Jahrgang 
2 (1879)
Seite
512
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512 Concordia.

bereits hinter ſich haben Diejenigen ſind es beſonders, welche ſich gern einer ungeprüften, in letzterem Falle auch oft ſchon fadenſcheinigen Tugend rühmen. Ihre Lebensbahn iſt glatt und geebnet, vielleicht am Leitſeil der Mutter oder bei Frauen an der Hand des Gatten. O über die Tugendſtolzen, die unbarmherzig den Stab brechen über ein armes, allein⸗ ſtehendes Mädchen, deren Fuß auf dem ſteinbeſäeten Weg, den es zu wandern hat, vielleicht einmal ſtrauchelt! Wer weiß, ob ſie nicht trotzdem hoch über Jenen ſteht. Sie aber, Juſtizrath, der Sie täglich Gelegenheit haben, Blicke in das menſchliche Herz zu thun, es bis in die tiefſten Tiefen zu ergründen, auf ſeine geheimſten Regungen zu prüfen, Sie ſollten darum mild urtheilen!

Der Baron ſtand auf und machte einen Gang durch's Zimmer.

Hand her, alter Freund! rief der Juſtizrath und bot ihm die Rechte, in die der Baron einſchlug.Sie wiſſen wohl, bei mir kommt Alles ein wenig gerade heraus, doch aber giebt es Keinen, der es beſſer mit Ihnen meint. Würde ich wohl nach einer Spur der Verſchollenen ſo lange mit Ihnen geſucht haben und noch ſuchen, wenn ich nicht den herz⸗ lichſten Antheil an Ihrem Schmerze nähme, der wahr und echt ſein muß, da er nach ſo langer Zeit noch nicht erſtarb? Kommen Sie jetzt mit mir, Seidenau; wir gehen noch ein Stündchen in's Freie und wollen unterwegs von anderen

Dingen plaudern. Vielleicht holen wir Ihren Neffen Herbert

ab, damit er uns begleite?

Ja, das wollen wir thun, lieber Nolding, denn Herbert's Gegenwart erquickt mich förmlich. Vielleicht liebe ich ihn darum ſo ſehr, weil ſeine Natur der meinen ſo ganz entgegen⸗ geſetzt iſt. Denn Herbert iſt ein ganzer Mann und ich Sie ſagten es ja: ein Schwächling!

Bald nachdem der Baron mit dem Juſtizrath das Zimmer verlaſſen, wurde die Thür von Neuem geöffnet und eine ge⸗ ſchmeidige Geſtalt ſchlich ſich behend und katzenartig herein. Es war ein mittelgroßer Mann, deſſen ſpitzer Kopf auffallend zwiſchen den Schultern ſteckte.

Mit Späherblicken ohne indeß irgend einen Gegen⸗ ſtand der Mühe längeren Betrachtens für werth zu halten, ſchweiften die kleinen, ſcharfen Augen umher.

Hatten die Jahre in dem einſt ſo ſchönen Antlitz Rolf von Seidenau's die bitterſten Verwüſtungen angerichtet, ſo waren ſie an demjenigen Joſt von Plotzki's ſpurlos vorübergezogen.

Das war noch dieſelbe liſtig glatte Stirn mit der An⸗ gewohnheit, ſich leicht hinaufzuziehen, dieſelbe Diplomatennaſe, daſſelbe häßliche, plumpgeſchnittene Kinn ja, es war ſogar noch daſſelbe ſtumpfgraubraune Haar.

Plotzki nahm vor dem Schreibtiſch Platz und begann fol⸗ gendes murmelnde Selbſtgeſpräch:

Er muß etwas haben! Wenn ich nur dieſem Etwas auf die Spur käme, es würde vielleicht eine Einnahmequelle für mich ſein! Dies ſtundenlange Einſchließen mit dem alten Eiſenkopf, dem Nolding, muß etwas Anderes, als geſchäftliche Angelegenheiten im Hintergrunde haben. Ich weiß ja, wie gleichgiltig ihm Alles iſt! Nur ein einziges, dunkles Etwas in ſeinem Leben vermag ihn aus ſeiner Apathie aufzurütteln. Wer ſagt mir, was es iſt? Dieſen öfteren Reiſen muß etwas geheimnißvolles zu Grunde liegen, das ſorgfältig den Augen Anderer verborgen wird. Ich werde es auſſpüren

gewiß! und wenn es für ihn etwa kompromittirend iſt, ſo ſoll er ſich mein Schweigen theuer erkaufen! Meine Taſchen ſind leer, denn was ſind die tauſend Thaler jährlich, die er mir ausgeſetzt hat? Lächerlich, mir ſo einen Bettel vor die Füße zu werfen, wo er nach Hunderttauſenden zählt! Soll ich einen Sachverſtändigen kommen laſſen, damit dieſer in Abweſenheit des Barons dieſen unſchuldigen Schreibtiſch unterſucht? Es würde auffallen und ſchließlich nichts mehr und nichts weniger, als mir bereits bekannt iſt, entdeckt werden.

Plotzki zog jetzt einen kleinen Schlüſſel hervor und ſchloß damit den Schreibtiſch auf.

Wie ſchon oft, durchſtöberte er auch heute alle Papiere und Briefe des Barons, legte ſie aber, da ſie ihm nichts Neues boten, nach flüchtiger Durchſicht wieder beiſeite.

Mitten in dieſer Arbeit fiel ihm ein, daß er leichtſinniger Weiſe vergeſſen, die Thür zu verriegeln; er ſtand deshalb raſch auf, um dieſe nothwendige Vorſichtsmaßregel auszuführen.

Dann begann er von Neuem, eifrig in den Papiermaſſen herumzuwühlen.

Nichts! Alte Rechnungen, Berichte des Gutsverwalters, unwichtige Aktenſtücke u. ſ. w.

Aergerlich warf Plotzki den ganzen Kram zuſammen und war eben im Begriff, den Schreibtiſch wieder zu ſchließen, als er zwiſchen der Wand des Zimmers und derjenigen des Schreibtiſches die Ecke eines Schriftſtückes hervorragen ſah, das bei der Durchſicht der Papiere dort hinabgerutſcht ſein mußte. Er verſuchte, es hervorzuziehen, doch gab daſſelbe ſeinen Bemühungen zum Trotz nicht nach. Da er das Zer⸗ reißen des Papiers befürchtete, wenn er heftiger daran zöge, ſo griff er mit den Händen unter den Tiſch, um ihn von der Wand abzurücken.

Plötzlich berührte ein leiſe ſurrendes Geräuſch ſein Ohr.

Und ſiehe da! Was er ſo lange vergeblich geſucht, ein Zufall ließ es ihn jetzt entdecken. Seine Hand hatte auf der unteren Fläche des Schreibtiſches eine verborgene Feder be⸗ rührt, durch welche der ganze, ſcheinbar feſt ineinandergefügte Seitentheil des Tiſches ſich vollſtändig auseinanderſchob. Es zeigte ſich ein Fach, das bis an den Rand mit Papieren ge⸗ füllt war.

Ein Ah! der Ueberraſchung entfuhr Plotzki's Lippen. Dann machte er ſich mit einer wahren Gier daran, den Inhalt des Faches zu prüfen.

Briefe Liebesbriefe! murmelte er dabei.Von einer Zeit datirt, wo Editha noch lebte! Haha! Wenn es wirk⸗ lich nichts Anderes wäre aber weiter, weiter! vielleicht findet ſich mehr!

Einer nach dem anderen von den im Fache enthaltenen Briefen Reginens wurde durch ſeine Augen entweiht. Endlich kam er an einen, unter dem ihr voller Name ſtand: Regine Haller.

Plotzki's Augen erweiterten ſich. Er griff an ſeine Stirn, um ſich zu überzeugen, daß er nicht träume; ſein Blick haftete ſtarr auf den Schriftzügen am Ende des Briefes und mehrere Male murmelte er wie im Traume:Regine Haller

Dann ließ er die Hand, welche den Brief hielt, ſinken; ſein Geſicht nahm einen Ausdruck an, als ließe er Vergangenes an ſeinem Geiſte vorüberziehen.

Iſt's möglich? ſprach er ſinnend.

Regine die