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Toncordia. 513
kleine, ſtolze, kluge Regine— Louiſens Schweſter! Welch' ein ſeltſamer Zufall! O, ich ſehe ſie noch vor mir mit den großen, klaren Augen, die mir immer in's Herz hineinſchauen wollten. Nie hat ſie mich leiden mögen und dieſe Abneigung auch nie verſteckt!— Aber ſieh', ſieh'! Die kleine Heuchlerin, die ich für einen Ausbund an Tugend hielt, in Beziehungen zu einem verheirateten Manne! Wer hätte das geglaubt! Man lernt die Frauen doch niemals kennen!— Ich weiß
nicht, der Erinnerung an dieſe beiden Mädchen habe ich mich
eigentlich nie völlig entreißen können. Heute noch, nach ſo
vielen Jahren, fühle ich bei dem Gedanken an ſie faſt etwas
wie einen verſteckten Vorwurf in mir. Bah— was für weibiſch ſentimentale Gefühle! Weg damit! Die beiden Nonnen verſchwanden ſo plötzlich aus dem Hauſe, Niemand wußte anzugeben, wohin ſie gezogen— man glaubte all⸗ gemein, daß ſie die Stadt ganz und gar verlaſſen——
und große Reiſen, um ſie aufzuſuchen und ihnen ihr Geld
zuvückzugeben, konnte ich ſchießlich nicht machen. Dies Letztere zu, thun— ich muß es mir zum Lobe nachſagen— war eigentlich meine Abſicht, niemals jedoch hatte ich eine ſo große Summe überflüſſig. So unterblieb es.“
Sinnend betrachtete Plotzki ein Bild Reginens, das er
ebenfalls vorgefunden.
men ſchlechten Geſchmack hat er wenigſtens nicht gehabt,“ lachte er cyniſch.„So ein verdammt niedliches Hexengeſicht⸗ chen kann es Einem ſchon anthun!“
Er war jetzt mit den Briefen zu Ende. Grund zu einem Abbruch des Verhältniſſes ließ ſich aus ihnen nicht erſehen, u doch intereſſirte es ihn ungemein, den weiteren Verlauf deſſelben kennen zu lernen.
Sein Auge ſiel auf einen verſiegelten Brief, welcher auf dem Boden des Faches lag. Er betrachtete die Aufſchrift. „Beſtimmungen, meinen letzten Willen enthaltend!“ las er.
Dus konnte zum Aufſchluß, ja— zu höchſt wichtigen Ent⸗ deckungen führen, deshalb zögerte er keinen Augenblick, das Teſtament zu eröffnen. Nichts einfacher, als es dann mit dem, zu den Siegeln benutzten Petſchaft des Barons, das vor ihm auf dem Schreibzeug lag, wieder zu ſchließen. Moraliſche Bedenken gegen eine ſolche Handlungsweiſe kannte er nicht.
Jetzt war's geſchehen! Haſtig entfaltete ſeine zitternde Hand das Papier.
Nachdem mehrere Legate ausgeſetzt, auch der, nach dem Tode des Barons an ihn, Plotzki, fortzuzahlenden Rente von eintauſend Thalern erwähnt worden war, kam folgender Parageaph:
„Zur Erbin der einen Hälfte meines nach Auszahlung vorſtehender Legate noch übrigen Vermögens ernenne ich meine Tochter Freda; und zwar beſtimme ich für dieſelbe außer meiner ſchuldenfreien Herrſchaft Seidenau im Kreiſe Rappſchütz die Summe von 150,000 Gulden, welche in diverſen Obligationen im Depoſitorium der Kaiſerlichen Bank deponirt ſind.
Die andere Hälfte meines Vermögens, beſtehend aus 450,000 Gulden öſterreichiſcher Rente, vermache ich Regine Haller, welche bis vor zwei Jahren in hieſiger Stadt gelebt und von der Firma Selten und Kompagnie in Porzellan⸗
malerei beſchäftigt wurde. Regine Haller verſchwand ſpurlos heut' vor zwei Jahren, gegen Abend des 2. Novembers, und iſt bis jetzt ihr Verbleib noch nicht ermittelt worden.
Sollte Regine Haller vermählt ſein, ſo fällt trotzdem das Erbtheil ſammt den, ſeit dem Tage meines Todes auf⸗ gelaufenen Zinſen ihr ungeſchmälert zu. Dem hieſigen Gericht, bei welchem das Original dieſes Teſtamentes depo⸗ nirt iſt, ſteht im Verein mit meinem Freunde, Juſtizrath Dr. Nolding, welchen ich zum Kurator über beſagte 450,000 Gulden ernenne, die Aufgabe zu, den Aufenthalt der Regine Haller zu ermitteln.— Sollte Letztere todt ſein, ſo geht das Erbe an dasjenige Kind über, welches Regine Haller vor zwei Jahren geboren und welches ich hierdurch mit allen Pflichten und Rechten anerkenne. Als einzige Bedingung für dieſe Zuwendung des Kapitals und An⸗ erkennung dieſes meines zweiten Kindes ſtelle ich auf, daß daſſelbe bis dahin einen tadelloſen Lebenswandel geführt und einen unbeſcholtenen Namen trägt. Zur Beurtheilung deſſen und weil der Aufenthalt dieſes Kindes mir bis jetzt ebenfalls unbekannt iſt, habe ich den genannten Herrn Juſtiz⸗ rath als Kurator deſſelben beſtellt, mit der Weiſung, nach meinem Ableben durch mehrmaliges, öffentliches Aufgebot, überhaupt mit allen Mitteln, welche für den Zweck geeignet ſind, nach dieſem meinem zweiten Kinde zu forſchen. Sollte
aber— es iſt mir ſchmerzlich, den Gedanken auszuſprechen— mein Kind nicht mit unbeſcholtenem Namen oder nicht im Vollgenuſſe der bürgerlichen Ehrenrechte gefunden werden, dann verfüge ich, daß demſelben für ſeine Lebenszeit von dem Kapital nur ein Zinsgenuß von 1000 Thalern jährlich überwieſen werde und das Uebrige an meine Tochter Freda zurückfalle. Iſt das, von Regine Haller vor zwei Jahren geborene Kind verſtorben oder nach einem Zeitraum von zehn Jahren, von meinem Tode an gerechnet, noch nicht zu ermitteln geweſen, ſo fällt alsdann dieſer Theil meines Vermögens ebenfalls an meine Tochter Freda.“
Dies war der Inhalt von Rolf von Seidenau's Teſtament.
Plotzli ſah nach dem Datum. Es ging um ſechszehn Jahre zurück; demnach mußte das Schriftſtück kurze Zeit nach dem Tode der Baronin Editha aufgeſetzt ſein.
Ohne Zweifel iſt ihm kein ſpäteres gefolgt— dachte Plotzki — und es hat heut' noch ſeine volle Giltigkeit. Die Entdeckung, die er gemacht, ſchien ihm von unberechenbarer Tragweite! Nun fand das unſtäte Weſen des Barons ſeine vollgiltige Er⸗ klärung. Er fürchtete den Eklat, darum betrieb er die Nach⸗ forſchungen nach Regine auf ſo verdeckte Weiſe. Erſt nach ſeinem Tode ſollten öffentliche Aufrufe erlaſſen werden!
Aber welcher Grund mochte Regine Haller dazu bewegen, ſich hartnäckig den Nachforſchungen Rolf's zu entziehen?—— Bald ward er ſich auch hierüber klar. Entweder hatte ſie nichts von des Barons mit Editha beſtehender Ehe gewußt und es plötzlich, ohne ſein Wollen erfahren, oder— ſie war
vielleicht davon unterrichtet und ſpätere Reue über das un⸗
erlaubte Verhältniß hieß ſie den Geliebten meiden.
Doch nein— letztere Annahme wurde hinfällig dadurch, daß ſie ſeinerzeit gewiß Editha's Tod erfahren und nun an eine Vereinigung mit Rolf von Seidenau ſehr wohl denken konnte. All' ihre Bedenken mußten mit Editha's Tode ſchwin⸗ den, die Liebe zu dem Vater ihres Kindes mußte obſiegen, ſie in ſeine Arme zurückführen.
Blieb nur noch eine Annahme, für deren Richtigkeit bel weiterem Nachdenken immer mehr Gründe bürgten: Regine war todt, war ſchon vor der Baronin geitordand und ihr
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