Jahrgang 
2 (1879)
Seite
514
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514 Concordia.

Kind, wenn es nicht ebenfalls geſtorben, wußte nichts Näheres über die Umſtände ſeiner Geburt.

Ein plötzlicher Gedanke blitzte in Plotzki's raſtlos arbeiten⸗ dem Hirne auf. Wie, wenn er einen Menſchen fände, einen unbeſcholtenen, aber armen, blutarmen Menſchen, dem die Noth aus allen Winkeln ſeiner elenden Dachkammer entgegengrinſte, wenn er einen ſolchen Menſchen fände und durch das ver⸗ lockende Bild eines ihm vorgehaltenen glänzenden, üppigen Lebens dafür gewinnen könnte, als der Sohn Reginens auf⸗ zutreten, die Erbſchaft in Empfang zu nehmen und nachher mit ihm zu theilen? Auch die Hälfte der im Teſtament ge⸗ nannten Summe genügte den koſtſpieligſten Bedürfniſſen und Lebensgewohnheiten.

Für die nöthigen Beweiſe zur Legitimation wollte er ſchon ſorgen; ein ſo glänzender Lohn wog etwaige Bedenken gegen Fälſchung einiger Zeugniſſe reichlich auf.

Dieſen Plan beſchloß Plotzki feſtzuhalten und zur Aus⸗ führung zu bringen.

Er legte nun das Teſtament an ſeinen Platz zurück, die Briefe darauf und brachte ſorgfältig Alles wieder in Ordnung. Dann öffnete er behutſam die Thür und ſchlich über den Korridor zurück.

Plötzlich fiel ihm ein, daß er ſich wohl noch nach Freda's Befinden erkundigen könne. Sie nahm das ſtets mit Wohl⸗ wollen auf und er war ihr dieſe Artigkeit ſchuldig ſchon darum, weil ſie oft in wirklich generöſer Weiſe ſeinem Geld⸗ beutel zu Hilfe kam.

Freda ruhte auf dem Divan, hatte ein Buch in der Hand und las, als er eintrat.

Guten Abend, Plotzki! Ich freue mich, Sie zu ſehen. Eben wollte ich Sie zu mir bitten laſſen.

Nun und was ſollte mir dieſe Auszeichnung zuziehen?

Ich wollte Sie bitten, mich noch heute Abend, vielleicht in einer halben Stunde, zur Frau von St. Etienne zu be⸗ gleiten.

St. Etienne? Fremder Name; wer iſt das?

Sie kennen dieſen Namen, entſinnen Sie ſich nur. Ich erzählte Ihnen, daß ich Frau von St. Etienne, ſowie deſſen Tochter Eva in der Schweiz kennen lerute. Die Dame iſt eine Deutſche, eine geborene Freiin von Kalkwitz, hier aus der Stadt. Sie heiratete in ſpäteren Jahren den Marquis von St. Etienne und lebte mit dieſem in Paris. Der Marquis ſtarb bald. Alles dies theilte ich Ihnen ſchon mit.

Und ich Unglückſeliger konnte es wieder vergeſſen! lächelte Plotzki.

Papa iſt ausgegangen, fuhr Freda fort,und wird ſchwerlich bald zurückkommen; auf ſeine Begleitung, auch wenn er ausnahmsweiſe mir dieſelbe einmal gewähren wollte, kann ich alſo nicht rechnen. Wie Sie wiſſen, geht er höchſt ungern, faſt niemals in Gefellſchaft. Sie auch leugnen Sie nicht! Aber ich bitte Sie, thun Sie es einmal mir zu Liebe. Frau von St. Etienne hat hemt ihren Empfangsabend, es werden aber wenig Gäſte anwefend ſein. Ich rechne ſogar nur auf einen.

Vielleicht auf Herbert?

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Jal Alſo ſeinetwegen! Seinetwegen ja wohl! erwiderte Freda, während ein

bitteres Lächeln über ihre Wangen glitt;aber doch vielleicht 8

aus einem anderen Grunde, als Sie denken. Ihren ſcharfen Augen ſcheint es nicht entgangen zu ſein, daß Herbert mir nicht gleichgiltig. Aber daß ich ihn liebe, liebe mit all' der glühenden Neigung, deren mein heißes, von den Menſchen mißhandeltes Herz fähig iſt, das wiſſen Sie nicht. Liebeleer ſeit meiner Kindheit mußte ich durch's Leben gehen, zurück⸗ drängen immer und überall mein Empfinden, denn es gabja Niemand, der es verſtand, der Antheil daran nahm. Sie, Plotzki, waren bei Ihren öfteren Beſuchen der Einzige, der mir ein wenig Theilnahme bewies; dafür bin ich Ihnen dankbar. Mein eigener Vater weiß leider kaum, daß er eine Tochter hat. Glauben Sie nicht, daß mein Herz ſich nicht nach Liebe ſehnt? Es ſchlägt unter der unſchönen Hülle ſo heiß und verlangend als nur irgend eins. Als ich Herbert ſah, da ſchmolz das Eis trotzigen Stolzes in mir und ein übervolles Herz ſtrömte ihm entgegen. Es knospete unter dem Schnee zarte Frühlingsblüthen erſtanden ſie hätten ſich üppig ent⸗ falten, hätten reiche Frucht tragen können es ſollte nicht ſein! Deun durch den Reif, der auf mich fiel, ſind ſie zu⸗Giftblumen geworden. Ich hoffte, auch Herbert werde mir ſeine Liebe zuwenden, und dieſe Liebe hätte das dankbarſte, glücklichſte ja, vielleicht das beſte Geſchöpf der Welt aus mir gemacht. Bis vor Kurzem trug ich mich noch mit dieſer Hoffnung jetzt nicht mehr! Jene Eva von St. Etienne Freda's Augen funkelten vor Haß, als ſie dieſen Namen ausſprachhat ihn voll⸗ ſtändig unfähig gemacht, auf der Welt etwas Anderes zu ſehen, als ihre großen, kaltblickenden Augen. Sie werden heute Abend ſelbſt darüber urtheilen lernen. Ich habe mir das heilige Verſprechen, gegeben daß, da Herbert mir nicht gehören darf, auch ſie ihn nicht beſitzen ſoll. Helfen Sie mir, dies Verſprechen vor mir ſelbſt zu erfüllen. Laſſen Sie uns ge⸗ meinſam überlegen, welche Wege einzuſchlagen ſind, um eine Verbindung Evals mit Herbert zu verhindern. Ich werde mich Ihnen in einer Weiſe erkeuntlich zeigen, welche Sie zu⸗ friedenſtellen wird. Irgend etwas muß geſchehen, und hakd! Um noch vor Herbert dort zu ſein, habe ich mir vorgenommen, recht früh bei Frau von St. Etienne zu erſcheinen.

Gut, ich werde Sie begleiten, erwiderte Plotzki.Auf

meine Hilfe dürfen Sie zählen, Freda; eine Freundlichkeit iſt

der anderen werth. In einer Viertelſtunde klopfe ich an Ihre Thür und hoffe, Sie zur Fahrt bereit zu finden. 12. Kapitel. Bei deralten Hexe.

Plotzki ſpielte mit Gemandtheit den Kawalier. Er half ſeiner Dame den Shawl umlegen, führte ſie mit

Courtoiſie die Treppen hinab, bückte ſich nach einem ab⸗

geſprungenen Handſchnhknopf und warf ſchließlich dem Larc en, der die Wagenthür um eine Sekunde zu ſeüh ſchloß, ſtoofende Blicke zu.

Im Vorzimmer Frau von St. Etiennes nahm er dienſt⸗ befliſſen den Shawt wieder von Frrha's Schultern. Narau führte er ſie in den Salon, nicht ohne vorher ſeinen Zügen wieder jenes Lüchelsn, das um ſein ganzes Aufreten, eine Glorie weltmänniſcher Gelaſſenheit wob, aufgeprägt zu haben.

Frau von St. Etienne empfing ihre Gäſte etwas eraunt, etwas kühl, etwas erzwungen. Nichtsdeſtoweniger druckte ſie ihnen mit liebenswürdiger Höflichkeit ihre Freude aus, ſie