sie doch, Fräulein Regine, es iſt ja noch Ihre alte Mignon,“ ſagte ſie;„aber ſie iſt ganz blind und lahm. Sie hat auch ſo lange auf Sie ge⸗ wartet. Die Vögelchen freilich ſind todt, die vornie ich nicht 5e
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